Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 13.05.2019


Bezirk Landeck

Fund in Fließ: „Bin froh, dass wir Leiche im Keller haben“

Gebäudereste und ein Hockergrab: 2012 wurde in Fließ eine eisenzeitliche Siedlung ausgegraben – Jasmin Wallner hat die Funde aufgearbeitet.

Museumsvereins-Obmann Walter Stefan begrüßte Jasmin Wallner, die in ihrer Masterarbeit die eisenzeitlichen Funde aufgearbeitet hat.

© ReichleMuseumsvereins-Obmann Walter Stefan begrüßte Jasmin Wallner, die in ihrer Masterarbeit die eisenzeitlichen Funde aufgearbeitet hat.



Von Matthias Reichle

Fließ – Eigentlich sollte ein neues Dorfzentrum gebaut werden – gestoßen ist man auf ein altes. Bürgermeister Hans-Peter Bock hatte damit zunächst keine rechte Freude, wie er im Rückblick bestätigt. Verzögerte es doch den Bau eines lange geplanten Großprojekts am so genannten Stuemerareal. Das habe einiges gekostet – „auch Zeit“, erklärt der Dorfchef im Rückblick. „Heute bin ich froh, dass wir diese Leiche im Keller haben“, schmunzelt er – und spielt damit auf den wohl spektakulärsten Fund an, den die Archäologen bei ihren Grabungen von November 2011 bis Juli 2012 gemacht hatten.

Unter anderem stießen sie dort, wo sich heute die Tiefgarage des neuen Dorfzentrums befindet, auf eine so genannte „casa retica“, ein typisch rätisches Wohngebäude, und ein rätselhaftes Hockergrab. Bis heute wirft der Mann, der dort innerhalb der Mauern des Hauses bestattet wurde, zahlreiche Fragen auf.

Eine umfassende Aufarbeitung der Grabungen von damals hat nun Jasmin Wallner vorgelegt. Ihre Masterarbeit, die sich mit dem eisenzeitlichen Siedlungsareal befasst, wurde in der Reihe „Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie“ veröffentlicht und in Fließ vorgestellt.

Bereits vor über 2500 Jahren dürfte der Platz, wo heute das neue Dorfzentrum steht, besiedelt gewesen sein. Das rätische Haus, das erhalten blieb und in der Tiefgarage zu sehen ist, wurde wahrscheinlich um ca. 450 v. Christus errichtet. Die eisenzeitliche Siedlung von Fließ könnte sich über einen weiten Teil des modernen Ortskerns erstreckt haben, schätzt Wallner.

Beim Toten handelte es sich um einen 40 bis 50 Jahre alten Mann, der zwischen 380 und 200 v. Christus starb. Sein Skelett wies zahlreiche Knochenbrüche auf. Auch wenn es wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann – Walter Stefan, der Obmann des Museumsvereins, vermutet einen Mordfall.

Für ihn ist das Buch ein wichtiger Beitrag, die reiche Geschichte von Fließ werde damit wieder einem Fachpublikum präsentiert. Die Gemeinde bietet einen reichen Schatz für Archäologen.

Dass Fließ in der Frühgeschichte ein Nabelpunkt war, vermutet auch Wallner, nicht nur wegen der geografischen Lage der Siedlung, sondern auch wegen des Brandopferplatzes am Piller Sattel.