Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 12.05.2019


Gewaltprävention

Seit 20 Jahren: Eine Auszeit von der Klasse

Der Bildungsminister spricht davon, Time-out-Gruppen einzurichten, in Tirol gibt es sie seit 20 Jahren: von Anfang an viel diskutiert, kritisiert, aber auch als notwendig verteidigt.

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© Michael Kristen



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – „Gleich vorweg: Es wird niemand in eine Time-out-Klasse ,gesteckt‘“, sagt Christian Biendl vom Schulqualitätsmanagement der Tiroler Bildungsdirektion. „Es gibt keine Zuweisung ohne Zustimmung der Eltern.“ Die Bedenken gegen eine Separierung und damit Stigmatisierung sind mit dem Bestreben nach Inklusion gestiegen, doch die Realität mache manchmal eben eine „Auszeit“ nötig: „Wir wollen den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich diese in einer kleinen Gruppe zu nehmen und nach rund sechs Wochen wieder gestärkt in eine Regelklasse zurückzukehren.“

Die Tiroler Time-out-Klassen wurden vor rund 20 Jahren ins Leben gerufen für Kinder – so die ursprüngliche Idee –, die durch einen Todesfall in der Familie aus der Bahn geworfen wurden. Die Gründe für eine Zuweisung haben sich im Laufe der Jahre geändert, inzwischen sind es Schüler, die in ihren Klassen Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Ziel ist es, Distanz zur bisherigen schulischen Situation zu schaffen und sowohl die betroffenen Kinder als auch deren Umfeld zu entlasten, so die offizielle Definition. In Innsbruck gibt es zwei – an der Volksschule Altwilten und der Neuen Mittelschule Reichenau – und eine weitere in Hall, an der Neuen Mittelschule Dr. Posch.

An der NMS Reiche­nau betreut Gerhard Wegmair seit rund 15 Jahren Jugendliche aus verschiedenen Schulen. „Die Lehrer sind heute konfrontiert mit vielen Typen von Schülern, für einen einzelnen ist die Situation in einer großen Klasse oft nicht mehr bewältigbar.“ In der Time-out-Klasse arbeiten derzeit drei Pädagogen mit elf Schülern. NMS-Direktor Josef Pallhuber: „In dem Zusammenhang fallen oft Begriffe wie Ghettoisierung oder Wegsperren, es ist aber genau das Gegenteil der Fall. Wir versuchen, Schülern in Krisensituationen zu helfen – in überschaubaren Gruppen mit Lehrern, die sich speziell ihrer annehmen.“

Klassenvorstand Wegmair: „Es gibt Schulverweigerer, die nicht mehr in die Regelschule wollen, aber gerne hierhergehen, wo sie in der kleinen Gruppe besser zurechtkommen. Für viele ist das eine Möglichkeit, doch noch ihren Abschluss zu machen.“ Sie bleiben unter Umständen auch länger in der Time-out-Klasse, in den anderen Fällen geht es aber darum, den Kindern einen raschen Wiedereinstieg zu ermöglichen, auch wenn die meisten nicht mehr an ihre ursprüngliche Schule zurückkehren, sondern in eine andere wechseln.

Seine Methode, einen Weg zu den für andere oft nur noch schwer erreichbaren Schülern zu finden: „Bei uns gibt es einige wenige, aber dafür klare Regeln, dazu gehören Ordnung, Höflichkeit, Struktur. Wenn sie sich daran halten, drücke ich manchmal ein Auge und oft auch noch ein Hühnerauge zu, zum Beispiel bei einer vergessenen Hausaufgabe. Man muss eine harte Schale haben, aber einen ganz weichen Kern.“ Das Zauberwort sei Konsequenz: „Es gibt heute keine Konsequenzen mehr für Fehlverhalten, vor allem keine unmittelbaren. Wenn jemand etwas anstellt, wird beraten und diskutiert und dabei vergehen Tage. In dieser Zeit hat das Kind längst vergessen, worum es geht. Man muss sofort erklären, was falsch war.“ Die Auszeit-Klasse hat viele entschiedene Gegner, die Eltern der betroffenen Schüler gehören aber nicht dazu. Wegmair: „Sie sind froh, wirklich richtig froh, dass ihr Kind einen Platz gefunden hat.“

Der Bedarf ist groß, derzeit gibt es in Innsbruck 25 Anfragen. Aus diesem Grund wird überlegt, mobile Varianten auch an anderen Schulen einzurichten, wie Christian Biendl sagt. „Weil die Probleme werden ja nicht weniger.“ Lehrer Gerhard Wegmair rechnet nicht damit, dass die vom Ministerium verkündeten Maßnahmen alle umgesetzt werden: „An den Schulen fehlt derzeit schon hinten und vorne das Geld, ich glaube nicht, dass es dafür zur Verfügung steht.“ Direktor Pallhuber: „Solche Systeme kann man nicht aus dem Boden stampfen, wenn selbst im Regelschulsystem das Personal fehlt, das wir dringend bräuchten. Es sollte nicht nur darum gehen, die Allgemeinheit kurzfristig zu beruhigen.“