Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 16.05.2019


Lernen

Ein bis zwei Kinder pro Klasse mit Lernstörungen: „Sie sind nicht dumm“

In jeder Klasse sitzen ein bis zwei Kinder, die dem Stoff nicht folgen können. Am Haller Zentrum für Lernen und Lernstörungen wurden die Therapieplätze verdoppelt, der Bedarf wäre noch höher.

Lesen, Schreiben und Rechnen ist für manche Kinder ein undurchdringliches Labyrinth an Wörtern und Zahlen – weil sie eine Lernstörung haben. Es gibt aber einen Ausweg.

© iStockphotoLesen, Schreiben und Rechnen ist für manche Kinder ein undurchdringliches Labyrinth an Wörtern und Zahlen – weil sie eine Lernstörung haben. Es gibt aber einen Ausweg.



Von M. Christler und M. Domanig

Hall – Die Kinder können nicht 2 und 3 addieren, ohne mit den Fingern zu zählen. Sie kennen das Abc, schaffen es aber nicht, ein Wort mit vier Buchstaben zu lesen. Sie sind dumm, heißt es vorschnell. „Auch wenn sie vielleicht 1000 andere Stärken haben, doch in unserer Gesellschaft ist festgelegt, dass man in Mathematik und Deutsch keine Schwäche haben soll“, sagt Silvia Pixner, die das Zentrum für Lernen und Lernstörungen des In­stituts der Psychologie an der UMIT in Hall leitet.

In einer Außenstelle in der Zollstraße wird versucht, die Stärken zu stärken und die Schwächen in den Griff zu bekommen. Dazu gehören vor allem die Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie) und die Rechenstörung (Dyskalkulie). Gestern wurden die bereits im Oktober bezogenen neuen Räume offiziell vorgestellt. Die Zahl der Therapieplätze konnte von 20 auf 40 verdoppelt werden. Immer noch zu wenig und ein „Tropfen auf den heißen Stein“, wie Pixner sagt: „Wir sind voll, man muss mindestens bis Herbst auf einen freien Platz warten. Wir haben jedes Jahr 150 bis 200 Anfragen, auch aus Südtirol und Bayern“, sagt sie. Für UMIT-Rektorin Sabine Schindler wurde 2010 „aus dem Nichts ein einzigartiges Kompetenzzentrum“ aufgebaut. Es werde beraten, therapiert, geforscht und gleichzeitig würden künftige Experten für die Behandlung von Lernstörungen ausgebildet.

Die Studierenden sind unter Anleitung der Psychologen in die Beratung, Dia­gnostik und Förderung der Kinder eingebunden. Während auf Minister­ebene über Time-out-Klassen und andere Maßnahmen bei aggressiven Schülern diskutiert und so das Problem nur an der Oberfläche betrachtet wird, setzt das Team in Hall bei der Wurzel an. Reaktionen wie Attacken gegen Lehrer seien eine Summe vieler Faktoren. „Ein Kind frisst vieles in sich hinein, hat keine Mechanismen gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Ein Faktor kann eine nicht diagnostizierte Lernstörung sein“, sagt Pixner. Doch Störungen, die sich entwickelt haben, lassen sich behandeln.

Landesrätin Gabriele Fischer (l.), Leiterin Silvia Pixner und Therapiehund Amy präsentieren die neuen Räume des Lernzentrums in Hall.
Landesrätin Gabriele Fischer (l.), Leiterin Silvia Pixner und Therapiehund Amy präsentieren die neuen Räume des Lernzentrums in Hall.
- Vanessa Rachlé / TT

Ein Therapieplatz im Lernzentrum bedeutet, dass ein Kind einmal die Woche für 50 Minuten eine individuelle Betreuung erhält. Es werden Basisfertigkeiten erworben und Lösungsstrategien erarbeitet – wie man zum Beispiel mit Prüfungsangst, die schon körperliche Schmerzen auslöst, umgeht. Mindestens ein Schuljahr lang sollte die Therapie dauern, manche Kinder betreut Pixner seit acht Jahren. „Von einer Lernstörung sind 5 bis 7 Prozent der Schüler betroffen, trotz normaler Intelligenz.“ Statistisch gesehen sitzen also in jeder Volksschulklasse ein oder zwei Kinder mit einer Lese- oder Rechenschwäche.

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„Je früher man das behandelt, desto besser“, sagt Pixners Kollegin Verena Dresen. Das Problem sei, dass man die Lernstörung bereits im ersten Volksschuljahr erkennen könnte, aber erst im dritten oder vierten Jahr, „wenn die Noten wichtig werden, wirklich darauf geschaut wird“. Nicht nur die Eltern sind deshalb gefordert, vor allem auch die Lehrer. Wobei die Psychologinnen diesen den Willen zu helfen gar nicht absprechen. „Sie sind zu wenig geschult, auf Lernstörungen zu achten, und haben nicht die Ressourcen, um auf 25 Schüler mit vielleicht 25 unterschiedlichen Sorgen einzugehen“, bedauert Pixner.

Manchmal würde es laut ihr schon genügen, wenn ein Lehrer erlaubt, dass ein Kind, dem die feinmotorischen Fähigkeiten fehlen, nicht alles in Schönschrift abgibt. Druckbuchstaben wären ein Kompromiss, um ständige Misserfolge zu vermeiden. In manchen Fällen würde das Eintippen in den Computer Sinn machen, um die Lesekompetenz – neben digitaler Kompetenz – zu stärken. „Gerade in der Volksschule werden Techniken erworben, nicht Intelligenz“, stellt Pixner klar. Das heißt: Diese Kinder haben andere Stärken, sie als dumm abzustempeln, wäre ein Fehler. „Man sollte ihnen eine Chance geben“, sagt Dresen. Die Kosten von 25 Euro für eine Therapiestunde werden allerdings nicht von der Kasse übernommen. Außerdem fehlt das Geld, um mögliche 20 weitere Plätze in Hall zu realisieren.

Unbehandelte Lernstörungen, so Pixner, könnten die Gesellschaft später teuer kommen. Die Betroffenen hätten „weniger Bildungschancen, das führt zum Schulabbruch und sozialer Ausgrenzung“, ergänzt Dresen. Eine frühzeitige Therapie wäre weitaus günstiger, als fünf bis sieben Prozent dieser normal intelligenten Menschen aufzugeben. Diese Rechnung sollte jeder verstehen.