Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 02.06.2019


Gesellschaft

Elementarpädagogen kämpfen gegen das alte Tanten-Image

Kindergärtnerinnen fordern bessere Bezahlung, mehr Vorbereitungsstunden und eine Aufwertung ihres Berufes. Seit Kurzem gibt es einen neuen Berufsverband.

Im Kindergarten lernen Kinder fürs Leben – sozial, emotional und auch faktisch.

© iStockIm Kindergarten lernen Kinder fürs Leben – sozial, emotional und auch faktisch.



Von Beate Troger

Innsbruck – Wenn Bettina Fuchs von ihrem Beruf als Kindergärtnerin erzählt, denken die meisten Gesprächspartner an Spielen, Singen und Basteln. Dass jedoch Hunderte unbezahlte Überstunden, aufwändige Vorbereitungen, Beobachtungen und organisatorische Dokumentationsarbeit fast den Großteil ihrer Arbeit ausmachen, ist für den Laien kaum vorstellbar.

Fuchs hat nun mit sieben weiteren Kolleginnen einen neuen Berufsverband ins Leben gerufen. Denn die jungen Pädagoginnen wollen keine singenden „Tanten“ mehr sein, spricht die Obfrau Klartext. „Gerade in den ersten sechs Lebensjahren wird das Fundament für die gesamte kindliche Entwicklung gelegt“, sagt die Kindergärtnerin, die im Elisabethinum in Axams tätig ist. Der neue Berufsverband für den elementaren Bildungsbereich, kurz BEB, soll gleichermaßen Netzwerk, Lobby und Sprachrohr sein.

Denn wer qualitativ hochwertige Arbeit leisten möchte, müsse dies zurzeit überwiegend in der Freizeit tun. In einem durchschnittlichen Pädagogen-Vertrag auf Basis einer 40-Stunden-Woche seien meist nur fünf Vorbereitungsstunden vorgesehen. „In der Praxis brauchen wir für Elterngespräche, Reflexion, Supervision, Teamsitzungen und die eigene Vorbereitung mindestens das Doppelte, meist sogar das Dreifache.“

Darüber hinaus gebe es ein Vertragswirrwarr von Pädagogen, Assistenten und Stützkräften, abhängig davon, ob sie nach alten oder neuen Kollektivverträgen oder bei öffentlichen oder privaten Einrichtungen beschäftigt sind. „Nach wie vor gibt es Assistentinnen, die über den Sommer abgemeldet werden“, berichtet Fuchs.

Im TT-Gespräch verwendet sie bewusst die weibliche Berufsbezeichnung, denn der geringe Männeranteil sei durchaus ein Problem. „Kinder brauchen in Kindergärten und Krippen auch männliche Bezugspersonen“, sagt sie. In den landesweit insgesamt 808 Kindergärten, Krippen und Horten sind insgesamt 4181 Pädagogen und Assistenzkräfte beschäftigt, darunter sind 139 Männer.

Der Grund, warum es kaum Männer in die Kinderbetreuung zieht, liegt für Bettina Fuchs auf der Hand, „es ist die geringe Bezahlung“. Absolventen der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik mit Matura verdienen rund 1350 Euro netto.

„Man trifft die Berufswahl im Alter von 14 Jahren, was sehr früh ist“, analysiert die Pädagogin. Damit fehle sowohl beim Jobstart als auch während der Ausbildung die persönliche Reife. „Man steht mit 19 im ersten Berufsjahr den Eltern gegenüber, die die eigenen Eltern sein könnten“, berichtet Bettina Fuchs – auch aus eigener Erfahrung. Rund jeder zweite Schulabgänger entscheidet sich später für einen anderen Berufsweg.

Die Konsequenz daraus: Zahlreiche private wie auch Gemeinde-Kindergärten können ihre offenen Stellen nur schwer besetzen. So wurde kürzlich eine Kindergarten-Leiterin im Bezirk Schwaz gesucht – und es gab wochenlang keine einzige Bewerbung.

Die Berufsausbildung, vorerst zumindest, in der Fortbildung auf ein Hochschulstudium auszuweiten, ist ein weiteres Anliegen des Berufsverbandes. Zumindest dort gibt es Fortschritte. Im Herbst 2021 startet an der Pädagogischen Hochschule Tirol (PHT) das Bachelor-Studium Elementarpädagogik. Wie Rektor Thomas Schöpf der TT bestätigt, stehe die entsprechende Vereinbarung zwischen der PHT, der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein in Stams und der PH Vorarlberg für ein gemeinsames Studienangebot im Umfang von 180 ECTS-Punkten. Dennoch hinkt damit der Westen der bundesweiten Entwicklung hinterher. „Österreich ist das letzte Land in Europa, in dem die Elementarpädagogik mit einer nichtakademischen Ausbildung abschließt“, merkt Schöpf an. In der Gesellschaft fehle das Bewusstsein: „Viele, die selbst Kinder haben, glauben, sie könnten das bisschen Spielen auch.“

Zahlen und Fakten – Elementarpädagogik in Tirol

Zur Elementarpädagogik zählt der Teilbereich der Pädagogik für Kinder bis sechs Jahren sowie Kinderbetreuung im Hort.

Die Ausbildung in Österreich erfolgt über die Bildungsanstalten für Elementarpädagogik (BAfEP) mit Matura.

Tirolweit betreuen 4181 Pädagogen (darunter 139 Männer, das sind 3 %) und Assistenten in 474 Kindergärten, 242 Krippen und 92 Horten insgesamt 21.386 Kinder. In den Horten beträgt der Männeranteil 13 %.

Der Großteil der Tiroler Kindergärten, nämlich 83 %, wird von der öffentlichen Hand betrieben, 17 % von privater Seite. Von den öffentlichen Kindergärten entfallen 390 auf die Gemeinden, drei auf den Bund und zwei auf das Land. Die privaten Kindergärten werden überwiegend von Vereinen erhalten. Von den 279 Tiroler Krippen sind hingegen 179 (64 %) in privater Hand.