Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 26.05.2019


Tirol

Kampf gegen multiresistente Keime: Schwachstelle Kleidung

Angehörige orten mehr MRSA-Keime in Tirols Spitälern. Die Tirol Kliniken verneinen, der Betriebsrat will Kleiderwechsel für Kantine.

Handschuhe sollen dafür sorgen, dass die Hände nicht immer desinfiziert werden müssen.

© APA/dpaHandschuhe sollen dafür sorgen, dass die Hände nicht immer desinfiziert werden müssen.



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Seit Jahren sind multiresistente Spitalskeime eines der Topthemen im Gesundheitsbereich. Laut einer aktuellen Studie der europäischen Seuchenbehörde sterben pro Jahr mehr als 33.000 Menschen europaweit an Infektionen mit solchen Keimen. Angehörige wandten sich dieser Tage besorgt an die TT, es sei in einigen Spitälern Tirols zu dramatischen Verläufen in Folge einer Infektion mit MRSA-Keimen gekommen. Die Tirol Kliniken beruhigen: „Es gibt in keinem unserer Häuser in den letzten Jahren ein vermehrtes Aufkommen von MRSA oder dadurch verursachten Todesfällen. Auch nicht in den letzten 14 Tagen.“

Pressesprecher Johannes Schwamberger weist auch darauf hin, dass die MRSA-Rate in Tirol generell niedriger sei als in Deutschland (20 Prozent). „Im Vergleich zu anderen Krankenhäusern sind unsere Werte noch einmal laufend besser. 2017 konnte die Rate von 10 % auf 8 % gesenkt werden.“ Der Ursprung des Problems MRSA sei nicht im Krankenhaus zu suchen, sondern in der Langzeitpflege außerhalb. Diese Patienten seien meist Träger. Sie bringen die Keime ins Krankenhaus, wenn sie akut eingeliefert werden müssen. „Sie werden einige Tage isoliert, damit es zu keiner Verbreitung kommt. Wenn es zu einem Todesfall kommen sollte, sind wir der Ort, an dem der Patient gestorben ist, aber nicht der Ort der Infektion.“

Der Betriebsratsvorsitzende der Tirol Kliniken, Gerhard Hödl, bescheinigt großes Bemühen um die Hygiene im Krankenhaus. Verbesserungen seien bei externen Reinigungsfirmen möglich, da dort oft Leute arbeiten würden, die die Gebrauchsanweisung kaum verstehen. Die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft verweist darauf, dass beim Desinfizieren 30 Sekunden Einwirkzeit berechnet werden müssen – das mache pro Schicht zwei Stunden. Zeit, die sich Pflegende nie nehmen könnten. „Bei uns wurden Schürzen und Handschuhe im Kontakt mit den Patienten eingeführt“, so Hödl.

Eine Schwachstelle sieht er bei der Mittagspause: „Die meisten sitzen mit dem Arbeitsgewand da.“ Bezüglich Anrechnung von Umkleidezeit als Arbeitszeit sei ein Patt entstanden. „Das ist für die Hygiene zentral“, so Hödl. „Es wäre auch wichtig, dass die Mitarbeiter, wenn sie in die Kantine gehen, ins Privatgewand wechseln.“ Er erzählt, dass die Maggi-Flaschen in der Kantine beseitigt wurden, weil sie durch zu viele Hände gehen, und viele Hände sind viele Keime. „Das ist paradox, wenn man bedenkt, was alles an der Arbeitskleidung hängt“, so Hödl.

Univ.-Prof. Cornelia Lass-Flörl, Direktorin der Sektion Hygiene an der Medizinischen Universität Innsbruck, weist darauf hin, dass 80 % jener Menschen, bei denen es im Krankenhaus zu Komplikationen mit einem multiresistenten Keim kommt, diesen in sich tragen (siehe Kasten).

Das Problem der Antibiotika-Resistenzen sei vor allem durch die Massentierhaltung verursacht. „Es kommen unglaublich viele Antibiotika zum Einsatz, um das Problem in den Griff zu bekommen, muss man hier ansetzen.“ Multiresistente Keime seien ein Kollateralschaden der modernen Medizin. „Es gibt immer mehr chronisch Kranke und immungeschwächte Personen. Durch intensive Maßnahmen konnten die Infektionen mit gefürchteten Enterobakterien in den Tiroler Spitälern konstant gehalten werden.“

Besonders wichtig sei, dass es zwar immer wieder tragische Todesfälle gebe, das seien Einzelereignisse. „Es ist in Tirol in den vergangenen Jahren zu keiner wissentlichen Übertragung von Patient zu Patient im Krankenhaus gekommen, was hoch-resistente Enterobakterien (4MRGN) oder epidemische MRSA betrifft“, so die Expertin. Ihr Institut analysiere Proben, treten Keime auf, was immer wieder vorkomme, werde das betreffende Haus sofort informiert.

Multiresistente Keime: Tirol hält niedriges Niveau

Ursache Durch häufigen Antibiotika-Einsatz werden immer mehr Krankheitskeime resistent. Infektionen, die während eines Aufenthalts im Krankenhaus übertragen werden, nennt man nosokomiale Infektionen. Laut Hygiene-Expertin Lass-Flörl liegt der Anteil exogen erworbener Infektionen bei 20 % (über Umwelt). Die anderen Keime (z. B. Clostridium difficile) tragen viele in sich (endogene Infektion, Anteil 80 %). Das Darmbakterium ist an sich harmlos, wird die gesunde Darmflora durch längere Einnahme von Antibiotika geschwächt, können sich resistente Keime vermehren.

Trends Bei den extrem hochresistenten Enterobakterien wurde in Tirol mit 74 Patienten 2017 und 74 Patienten 2018 ein niedriges Niveau gehalten. In den Kliniken Tirols liegt die Erkrankung mit MRSA-Keimen bei 10 %. Die Anzahl der Patienten mit positivem Schimmelpilznachweis ist von 91 auf 155 Patienten gestiegen, der Schimmel hat keine Infektionen in der Lunge ausgelöst.