Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.06.2019


Tirol

Party- und Todesdroge: Kokain in Innsbruck immer stärker

Bei der Suche nach der Todesursache stoßen Gerichtsmediziner immer öfter auf Kokain. Was an der ungewöhnlich hohen Konzentration der Droge liegen dürfte.

Der Konsum der Partydroge Kokain endet immer öfter tödlich. Eine Folge der hohen Konzentration. (Symbolfoto)

© Getty ImagesDer Konsum der Partydroge Kokain endet immer öfter tödlich. Eine Folge der hohen Konzentration. (Symbolfoto)



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Kokain galt bisher als Partydroge. Das Suchtpotenzial sei zwar hoch, das gesundheitliche Risiko aber überschaubar, so das verharmlosende Image des Suchtmittels in der Szene. Doch die Party scheint vorbei zu sein. Waren Todesfälle in der Koksszene früher eher Ausnahmen, so sind sie jetzt schon fast die Regel. „Wir hatten zuletzt immer wieder Kokaintote“, warnt der Innsbrucker Gerichtsmediziner Walter Rabl. Eine Entwicklung, die der Experte auf die ungewöhnlich „gute“ Qualität des weißen Pulvers am Innsbrucker Schwarzmarkt zurückführt: „Die Konzentration ist sehr hoch, unbeabsichtigte Überdosierungen sind die Folgen.“ Und die führen im schlimmsten Fall zu Herzinfarkten.

Tatsächlich hat sich die Qualität des illegalen „Schnees“ in den vergangenen Jahren in Innsbruck geändert. Früher waren pro Gramm etwa 20 bis 30 Prozent Kokain enthalten. Manchmal lag der Anteil auch nur bei einem Zehntel. Wenn die Kunden einen guten Dealer hatten, erwischten sie 50-prozentiges Koks. Der Rest waren Streckmittel. Inzwischen ist häufig wirklich drin, was die Dealer versprechen. Das zeigen auch die Kokain-Proben, die Konsumenten über das „Drug-Checking“-Programm der Z6-Drogenarbeit von der Gerichtsmedizin analysieren lassen. So ergaben die Tests im Mai, dass von 16 Proben elf über 60 Prozent Kokain enthielten, fünf sogar über 90 Prozent. Die höchste Konzentration des Suchtgifts lag bei 99 Prozent, die geringste bei immerhin 35 Prozent. Das war auch die einzige Probe, die unter der 40-Prozent-Schwelle lag und somit nicht mit dem Warnhinweis „Achtung hochdosiert“ versehen werden musste. Noch drastischer die Ergebnisse im April: Zehn von elf Tests ergaben eine Kokain-Konzentration von über 80 Prozent. In einem Fall wurde der Kunde Opfer eines Betrügers: Sein „Kokain“ erwies sich als Schmerzmittel. Die jüngsten Analyse-Ergebnisse sind kein Sonderfall. Seit Jahren stellen Suchtberater und Gerichtsmediziner fest, dass das Kokain in Innsbruck immer stärker wird. Der Preis blieb hingegen mit durchschnittlich 100 Euro pro Gramm stabil. Was bedeutet, dass Konsumenten derzeit fürs gleiche Geld doppelt bis dreimal so viel Kokain bekommen wie noch vor rund zehn Jahren.

Die Ursache für die Koks-Inflation ist unklar. So wird nicht ausgeschlossen, dass die neuen Geschäftsmethoden einen Anteil an der Entwicklung haben. Immer mehr Konsumenten und Kleindealer bestellen die illegale Ware im Darknet, geliefert wird per Post oder Paketdienst. Dadurch werden Zwischenhändler ausgeschaltet, die durch das Strecken der Drogen ihre Gewinne maximieren wollen. Der Trend zu hohen Konzentrationen betrifft übrigens nicht nur das Kokain. Auch andere Drogen wie Ecstasy und Amphetamine enthalten in Innsbruck deutlich weniger Streckmittel als noch vor einigen Jahren. Ins Bild passt auch, dass die Anzahl der Drogentoten nach dem Rückgang im Vorjahr wieder ansteigt: von sieben in den ersten fünf Monaten 2018 auf neun heuer.

Für die Gesundheit der Kunden ist das hochdosierte Kokain jedenfalls kein Segen. „Die Substanz wirkt aufputschend und belastet den Kreislauf“, sagt Rabl. Und das kann bei Überdosierungen zu Herzinfarkten führen. Aber auch wer richtig dosiert, geht ein hohes Risiko ein: „Kokain führt dazu, dass sich die Herzkranzgefäße verengen. Das ist wie beim Nikotin, nur viel stärker“, erklärt der Gerichtsmediziner.

Dazu kommt: Die Streckmittel werden zwar in Bezug auf den Anteil weniger, aber auch gefährlicher. Mengten die Dealer dem Kokain früher Milchzucker bei, so enthalten die Proben jetzt Narkosemittel und Entwurmungsmedikamente für Rinder.