Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 19.05.2019


Gesellschaft

Kaiserschützen erinnern an die Teilung Tirols vor 100 Jahren

„Tirol isch lei oans“, heißt es im Reimmichl-Volkslied. Dennoch kam es im Jahr 1919 zur Teilung. Kaiserschützen bereiten dazu einen Gedenkakt in Nauders vor.

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© Kaiserschützen1921



Von Helmut Wenzel

Innsbruck, Nauders – „Der Rest ist Österreich.“ Diese legendäre Erklärung hatte Frankreichs Premierminister Georges Clemenceau 1919 bei den Verhandlungen zum Friedensvertrag von Saint-Germain verkündet. „Der Rest ist Tirol“, musste die Bevölkerung in Nord- und Osttirol, aber auch in den abgetrennten Teilen Südtirol und Trentino zur Kenntnis nehmen, nachdem die bis heute gültige österreichisch-italienische Staatsgrenze 1920 bis 1924 gezogen wurde.

Der Erste Weltkrieg war für Österreich-Ungarn verloren. Ab November 1918 rückten italienische Truppen am Brenner, im Wipptal und in Innsbruck ein, „um den Einfluss Italiens an der Nordgrenze zu demonstrieren“, wie der Südtiroler Historiker Hans Heiss analysiert. „Für die Öffentlichkeit Südtirols und Österreichs war es schmerzlich, dass die Brennergrenze und somit die Teilung Tirols besiegelt waren.“

Italien hatte sich nach dem Londoner Vertrag vom 26. April 1915 zum Kriegseintritt auf Seit­e der Entente (Großbritannie­n, Frankreich und Russland) entschieden. Als Belohnung winkte den Italienern u. a. „das zisalpine Tirol“ mit seiner „natürlichen Grenze bzw. Wasserscheide“, wie es hieß.

In Tirol machten sich nach Kriegsende Wut und Ohnmacht breit, zumal die neue Grenzziehung wenige Monate zuvor noch undenkbar gewesen war. Der Völkerrechtler und Politiker Eduard Reut-Nicolussi (geb. 1888 in Trient, gest. 1958 in Innsbruck) zeigte in der Denkschrift Deutschsüdtirol im Februar 1919 auf: „Welche ungeheure Umwälzung müsste Europa durchleben, wollt­e man Wasserscheiden als Staatsgrenzen rechnen. Die Tiroler Wasserscheiden waren niemals Staats- und auch niemals Völkergrenzen.“ Doch die Argumente blieben wirkungslos, Italien zeigte politische Härte.

Ein österreichisch-italienischer Grenzregelungsausschuss trat 1919 zusammen auf – die Akten liegen heute im Staats­archiv in Wien. „Während der Arbeiten traten wiederholt Probleme auf“, schildert Philipp Egger (Uni Innsbruck) 2018 in seiner Diplomarbeit „Die Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg“. Streit habe es etwa bei Grenzpunkten am Brenner und Reschen gegeben, auch weil unterschiedliche Urkunden verwendet worden sind. „Beide Pässe wurden immer weniger als Verbindung zwischen Nord und Süd gesehen, sondern als Barriere.“

An die Teilung Tirols vor 100 Jahren erinnern will der „Kaiserschützenbund Tirol 1921 der Europaregion Tirol“ mit Bundesobmann Major Hans-Peter Gärtner. Der ehrenamtlich aktive Verband ist seit 98 Jahren die offizielle Kaiserschützen-Vertretung beim Land Tirol und beim Bundesheer. „Wir sehen uns der Erinnerungskultur verpflichtet und möchten einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung leisten“, erklärte Gärtner bei den Vorbereitungen zum Gedenkakt am 1. Juni in Nauders.

Dort sind Repräsentanten und Traditionsverbände aus der Europaregion Tirol, aus Wien und Salzburg sowie die Musikkapelle Nauders mit dabei. Die Festansprache hält VP-Südtirolsprecher NR Hermann Gahr. Der Historiker Heiss gibt einen Überblick zum Them­a „100 Jahre Teilung Tirols“. Grußworte kommen von Manfred Vallazza (Landtagsabgeordneter Südtirol), Lorenzo Ossanna (Regionalratsabgeordneter Trient) sowie BM Helmut Spöttl (Nauders). Als Höhepunkt ist die Enthüllung einer Gedenktafel geplant, die Werner Seifert, Militärdekan i. R., segnen wird. Für die gut­e Zusammenarbeit mit dem Obmann des Nauderer Museumsvereins, VBM Karl Ploner, habe er zu danken, sagte Gärtner.