Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 27.05.2019


Exklusiv

Das Durcheinander nebenan: Wenn der Nachbar Müll im Garten sammelt

Anrainer kämpften lange erfolglos gegen eine private Ansammlung von Abfällen auf einem Grundstück in ihrer Nähe, jetzt fand eine Begehung mit Behördenvertretern statt.

Wie auf dem Flohmarkt: In manchen Wohnungen oder Häusern türmen sich angesammelte Gegenstände. (Symbolfoto)

© iStockWie auf dem Flohmarkt: In manchen Wohnungen oder Häusern türmen sich angesammelte Gegenstände. (Symbolfoto)



Von Michaela S. Paulmichl

Neustift i. St. – Leere Kisten, alte Stühle, Elektrogeräte, ein kaputtes Fahrrad, verrottende Lebensmittel: Auf einem Grundstück in einem Seitental des Stubaitals türmen sich rund um ein Haus die Abfälle. „Wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann man es kaum glauben“, schreibt Peter Falbesoner an das Ombudsteam und bittet um Rat. Denn Meldungen an die Behörden hätten nichts gebracht, Verfahren seien im Sand verlaufen. Michael Motz empfiehlt, Anzeige bei der Gesundheitsbehörde zu erstatten, in diesem Fall ist das die Gemeinde. Diesen Rat befolgend, beklagt der Nachbar im Namen aller Talbewohner in seinem Schrei- ben die „absolut inakzeptablen Zustände“: „Hier ist Gefahr in Verzug, dass Ratten herangezüchtet werden.“

Darauf vergingen acht Monate, bis sich der Leser vor Kurzem wieder meldete: „Geändert hat sich nichts. Im Gegenteil! Oftmals weht einem ein richtiger Gestank in die Nase, wenn man vorbeigeht.“ Bei einem Anruf diese Woche beim Bürgermeister der Gemeinde Neustift im Stubaital, Peter Schönherr, stellt sich aber heraus, dass nur kurz zuvor an diesem Tag eine Begehung mit Vertretern der Bezirkshauptmannschaft (BH) Innsbruck stattgefunden hat. „Baurechtlich sind wir zuständig“, sagt das Gemeindeoberhaupt über das alte, teils verfallene Gebäude, in dem eine Frau wohnt. Für die Abfälle ist es das Umweltreferat der BH, und das wird jetzt aktiv.

Umweltreferats-Leiterin Sarah Köpfle erklärt, dass „Entfernungsaufträge“ erteilt werden sollen. Das ist nach dem Abfallwirtschaftsgesetz in diesem Fall möglich, weil sich unter den Abfällen verwesende Lebensmittel finden.

Handelt es sich ausschließlich um Sperrmüll, wird es dagegen kompliziert. Denn dann müsse man zwischen dem objektiven und dem subjektiven Abfallbegriff unterscheiden, erklärt die Expertin. Lagert jemand ein altes Rad, das er nicht mehr benützt und loshaben will, ist die Sache einfach. „Schwieriger wird es, wenn der Wohnungs- oder Hausbesitzer behauptet, dass die gelagerten Gegenstände für ihn kein Abfall sind.“

Im aktuellen Fall fordert die Behörde die Bewohnerin des Hauses nun in einem ersten Schritt auf, die Abfälle selbst zu entfernen und stellt dafür eine Frist. Generell ergeht – wenn sich Angesprochene nicht an diese Aufforderungen halten – ein Bescheid, gegen den innerhalb von vier Wochen Rechtsmittel eingelegt werden kann. Nimmt der „Messie“ diese Gelegenheit wahr, geht die Sache vor das Landesverwaltungsgericht und zieht sich dadurch weiter in die Länge. Köpfle beruhigt: „Das kommt aber nicht oft vor.“

Im Stubaital hoffen die Anrainer jedenfalls, dass es nicht so weit kommen wird und die stinkende Ansammlung wahllos angehäufter Habseligkeiten in ihrer Nachbarschaft bald verschwinden wird.

Das TT-Ombudsteam hat immer wieder mit Problemen dieser Art zu tun, oft geht es dabei auch um den Nachbarn in der Wohnung gleich nebenan mit einem offensichtlich zwanghaften Verhalten, Gegenstände anzusammeln, selbst wenn diese defekt oder kaputt sind. Gleichzeitig ist er nicht in der Lage, sich von Dingen zu trennen. Das führt im Extremfall dazu, dass die eigenen Räume nahezu unbewohnbar werden. Die Bezeichnung „Messie“ für jemanden, der Müll lagert, wird abgeleitet vom englischen „mess“ für Unordnung oder Durcheinander.

Dagegen anzugehen ist schwierig und kann – wie viele Fälle zeigten – unter Umständen sehr lange dauern. Besorgte Anwohner haben die Möglichkeit, an die Bezirksverwaltungsbehörde eine Anzeige zum Beispiel wegen Geruchsbelästigung zu richten. Gibt es auch einen Befall durch Ungeziefer, ist nach dem Sanitätsdienstgesetz die Gemeinde zuständig, in solch einem Fall müsste aber auch der Sprengelarzt aktiv werden, erklärt Sarah Köpfle von der BH Innsbruck.