Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.07.2019


TT-Ombudsmann

Wenn Angehörige pflegen: Unterstützung für Helfer nötig

Rund 80 Prozent der Pflegegeldbezieher werden von Angehörigen betreut, oft Jahrzehnte lang. Wer dadurch nicht arbeiten und auch nicht vorsorgen kann, den unterstützt der Bund.

Meistens sind es die Frauen, die sich um ihre hilfsbedürftigen Angehörigen kümmern.

© Getty Images/iStockphotoMeistens sind es die Frauen, die sich um ihre hilfsbedürftigen Angehörigen kümmern.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Eine Mutter kümmerte sich mehrere Jahrzehnte lang um ihren schwerstbehinderten Sohn. Da er rund um die Uhr Pflege braucht, kann sie keiner Arbeit nachgehen. Trotzdem hat sie keinen Gedanken daran verschwendet, ihr Kind nicht selbst zu pflegen. Sie fuhr nicht auf Urlaub und blieb auch dann noch bei ihrem Sohn, als dieser – wie manchmal notwendig – im Krankenhaus behandelt werden musste. Nach seinem Tod muss sie nun mit einer Alters­pension von rund 700 Euro über die Runden kommen.

Mit Unterstützung der Tafel des Roten Kreuzes kann sich die Tirolerin ein wenig über Wasser halten. Dort können sich Menschen, deren Einkommen nicht für das Nötigste ausreicht, kostenlos mit einigen Lebensmitteln eindecken. Für Wasser, Strom, Müll und die Hausratversicherung kommt die Tochter der Frau auf, bei der sie auch lebt. Diese schrieb an das Ombudsteam: „Ich kann nicht glauben, dass jemand, der fast sein ganzes Leben lang sein Kind gepflegt hat, jetzt mit so wenig Geld auskommen muss.“ Nebenher arbeiten zu können, wäre für ihre Mutter nicht möglich gewesen – ihr Bruder hatte die höchste Pflegestufe 7 –, und dadurch entfiel auch die Möglichkeit, selbst vorzusorgen.

Die Pensionsversicherungsanstalt (PVA) verweist auf die Möglichkeit, sich während der Zeit der Pflege eines behinderten Kindes selbst zu versichern. Das gelte bis zur Vollendung des 40. Lebensjahres des behinderten Kindes, wenn die Betreuung in häuslicher Umgebung stattfindet und die eigene Arbeitskraft in einem überwiegenden Ausmaß beansprucht wird. Der Wohnsitz muss im Inland sein, der Antragsteller außerdem eine erhöhte Familienbeihilfe beziehen. Die Beiträge werden vom Bund bezahlt. Die Tirolerin hat von diesem Angebot Gebrauch gemacht, das ihr nun die kleine Pension ermöglicht.

In Österreich werden laut Arbeiterkammer (AK) etwa 80 Prozent der Pflegegeldbezieher von ihren Angehörigen zu Hause betreut und gepflegt, was für viele – die meisten sind Frauen – eine große psychische, physische, aber auch finanzielle Herausforderung darstellt. Der für die Übernahme der Pflege und Betreuung der Familienmitglieder nötige Zeitaufwand lässt im Extremfall nicht einmal eine Teilzeittätigkeit parallel dazu zu.

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„Stellt für Frauen die Verrichtung von Teilzeitarbeit im Anschluss an die Kindererziehungszeit in Bezug auf das Pensionskonto nicht schon grundsätzlich eine negative Situation dar, so wird dieser Umstand nochmals verschärft, wenn die Ausübung einer Teilzeittätigkeit oder im Extremfall gar keiner Tätigkeit auf Grund gesundheitlicher Probleme eines Kindes oder eines nahen Angehörigen über längere Zeit nicht möglich ist“, sagt Robert Prem, Leiter der sozialpolitischen Abteilung der AK. Der Gesetzgeber habe aber die Notwendigkeit einer erforderlichen Absicherung erkannt und dementsprechend gesetzliche Regelungen geschaffen. So bestehe die Möglichkeit, sich im Rahmen der Pensionsversicherung bei Übernahme der Pflege und Betreuung naher Angehöriger entweder selbst oder weiter zu versichern.

Außerdem können sich Elternteile mit einem Kind mit Behinderung im Anschluss an die Kindererziehungszeiten ebenfalls für Zeiten der Pflege desselben bis zum vollendeten 40. Lebensjahr des Kindes in der Pensionsversicherung selbst versichern. In jedem Fall ist ein Antrag erforderlich, verweist auch die AK auf verschiedene Möglichkeiten.

Bei allen Varianten entstehen für die pflegenden und betreuenden Angehörigen bei Vorliegen der erforderlichen Voraussetzungen keinerlei Kosten. Prem: „Bei den dargestellten Möglichkeiten sind die Voraussetzungen und auch die finanziellen Auswirkungen auf die Pensionsleistungen teils sehr unterschiedlich. Während für die Weiterversicherung für pflegende Angehörige beispielsweise ein Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit gefordert wird, ist bei der Selbstversicherung eine berufliche Tätigkeit aktuell parallel zulässig.“ Um festzustellen, ob im Einzelfall die Voraussetzungen grundsätzlich vorliegen und – wenn ja – für welche Variante, sei es jedenfalls notwendig, sich vorab zu informieren.

Wie die Praxis allerdings zeigt, kommt es immer wieder vor, dass Betroffene über die gesetzlichen Möglichkeiten nicht Bescheid wissen, Anträge nicht stellen und so zukünftig um höhere Leistungen umfallen würden. So hat sich in einem speziellen Fall eine Versicherte an die AK Tirol gewandt und um Überprüfung ihres Pensionskontos ersucht. Dabei wurde festgestellt, dass sie auf Grund der Behinderung eines Kindes entweder gar keiner oder nur zeitweise einer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist. „Mangels Kenntnis und Antragstellung wurden entsprechende Zeiten nicht erfasst. Somit war eine niedrigere Pensionsleistung zu erwarten.“

„Ist bei der Selbst- oder Weiterversicherung für pflegende Angehörige der Erwerb von Versicherungszeiten höchstens ein Jahr in die Vergangenheit möglich, stellt sich dies in Bezug auf die Selbstversicherung in der Pensionsversicherung für Zeiten der Pflege eines behinderten Kindes auf Grund einer Übergangsregelung anders dar“, sagt AK-Experte Prem. In diesen Fällen sei es möglich, rückwirkend ab 1. Jänner 1988 bei Vorliegen der Voraussetzungen nachträglich die Selbstversicherung für höchstens 120 Monate zu beantragen. Dementsprechend wurde seitens der Versicherten und der AK bei der Pensionsversicherung ein Verfahren eingeleitet, das damit endete, dass der Versicherten zusätzliche Versicherungsmonate gutgeschrieben wurden und sie dadurch eine höhere Pension erhalten hat. Prem: „Das Beispiel zeigt auf, dass es für betroffene Personen wichtig ist, sich bei derartigen Konstellationen umgehend mit dem zuständigen Pensionsversicherungsträger oder der AK Tirol in Verbindung zu setzen.

Erholungsangebot

Auszeit: Die Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) und die Caritas bieten pflegenden Angehörigen Erholungswochen um 50 Euro an. Das Pilotprojekt gilt für TGKK-Versicherte, die durch die Pflege ihrer Angehörigen dringend Entlastung brauchen. Näheres bei der Fachstelle für pflegende Angehörige bei der Caritas, Tel. 0676/8730 6220 oder unter erholungswochen.caritas@dibk.at.


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