Letztes Update am Di, 14.05.2019 09:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesellschaft

Afro-Look statt blonder Mähne: Neue Puppen für Kinder in Afrika

Zu dünn, zu sexy, nicht kindgerecht. Wie Puppen aussehen sollen, bietet hierzulande viel Stoff für Diskussionen. Auch Eltern in Afrika kennen das Problem. Im Fokus stehen dort Hautfarbe und Haare.

Auf der Instagram-Seite der Sibahle Collection werden alle Varianten der kindgerechten Puppen präsentiert.

© Screenshot/Instagram/sibahleAuf der Instagram-Seite der Sibahle Collection werden alle Varianten der kindgerechten Puppen präsentiert.



Von Kate Bartlett und Gaby Mahlberg, dpa

Johannesburg – Als ihre dreijährige Tochter aus dem Kindergarten kam und verkündete, sie wünsche sich glattes, seidiges Haar, hatte die Südafrikanerin Khulile Vilakazi-Ofosu die Nase voll von westlichen Schönheitsidealen. Ihre Tochter mit den Afrolocken wollte so aussehen wie die Barbies und Puppen, mit denen sie spielte. „Als wir Kinder waren, hat man uns eingeflößt, dass es nur ein Schönheitsideal gibt: blonde, lange, glatte Haare“, sagt die Mutter der Deutschen Presse-Agentur. Lange habe sie das Spielzeug ihrer Tochter gar nicht richtig wahrgenommen. Aber als die Dreijährige sich glatte Haare wünschte, habe sie gewusst: „Es muss sich etwas ändern.“

Kurz entschlossen gründete Vilakazi-Ofosu mit der Sibahle Collection ihre eigene Spielzeugfirma. Sie wollte Puppen herstellen, die so aussehen wie die Kinder, die mit ihnen spielen. „Wir beschlossen, dass unsere Marke von denen repräsentiert werden sollte, die von der Schönheitsindustrie marginalisiert werden“, sagt die Unternehmerin. Neben Puppen mit Afrohaaren stellt ihre Firma auch Puppen mit Albinismus her – einem Pigmentmangel, der sich mit heller Haut bemerkbar macht. Kinder mit Albinismus würden oft von Gleichaltrigen gemobbt, die sie für „hässlich“ oder gar „verhext“ hielten, erklärt Vilakazi-Ofosu.

Deshalb werden Albino-Kinder in Afrika auch zum Angriffsziel für abergläubische Menschen. Manche werden entführt und ihre Körperteile ausgeschlachtet, weil sie über magische Kräfte verfügen sollen. Gegen solche Vorurteile kämpft aber nicht nur die Sibahle Collection mit ihrem Laden in Johannesburg. Auch Malaville Toys in Kapstadt produziert Albino-Puppen sowie Puppen mit besonders dunkler Haut. „Oft werden sehr dunkle Menschen in ihren eigenen Gemeinden wegen ihrer Hautfarbe gehänselt“, sagt Firmengründerin Mala Bryan.

Albino-Puppen, besonders dunkle Haut und Scheckhaut

Auf der Instagram-Seite der Sibahle Collection teilen Eltern Bilder ihrer Kinder mit deren neuen Puppen. Auf einem Video sei etwa ein kleines Mädchen zu sehen, das beim Auspacken einer Puppe völlig außer sich sei vor Freude, „weil sie zum ersten Mal sich selbst sieht“, sagt Vilakazi-Ofosu. „Bei der Albino-Puppe gibt es viele Erwachsene, die sie für sich selbst kaufen“, fügt sie hinzu. Viele Kunden wünschten, sie hätten als Kinder so eine Puppe gehabt.

Inzwischen gibt es auch eine Puppe mit Vitiligo, auch als Weißfleckenkrankheit oder Scheckhaut bekannt. Vilakazi-Ofosu hat sie zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Caroline Hlahla aus Simbabwe entworfen. Von schwarzen Puppen, die sie zuvor auf dem Markt gefunden habe, sei Vilakazi-Ofosu nur wenig beeindruckt gewesen. Viele hätten nicht wie afrikanische Kinder ausgesehen.

Das Problem, kindgerechte Puppen zu finden, ist auch Eltern in Deutschland bekannt, wo die spindeldürre, großbusige Barbie seit langem diskutiert wird. Studien hätten gezeigt, dass Puppen mit verzerrten Körpermaßen ein gestörtes Körperbild oder Magersucht bei Mädchen begünstigen könnten, erklärt die Genderforscherin Stevie Schmiedel von der Protestorganisation Pinkstinks.

Vielfalt auch bei Mattel, aber wird kaum gekauft

Zwar machen inzwischen auch herkömmliche Spielzeughersteller die Vielfalt zum Programm. So bietet etwa der US-Spielzeugriese Mattel in seiner „Fashionistas“-Serie Barbie-Puppen mit vier verschiedenen Körperproportionen, neun Hautfarben, vier Augenfarben, elf Haarfarben und elf verschiedenen Frisuren an. Aber die Kunden kauften sie kaum, sagt die Geschäftsführerin von Pinkstinks. „Nach wie vor ist auch durch Instagram und durch „Germany‘s Next Top Model“ die Nachfrage nach der sehr schlanken und klassischen Barbie weiter da“, sagt Schmiedel.

In Afrika kommt noch das Erbe der Kolonialgeschichte dazu. Weil weiße Haut und glatte Haare noch immer als erstrebenswert gälten, gäben junge Frauen viel Geld für schädliches Hautbleaching und das Glätten ihrer Haare aus, erklärt Schmiedel. „Da geht es ganz dringend darum, gerade bei afrikanischen Mädchen, aber auch bei Jungen, mehr Selbstbewusstsein zu schaffen und ihnen das Gefühl mitzugeben: Wir sind schwarz, und wir können stolz darauf sein.“

Auf der Webseite von Mattel gibt es auch schwarze Barbies mit Afrohaaren. Die sehen aber ganz anders aus als die Puppen der Sibahle Collection. „Wir wollten eine Puppe mit einer flachen Nase und runden Wangen, die wie ein Kind aussehen würde und nicht zu sehr sexualisiert“, sagt Vilakazi-Ofosu. Zudem sind die Kleider der Puppen aus knallbunt bedruckten heimischen Stoffen gemacht.

Leisten können sich die außergewöhnlichen Puppen aber nur wenige Familien in Südafrika, weil die beiden heimischen Spielzeugmacher im Ausland produzieren. Das treibt die Kosten in die Höhe. Bei Malaville Toys kostet eine Albino-Puppe 350 Rand (rund 22 Euro), eine Puppe der Sibahle Collection gar 440 Rand (rund 28 Euro). „Wir hoffen auf eine Zusammenarbeit mit Nicht-Regierungsorganisationen“, sagt Vilakazi-Ofosu. Mit der Unterstützung der Öffentlichkeit wolle sie einige ihrer Puppen an Menschen spenden, die sie wirklich brauchen.

Gender-Forscherin: Puppen sollen wie die Kinder selbst aussehen

Berlin - Puppen sollen nach Meinung der Genderforscherin Stevie Schmiedel so aussehen wie die Kinder, die mit ihnen spielen. Dürre Barbie-Puppen seien nicht nur schlecht für das Selbstbewusstsein junger Mädchen, sondern begünstigten auch ein gestörtes Körpergefühl, sagte die Geschäftsführerin der Protestorganisation Pinkstinks der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist natürlich nicht so, dass jedes Mädchen magersüchtig wird, das mit Barbies spielt." Studien belegten jedoch, dass Kinder, die mit Barbies spielten, eher ein gestörtes Körperbild entwickelten, sagte Schmiedel, deren Organisation sich gegen Sexismus und Homophobie wendet.

Gegen ein westliches Schönheitsideal bei Puppen gehen auch zunehmend Spielzeughersteller in Afrika vor, etwa Sibahle Collection und Malaville Toys, die kindgerechte Puppen mit schwarzer Haut und Afro-Haaren auf den Markt bringen. Weil in Afrika als Folge des Kolonialismus weiße Haut und glatte Haare noch immer als erstrebenswert gälten, gäben junge Frauen viel Geld für schädliches Hautbleaching und das Glätten ihrer Haare aus, erklärte Schmiedel. „Da geht es ganz dringend darum, gerade bei afrikanischen Mädchen, aber auch bei Jungen, mehr Selbstbewusstsein zu schaffen und ihnen das Gefühl mitzugeben: Wir sind schwarz, und wir können stolz darauf sein." (dpa)