Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.05.2019


Gesellschaft

Von Journalistin zur Pfarrerin: „Botschaft steht noch mehr im Mittelpunkt“

Von der Redaktion in die Kirche: Julia Schnizlein hat dem Journalismus Adieu gesagt und in der Ausbildung zur Pfarrerin Erfüllung gefunden.

Die angehende Pfarrerin findet man als julia_schnizlein auch auf Instagram.

© privatDie angehende Pfarrerin findet man als julia_schnizlein auch auf Instagram.



Carmen Baumgartner-Pötz

Wien — Eigentlich sind Julia Schnizleins früheres und ihr jetziges Leben gar nicht so verschieden. Dienst an Sonn- und Feiertagen, ständige Erreichbarkeit und lange Arbeitstage sind Alltag, nicht Ausnahme. Früher, das war vor dem Sommer 2017, als die heute 40-Jährige das Magazin News verließ, um in der Wiener Lutherkirche die praktische Ausbildung zur Pfarrerin und somit das Vikariat zu beginnen. Etwas wirklich Sinnerfüllendes zu machen, war ihre Motivation. „Ich wollte eigentlich immer schon Pfarrerin werden, aber als ich mit 25 mit dem Studium der evangelischen Theologie fertig war, war einfach noch nicht die Zeit dafür", erzählt Schnizlein im Gespräch mit der TT.

Nach einem Journalismuslehrgang in Wien bleibt die gebürtige Deutsche ab 2004 elf Jahre als Medienredakteurin bei der Austria Presse Agentur (APA), bevor es sie für zwei weitere Jahre in Richtung Magazinjournalismus zieht. „Es gibt tatsächlich Parallelen zwischen damals und heute. Die Botschaft, die Message rüberbringen, darum geht es jetzt noch mehr. Ich habe es mir ruhiger vorgestellt, aber man ist als angehende Pfarrerin irgendwie nie mit der Arbeit fertig. In beiden Jobs hat man mit Menschen zu tun. Aber jetzt muss ich keinen Zweck mehr verfolgen, sondern kann mich überraschen lassen und bekomme von den Menschen Vertrauen geschenkt", schildert Schnizlein.

Eine besondere Freude ist es ihr, Menschen in verschiedenen Lebensphasen zu begleiten — sei es bei Taufe, Hochzeit oder Begräbnis. „Der Glaube, die Bergpredigt, das Neue Testament — das ist mir wirklich wichtig. Das möchte ich weitergeben. Ich habe gefunden, was ich gesucht habe", ist die Mutter zweier Kinder sicher.

Vom ersten Gedanken bis zur fertigen Sonntagspredigt braucht Schnizlein etwa acht Stunden. „So lange dauert es, bis ich wirklich zufrieden bin." Anders als in der katholischen Messe mit der Eucharistie steht in der evangelischen Kirche die Predigt im Zentrum des Gottesdienstes.

Kirche heute leben bedeutet für Schnizlein dort hinzugehen, wo die Menschen sind. Also auch Facebook, Twitter und Instagram. „Öffentlichkeit findet im Internet statt. Die Kirche würde eine große Chance verpassen, wenn sie das nicht nutzt", ist die angehende Pfarrerin überzeugt. Und so teilt sie in den sozialen Netzwerken ihre Gedanken, Blogs oder Fotos von der letzten Dienstkleidungsbestellung mit den Hashtags #casualpriest und #wasvikarinnensomachen. „Natürlich kann das nicht den persönlichen Kontakt ersetzen. Aber vielleicht erreichen wir so Jugendliche, die die Kirche sonst aus den Augen verlieren würden. Es ist ein Anfang", sagt Schnizlein.

Dem Nachfolger von Bischof Michael Bünker wünscht sie, die evangelische Kirche in Österreich weiterhin sichtbar zu machen. „Es ist ein großes Verdienst Bünkers, dass die Evangelischen ernst genommen werden, obwohl sie eine kleine Minderheit sind." Dass sich keine Frau für die Nachfolge gefunden hat, findet Schnizlein schade. „Vielleicht braucht das noch Zeit, aber nächstes Mal ist es bestimmt so weit. Gerade wächst eine neue Generation an Pfarrerinnen heran. Zwei Drittel der angehenden Pfarrer sind weiblich", ist sie optimistisch für die Zukunft.

Eine Generation, die mit der neuen Karfreitagsregelung der Regierung leben muss. Infolge eines EuGH-Urteils war der hohe Feiertag für Evangelische, Altkatholiken und Methodisten heuer erstmals nicht mehr frei. „Und unsere Kirchen waren an diesem Tag noch voller als sonst", ist Schnizlein stolz. „Unser Signal war: Wir lassen uns diesen Tag nicht nehmen. Da hatte ich schon Gänsehaut."

Zahlen

292.597 Mitglieder zählt die Evangelische Kirche nach eigener Zählung in Österreich (Stand 31.12.2018), die überwiegende Mehrheit davon — 268.221 — evangelisch A.B. (Augsburger Bekenntnis). In Tirol und Salzburg sind es rund 27.000 Kirchenmitglieder. Von den 244 aktiven Geistlichen sind 86 Pfarrerinnen und 185 Pfarrer. Prominentestes Mitglied ist Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der jüngst wieder in die Kirche eingetreten ist.