Letztes Update am Mi, 26.06.2019 10:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Zwischen Zerren und Ziehen: Wenn Eltern zu viel wollen

Schlägereien auf der Tribüne, Gewalt gegen Schiedsrichter, Schreiduelle mit Trainern – wenn die eigenen Kinder sich sportlich messen, gehen bei Eltern die Emotionen hoch. Im Fußball brauchte es Maßnahmen.

(Symbolfoto)

© KEYSTONE(Symbolfoto)



Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck – Ein Bild sprach plötzlich Bände: Eltern, die ihre Kinder an den Ärmchen über eine Laufbahn zerren. Die Diskussionen waren heftig, als die Momentaufnahme eines Kinderlaufs im Rahmen des Linz-Marathons 2016 auftauchte. „So ein Bild will keiner sehen“, sagte Reinhard Kessler, damals Tirols Leichtathletikpräsident.

Das Foto wurde zum Synonym: Eltern, die mehr wollen als ihre Kinder. Eltern, die zu viel fordern. Eltern mit übertriebenem Ehrgeiz. Ein gesellschaftspolitisches Thema, das sich besonders im Sport deutlich widerspiegelt. In kaum einem anderen Lebensbereich sind Leistungen so messbar, Erfolg so sichtbar und der Ausblick auf Ruhm und Geld allemal verlockend.

„Eltern sind ein Riesenthema bei uns“, beschreibt Roland Kirchler, Leiter der Tiroler Fußballakademie. Viele würden sich zu sehr ins Sportliche einmischen, viele würden bereits eine Karriere planen, obwohl der Nachwuchs noch in seinen Kinderschuhen stecke. „Teilweise ist der Fanatismus der Eltern so groß, dass er hinderlich ist“, behauptet der ehemalige Profi-Fußballer. Man solle den Trainern mehr Vertrauen entgegenbringen, auch sie wollten nur das Beste für das Kind: „Wir haben viel Erfahrung. Man soll uns in Ruhe arbeiten lassen und uns die Kinder übergeben. Daraus zieht man den besten Nutzen“, fordert Kirchler.

Trainer und Verantwortliche aus anderen Sportarten nicken zustimmend. Martin Senn, Obmann des Tiroler Wassersportvereins, erzählt etwa, dass ein Elternteil sich derart untragbar verhalten habe, dass dessen Kind sogar vom Verein hatte ausgeschlossen werden müssen. „Das war die bitterste Stunde in meiner Funktion als Obmann, aber es ging nicht mehr anders. Das ganze Gefüge wäre beinahe zusammengebrochen“, schildert Senn, der noch heute bedauert, dass das Kind schlussendlich mit den Konsequenzen hatte leben müssen.

Nur eine Geschichte aus dem Alltag von und mit „Eltern im Sport“ – dem Thema einer Podiumsdiskussion, die kürzlich der Panathlonclub Innsbruck veranstaltete. „Gefragt, geliebt, gefürchtet, überfordert“ war als Untertitel ergänzt worden. Die Tendenz im Gespräch der insgesamt 17 Gäste: Ohne den großen Einsatz der Eltern wäre ein Leistungssport für Kinder undenkbar – als Taxidienst etwa, als Betreuer oder als Konditor für das Kantinenbüffet.

Gefürchtet bleiben Eltern vor allem, wenn sie als Zuschauer zu tobenden Fans mutieren. Negative Emotionen, die sich etwa gegenüber Schiedsrichtern entladen. So erzählt Christian Staudinger, Obmann des UHC Absam und Handball-Referee, von einem Vater, der ihn nach einem U11-Spiel auf der Tribüne beinahe um das Gehör gebracht hätte: „Er war mit meiner Leistung als Schiedsrichter nicht zufrieden, setzte mir eine Gashupe ans Ohr und drückte ab.“

Mirjam Wolf, Leiterin der sportpsychologischen Koordinationsstelle des Landes Tirol.
Mirjam Wolf, Leiterin der sportpsychologischen Koordinationsstelle des Landes Tirol.
- Panathlonclub

Elternteile, die auf Spielfelder stürmen, um den Schiedsrichter zu bedrohen oder ihn gar zu ohrfeigen – alles schon passiert. Von einem sportartenspezifischen Problem will Sportpsychologin Mirjam Wolf aber nicht sprechen, es hänge von den Rahmenbedingungen ab: „Im Fußball ist es eher legitim reinzurufen als etwa im Sportschießen.“ Wie sehr Eltern ihren Gefühlen freien Lauf lassen, hänge von der Emotionsregulation ab (siehe auch Interview).

Im Fußball häuften sich Vorfälle, auch Gewalt gegenüber anderen Eltern. Der Tiroler Verband zog Konsequenzen. Die U7- und U8-Bewerbe werden etwa als Fairplay-Turniere abgehalten. In der Broschüre dazu stehen Sätze wie „Es sind Kinder. Es ist nur ein Spiel“ oder auch „Es ist nicht die WM“. Die Eltern müssen Abstand halten. „Sie stehen fünf bis zehn Meter vom Spielfeld entfernt. Sie sollen anfeuern, nicht steuern“, erklärt Günther Riegler vom TFV-Referat Jugend- und Breitensport.

Eltern im Sport – gefragt, geliebt, gefürchtet, überfordert. Der Panathlonclub Innsbruck lud kürzlich zur Diskussion – u. a. mit Mirjam Wolf.
Eltern im Sport – gefragt, geliebt, gefürchtet, überfordert. Der Panathlonclub Innsbruck lud kürzlich zur Diskussion – u. a. mit Mirjam Wolf.
- Thomas Boehm / TT

Auch beim Tennis braucht es mitunter Beschwichtigung nahe des Courts. „Es hat Phasen gegeben, da mussten wir Neulinge mit dem Regelwerk erst noch bekannt machen. Punktweise haben wir auch Schiedsrichter geschickt“, erzählt TTV-Präsident Walter Seidenbusch.

Als Elternteil andere Emotionen kennt wiederum Christian Raschner, sportlicher Leiter des Olympiazentrums Innsbruck, als ihn etwa im Dezember die Nachricht erreichte, dass sich Sohn Dominik, ÖSV-Weltcup-Skirennläufer, das Kreuzband gerissen hatte. Als Vater sei er trotz des Tiefs sehr dankbar, dass der Sohn seinen Traum leben könne. Raschners Hauptrolle dabei: „Wichtig ist es, auch für die nötige Regeneration zu sorgen und nicht für zusätzliche Trainingseinheiten.“

Gefühlvoll bringt es Ex-Bundesliga-Basketballer Miki Vulic in seiner Rolle als Vater von Tennisspieler Daniel auf einen Schlusspunkt: „Sportler brauchen ein gutes Team, die Eltern sollen dabei für Liebe und Geborgenheit sorgen.“

„Eltern müssen sich lösen können“

Die Tiroler Sportpsychologin Mirjam Wolf beschreibt die Rollen der Eltern im Sport, die Phasen der Kinder und Probleme damit.

Wo verläuft die Grenze zwischen Unterstützung und übertriebenem Ehrgeiz?

Mirjam Wolf: Das lässt sich nicht so einfach auf den Punkt bringen. Fakt ist, dass Eltern ein wichtiger Faktor für die Entwicklung und die Sozialisierung im Sport sind. Sie führen die Kinder heran, haben einen großen Einfluss darauf, ob Sport gemacht wird, und auch welcher. Sie sind mitunter auch Vorbilder. Sie beeinflussen, wie der Sport erlebt wird. Eltern sind auch Interpreten, wie sich ihr Kind im Sport verhält, kommentieren Leistungen. Weiters sind sie Unterstützer. Sie betreiben einen Aufwand, um Sport zu ermöglichen. Diese Rollen greifen ineinander. Natürlich möchten Eltern mitbestimmen, wenn es um ihr Kind im Kontext Sport geht, und da wird es eben spannend.

Inwiefern?

Wolf: Zunächst hängt es davon ab, in welcher Phase sich das Kind befindet. Nach dem Heranführen und dem Bestärken, dass Sport was Tolles sein kann, folgt die Entwicklungsphase. In dieser Phase benötigt es auch ein Motivieren und „Anstupsen“, damit Trainingszeiten eingehalten werden können. Der Familienalltag wird durch die Trainings- und Wettkampfzeiten nach dem Sport ausgerichtet. In der so genannten „Profiphase“ sollten Eltern in den Hintergrund rücken, sich zurückziehen. Sie sollten den emotionalen Rückhalt bieten, nur noch bei Bedarf als Berater zur Verfügung stehen.

Das scheint Eltern, wenn man sich unter Trainern umhört, schwerzufallen.

Wolf: Diesen Prozess muss man erkennen, auch wenn es nach der Zeit, in der sich alles danach gerichtet hat, schwer ist. Man sollte sich lösen bzw. loslassen. Wenn ich da extrem dränge, weiter Einfluss nehme oder sogar Überreaktionen oder aggressives Verhalten zeige, dann wird es für alle Beteiligten, seien es TrainerInnen, FunktionärInnen, aber auch für das Kind und die Eltern selbst schwer. Diese Grenzen zu erkennen und für sich neu zu definieren ist herausfordernd.

Sind Fußball-Väter oder Eiskunstlauf-Mamas fanatischer als andere Eltern – gibt es Unterschiede zwischen den Sportarten?

Wolf: Das traue ich mich nicht zu behaupten. Das Verhalten der Eltern hängt insofern von der Sportart ab, als es im Fußball eher legitim ist, reinzurufen. Im Unterschied etwa zum Sportschießen. Emotionen rauszulassen ist mehr oder weniger zulässig und hängt auch von der Emotionsregulation des Einzelnen ab.

Sind die Väter ehrgeiziger als die Mütter?

Wolf: Dazu gibt es wenig Erhebungen. Grundsätzlich gilt, dass der Sport eher männlich geprägt ist, aber es ist zu beobachten, dass Mütter heute mehr teilhaben – nicht nur in den ästhetischen Sportarten.

Es gibt dieses Bild von einem Kinderlauf mit an den Händen zerrenden Eltern. Kann man ein Kind zum Leistungssport zwingen?

Wolf: Nein zu sagen wäre falsch. Es gibt ehemalige Top-AthletInnen, die sagen, sie seien teilweise gezwungen worden. Man muss allerdings sehen, dass sich in den letzten Jahrzehnten in Sachen Erziehung viel verändert hat. Kinder sind heute sehr früh gestärkt und mündig. Sie sagen klarer, was sie wollen oder eben nicht.

Der Tiroler Fußballverband regelte, dass bei den U7- und U8-Spielen die Eltern Abstand zum Spielfeld halten müssen. Machen solche Maßnahmen Sinn?

Wolf: In diesem Fall, der ja auch in den Medien sehr präsent war, mussten Sanktionen gesetzt werden. Ein Stück weit geht es hier auch um Erziehung der Eltern. Es gilt jedoch, sich das Ganze gut anzuschauen und danach zu reflektieren, was dies bewirkt und auch mit den Kindern macht. Dem Fußballverband blieb fast nichts anderes übrig, als solch eine Maßnahme zu setzen. Natürlich kann das helfen, zu sensibilisieren. Die Eltern müssen aufgeklärt werden. Präventionsarbeit muss geleistet werden und meines Wissens wird das auch. Es ist aber nicht leicht. Man braucht die Eltern, sie sind eine wichtige Stütze und es ist schön, wenn Wettkämpfe gemeinsam und nah erlebt werden. Es sollte gar nicht so weit kommen, dass es solche Sanktionen braucht.

Kommen auch Eltern zu Ihnen als Sportspychologin?

Wolf: Ja, sehr häufig. Eltern erleben oft Überforderung oder Hilflosigkeit. Wie gehe ich etwa damit um, wenn mein Kind nach Niederlagen am Boden zerstört ist? Die Coachingmaßnahmen behandeln diese Themen. Eltern lernen ihr Kind „richtig“ zu unterstützen. Weiters geht es viel um die eigene Emotionsregulation sowie Kommunikation und um den Bereich Konfliktmanagement.

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer




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