Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 14.05.2019


“Grüß Göttin“

Aus der Göttin wurde Hötting: Neue Debatte um Schild in Innsbruck

In der Nacht auf gestern wurde das „GRÜSS GÖTTIN“-Schild in Innsbruck umgestaltet. Die Initiatoren wollen damit „zu mehr Freundlichkeit animieren“. Der Debatte um Sinn und Unsinn der Aktion gab es Auftrieb.

Das Schild wurde überklebt, nicht beschädigt. Der Staatsanwaltschaft liegt ein Polizeibericht zur strafrechtlichen Beurteilung vor.

© Thomas Boehm / TTDas Schild wurde überklebt, nicht beschädigt. Der Staatsanwaltschaft liegt ein Polizeibericht zur strafrechtlichen Beurteilung vor.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Das Werk der Tiroler Künstlerin Ursula Beiler bleibt sich treu. Bereits zwischen 2009 und 2016, als es in Kufstein stand, wurde es öfter umgestaltet. Vor wenigen Tagen wurde das Schild, begleitet von Beifall auf der einen und Kopfschütteln auf der anderen Seite, an einem Kreisverkehr in Innsbruck aufgestellt – und schon machte sich jemand daran zu schaffen. Aus „GRÜSS GÖTTIN“ wurde in der Nacht auf gestern kurzerhand „GRÜSS HÖTTING“.

Ein Mann, der sich selbst als „Freund“ der für die Aktion Verantwortlichen bezeichnet, aber nicht namentlich genannt werden will, hat sich gestern an die Tiroler Tageszeitung gewandt. Das Überkleben der Tafel mit dem Gruß an den Innsbrucker Stadtteil Hötting sei aber „auf keinen Fall“ als Protest gegen die Installation zu werten, sagte er, auch weil das Kunstwerk nicht zerstört worden sei. „Meine Freunde wollten einfach nur Leute grüßen und die Menschen zu mehr Freundlichkeit animieren.“ Und man hoffe auf Nachahmer. Wie das aussehen soll? „Vielleicht grüßt irgendwann Vomp mit einem Schild Schwaz oder Schwaz eine andere Stadt.“

So weit, so skurril. Die Nacht-und-Nebel-Aktion hat gestern jedenfalls auch die Polizei auf den Plan gerufen. „Kollegen waren vor Ort und haben sich ein Bild davon gemacht, Ermittlungen wurden aufgenommen“, bestätigte Stefan Eder, Sprecher der Tiroler Exekutive. „Nun wird ein Bericht zur strafrechtlichen Beurteilung für die Staatsanwaltschaft verfasst.“

„Ich sehe das Werk als eine temporäre Provokation, um über erstarrte Gottesvorstellungen nachzudenken", sagt Hermann Glettler 
(Bischof).
„Ich sehe das Werk als eine temporäre Provokation, um über erstarrte Gottesvorstellungen nachzudenken", sagt Hermann Glettler 
(Bischof).
- Foto TT / Rudy De Moor

Während diese dann darüber zu entscheiden hat, ob ein Straftatbestand vorliegt oder nicht, hat die Umgestaltung des Schildes wohl ihren Zweck erfüllt und einige Diskussionen ausgelöst. Die zuständige Innsbrucker Stadträtin Uschi Schwarzl (Grüne) merkte an, dass dem Kunstwerk nichts Besseres passieren könne, als dass es zur Kreativität anrege. „Ich bin in gutem Kontakt mit der Künstlerin, wir haben beide einen Sinn für Humor. Das Ziel, zum Nachdenken anzuregen, wurde auf jeden Fall erreicht.“

Gabriele Fischer (Grüne), als Landesrätin für Frauenthemen zuständig, freut sich, „dass das Schild wieder steht“. Es trage dazu bei, die Tatsache, dass „Frauen in der alltäglichen Sprache weiter nicht bedacht werden, sichtbar zu machen“.

Auch Hermann Glettler, Bischof der Diözese Innsbruck, hat sich Gedanken dazu gemacht und ist „mit der permanenten Aufstellung der Tafel alles andere glücklich. Ich sehe den Wert dieses Kunstwerkes als eine gelungene temporäre Provokation, über erstarrte Gottesvorstellungen nachzudenken. Temporär lässt sich für mich eine gewisse künstlerische Qualität erkennen, die sich jedoch nicht in einer dauerhaften Aufstellung bewährt“. Mit der Zeit, glaubt Glettler, verbrauche sich der zugrundeliegende Wortwitz.

Der Bischof fragt sich, ob es durch die Umformulierung des Grußes, den er „immaterielles Kulturgut unseres Landes“ nennt, nicht zu dessen „nachhaltiger Beschädigung kommt“. Denn mit der Grußformel sei „die größte Macht und Liebe gemeint, die sich von sich aus den Menschen geoffenbart hat und die in jeder menschlichen Begegnung offenbar wird. Mit Sicherheit aber nicht eine männliche oder weibliche Gottheit unter vielen, wie dies in einer polytheistischen Gottesvorstellung üblich wäre. Der eine Gott hat männliche und weibliche Wesenszüge in sich.“

In abrahamistischen Religionen, wie Judentum, Christentum und Islam, sei die Bezeichnung „Gott“ keine Personalisierung von Stärke, Erfolg oder Fruchtbarkeit, sondern im Gegenteil „eine sehr deutliche Absage davon. Gott ist der Ursprung und das Ziel von allem, was existiert“, sagt Glettler. „Er ist allen menschlichen Vorstellungen überlegen und gerade nicht einem Geschlecht zuzuordnen, wie dies mit der Bezeichnung „Göttin“ bewusst oder unbewusst wieder zum Ausdruck kommt.“