Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.06.2019


Schwaz

Geflüchtete Familie in Schwaz bangt um ihre Zukunft

Mehmad Amar kam vor über fünf Jahren mit seiner Frau Susik Osoyan nach Tirol. Nun fürchtet das Paar, mit seinen drei Kindern abgeschoben zu werden.

„Ich habe Angst, dass man uns in Wien festhält und dann abschiebt“, sagt Mehmad Amar
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© Fankhauser„Ich habe Angst, dass man uns in Wien festhält und dann abschiebt“, sagt Mehmad Amar
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Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz, Volders – Verzweifelt reibt er sich die Hände. Er weiß nicht mehr weiter. Mehmad Amar kam vor über fünf Jahren mit seiner Frau Susik Osoyan nach Tirol. Sie haben einen langen Weg hinter sich. Zuerst flüchteten sie wegen Krieg und Unruhen aus Syrien in die Ukraine. Dort lebten sie einige Jahre. Bis Susik dort nach eigenen Angaben misshandelt und vergewaltigt wurde. Schließlich fanden sie in Schwaz einen Ort der Zuflucht. Eine neue Heimat. Auch ihre drei Kinder sind hier aufgewachsen.

Doch vor eineinhalb Jahren kam der negative Asylbescheid. Sie sollten abgeschoben werden. Die Familie ging dagegen an. Laut Amars Anwalt sind sie nun in der zweiten Instanz – die Beschwerde ist anhängig. Eine Abschiebung wurde somit vorläufig verhindert.

Die Familie ist gut integriert und hat viele Freunde in Schwaz gefunden. Ende letzten Jahres wurde das dortige Flüchtlingsheim geschlossen. Sie musste nach Volders umziehen. Aber auch dort fühlen sich alle wohl und ihre Freunde geben ihnen Kraft und Halt.

Vor wenigen Wochen kam jedoch der nächste Schock. Die fünfköpfige Familie wird vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) nach Wien geladen. Zum Interview – wie es im Schreiben heißt. „Die Adresse, wo wir hinmüssen, ist ein Gefängnis. Ich habe Angst, dass man uns dort festhält und dann abschiebt“, sagt Amar. Polizei, Gefängnis und eines der Büros des BFA sind dort angesiedelt.

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Seitens des BFA in Wien will man zur Vorladung keine Auskunft geben. Laut Amars Anwalt geht das BFA mittlerweile davon aus, dass die Familie aus Armenien kommt. Amar und Osoyan sind laut eigenen Angaben Syrer, besitzen aber keine Pässe. Und die armenische Botschaft besteht nun auf ein Interview in Wien, wo sie als Armenier identifiziert werden sollen. Osoyan liegt seither Nacht für Nacht wach. Sie fürchtet, dass man sie dorthin abschieben will. „Wir sind eigentlich Jesiden. Früher habe ich mich das nie zu sagen getraut“, erzählt Amar. Sie sind eine ethnisch-religiöse Minderheit, die von der Terrormiliz Islamischer Staat verfolgt wurde.

„Ist es wirklich nur ein Gespräch? Oder werden wir alle abgeschoben? Behalten sie uns gleich dort?“, fragt sich Amar täglich. Er ist am Ende. Sein Anwalt versucht ihn zu beruhigen. Denn, wenn sich herausstellen wird, dass sie keine Armenier sind, dann zeige das eine schlechte Beweisführung des BFA. Dann muss ein Richter entscheiden, was mit ihnen passiert. Das Bangen scheint kein Ende zu nehmen. Für Amar und seine Familie ist die Fahrt nach Wien eine Reise ins Ungewisse.