Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 11.06.2019


Tirol

Die Protestanten sind in Tirol angekommen

Vor 150 Jahren gründeten 16 Protestanten in Innsbruck eine Glaubensgemeinschaft, was Widerstände und sogar die Auflösung des Landtags zur Folge hatte. Heute fühlt sich die evangelische Gemeinschaft hier wohl.

1905 fand die Grundsteinlegung für die Christuskirche statt.

© Archiv Christuskirche1905 fand die Grundsteinlegung für die Christuskirche statt.



Von Denise Daum

Innsbruck – Die Protestanten stießen auf Protest. Auf heftigen Protest. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass das Bekanntwerden der Gründung der evangelischen Pfarrgemeinde nicht nur auf Widerstand stieß, sondern 1876 sogar den Landtag sprengte.

Bereits 1869 haben 16 Männer die „protestantische Glaubensgenossenschaft Innsbruck“ gegründet – rund 30 Evangelische zählte Nordtirol damals. Eigentlich war das in Tirol per Landesgesetz verboten. Der Kultusminister in Wien hob dieses Gesetz jedoch auf, weil es im Widerspruch zum kaiserlichen Protestantenpatent von 1861 stand, und genehmigte die Gründung der evangelischen Gemeinden Innsbruck und Meran. Als das in Tirol bekannt wurde, kam es zu den eingangs erwähnten Zuständen. „Diese Genehmigung war der Auslöser, dass (...) die Mehrheit der Abgeordneten tumultartig unter Protest den Sitzungssaal im Innsbrucker Landhaus verließ und damit den Landtag sprengte. Der Kaiser war über diesen Boykott empört und löste die Tiroler Volksvertretung auf. Erst ein Jahr später sollte ein neuer Landtag gewählt werden“, schreibt Oswald Keiler in der Festschrift „125 Jahre Evangelisch in Tirol“ von 2001.

Das alles ist mittlerweile vergeben und vergessen. Die protestantische Glaubensgemeinschaft ist angekommen. Man pflege ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu den öffentlichen Stellen, betont Superintendent Olivier Dantine. Die evangelische Kirche kämpft heute vielmehr mit dem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Kirche. Es sei immer schwieriger, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen, erklärt Dantine. „Die Bereitschaft, sich zu binden, hat grundsätzlich abgenommen, das betrifft auch Parteien und Gewerkschaften.“ Die Kirche versuche deshalb, einen Kontrast zu der Leistungsgesellschaft und Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen zu bieten. So sieht Dantine die Öffnung der evangelischen Kirche in Österreich für gleichgeschlechtliche Paare als wichtiges Signal. Homosexuellen ist seit Kurzem eine Segnung in einem Gottesdienst erlaubt.

So steht das evangelische Gotteshaus im Innsbrucker Saggen heute da.
So steht das evangelische Gotteshaus im Innsbrucker Saggen heute da.
- Vanessa Rachle / TT

In Innsbruck gibt es mit der Christuskirche und der Auferstehungskirche zwei evangelische Pfarrgemeinden, die Heimat für Protestanten aus Innsbruck und Innsbruck-Land sind und zusammen 5600 Mitglieder zählen.

Das Jubiläum wird am kommenden Sonntag ganztägig in der Christuskirche und am Martin-Luther-Platz mit einem Gottesdienst und einem großen Fest begangen. Die Feier steht unter dem Titel „Ewige Baustelle – 150 Jahre protestantische Glaubensgenossenschaft Innsbruck“. Die durchaus Aufsehen erregende Titelgebung möchte Pfarrer Werner Geißelbrecht von der Christuskirche natürlich auch mit einem Augenzwinkern verstanden wissen. „Während der Festlegung des Programms für die Jubiläumsfeier haben wir die Information der Stadt Innsbruck über die großangelegte Baustelle direkt vor der Kirche bekommen“, wie er erklärt. Geißelbrecht sieht in dem Titel aber was Positives und Passendes: „Kirche ist in Bewegung und muss sich immer wieder erneuern.“ Das lebt der Pfarrer auch in seiner Kirche und geht auf die Bedürfnisse der Gläubigen ein. „Wenn man ausschließlich am Gottesdienst am Sonntag um 9.30 Uhr mit Orgel festhält, wird das langfristig nicht funktionieren“, ist Geißelbrecht überzeugt.