Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 07.05.2019


Bezirk Landeck

Für Raimund vom Kaunertal 7000 km nach Kanada

Zenzl Stadlwieser wanderte in den 50er-Jahren für ihren Raimund vom Kaunertal nach Kanada aus. Thomas Junker interviewte beide.

Zenzl und Raimund Stadlwieser wanderten in den 50er-Jahren nach Kanada aus. Dort wurden sie für das Zeitzeugenarchiv interviewt.

© Thomas JunkerZenzl und Raimund Stadlwieser wanderten in den 50er-Jahren nach Kanada aus. Dort wurden sie für das Zeitzeugenarchiv interviewt.



Von Matthias Reichle

Kaunertal, Kanada – Wenn sie „weil“ sagen will, sagt sie „because“, statt „nein“ rutscht ihr manchmal ein „no“ heraus – ihre Herkunft hört man dem „Slang“ von Zenzl Stadlwieser aber immer noch an. Die Kaunertalerin ist vor 63 Jahren nach Kanada ausgewandert – für ihren Raimund.

Es ist eine außergewöhnliche Auswanderergeschichte, die Filmemacher Thomas Junker für das Kaunertaler Zeitzeugenarchiv aufgezeichnet hat. Er hat die beiden Exil-Kaunertaler in der Nähe von Edmonton/Alberta besucht und sie sich erzählen lassen. „Ich musste mich schnell entschließen, er hat mir keine Zeit gegeben“, erinnert sich Zenzl, die die ältere Schwester des Altbürgermeisters Eugen Larcher ist. Die Kaunertalerin war Mitte der 50er Haushälterin in Frankfurt, als sie Post von Raimund Stadlwieser aus Kanada erhielt. Der war wie viele ausgewandert und arbeitete dort bereits seit 1954 bei seinem Onkel auf einer Ranch. Geahnt hatte sie schon lange, dass er ein bisschen mehr von ihr will, „sonst würde er nicht so oft schreiben“, erzählt die rüstige 86-Jährige. Verliebt war sie allerdings nicht. Sie seien Freunde gewesen, hätten sich gut gekannt, erzählt sie.

Ihr Abschied von daheim war dann alles andere als einfach: „Es war hart, es ist heute noch hart. Ich hab das Kaunertal geliebt. Ich hab immer gesagt, ich werde nie aus dem Kaunertal gehen“, gesteht sie vor der Kamera. „Die Mutter und Großmutter haben den ganzen Sommer geweint.“ Drei Wochen überquerte die damals 23-Jährige dann mit dem Schiff den stürmischen Atlantik. Bereits nach zehn Tagen heiratete das Paar, sparte und kaufte sich nach zwei Jahren eine Farm, die ständig erweitert wurde. Bis zu 100 Kühe und Kälber besaß die kinderreiche Familie. Elf Nachkommen – acht Jungen und drei Mädchen – brachte Zenzl auf die Welt. Ins Kaunertal Kontakt zu halten, war nicht immer einfach – bis auf gelegentliche Telefonate. „In den 70er-Jahren ist sie dann alle fünf Jahre auf Besuch gekommen“, erinnert sich Eugen Larcher an die Auswanderung seiner Schwester: „Inzwischen gibt es über 50 Stadlwieser in Kanada“, freut er sich im Gespräch mit Junker. Die Interviews mit ihm und seiner Schwester sind im leadergeförderten Online-Zeitzeugenarchiv www.kaunertaler-zeitzeugen.at abrufbar, das Junker gemeinsam mit Charly Hafele ins Leben gerufen hat. Bereits über 200 Kaunertaler hat er dafür interviewt, um die Geschichte des Tales zu dokumentieren.