Letztes Update am Mi, 03.07.2019 09:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Glücksforscher zu Twitter und Co.: „Da fühlt man sich ungut“

Der Schweizer Glücksforscher Bruno S. Frey hält Ängste vor der Digitalisierung für weit übertrieben. Wer täglich Stunden auf Twitter und Co. verbringt, wird aber unglücklich.

Viel Arbeit im Home Office macht ebenso unglücklich wie Dauer-Surfen auf Social-Media-Plattformen.

© Getty Images/iStockphotoViel Arbeit im Home Office macht ebenso unglücklich wie Dauer-Surfen auf Social-Media-Plattformen.



Viele Menschen fürchten, dass durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz Millionen Jobs abgeschafft werden. Wie sieht der Glücks- forscher diese Ängste?

Prof. Bruno S. Frey: Ich glaube, sie sind weit übertrieben. Natürlich kommt es zu Verschiebungen. Natürlich werden Arbeiten, die ohne große Überlegungen durchgeführt werden können, zu einem guten Teil ersetzt werden. Das ist offensichtlich. Dafür entstehen immer wieder neue Tätigkeiten, etwa im Freizeitsektor oder in der Gastronomie. Ich bin also gar nicht besorgt – auch wenn die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter schrumpft.

Viele Menschen leiden unter digitalem Stress und an der Dauer-Erreichbarkeit. Tun sich die Jungen mit diesen Themen eigentlich weniger schwer als die Älteren?

Frey: Ja, ganz sicher, da junge Leute die Neuen Medien von frühester Jugend an verwenden. Das ist ein riesiger Vorteil. Aber wir sehen in der Glücksforschung auch: Junge Leute zwischen 16 und 25 Jahren sind deutlich zufriedener mit ihrem Leben als Menschen zwischen 30 bis 50. Der Grund: In letzterem Alter müssen sie sich total umstellen. Sie bekommen Kinder, brauchen eine größere Wohnung, haben höhere Ausgaben. Das ist aufwändig und macht nicht immer nur Freude. Interessant ist, dass Ältere ab 60 Jahren wieder glücklicher sind. Das ist sehr schön, weil man immer gedacht hat, dass die Senioren alle unglücklich wären. Die Alten sind nicht mehr verdrossen.

Welche Rolle spielen flexible und lange Arbeitszeiten beim Glücksempfinden? In Österreich ist ja der 12-Stunden-Tag inzwischen möglich.

Frey: Flexible Arbeitszeiten sind fürs Glück sehr wichtig. Wenn man die Kinder von der Schule oder vom Kindergarten abholen muss, dann braucht man die Möglichkeit, Zeiten einzuhalten. Flexibilität trägt zur Lebenszufriedenheit bei. Was längere Arbeitszeiten angeht: Der 12-Stunden-Tag stört mich insofern nicht, als dass die Menschen nicht dazu gezwungen werden, so lange zu arbeiten. Die 40-Stunden-Woche steht langsam schon an der unteren Grenze bei den Arbeitszeiten.

Bruno S. Frey: Der Schweizer Wirtschaftswissenschafter ist einer der Pioniere der ökonomischen Glücksforschung. Er ist ständiger Gastprofessor für Politische Ökonomie an der Universität Basel.
Bruno S. Frey: Der Schweizer Wirtschaftswissenschafter ist einer der Pioniere der ökonomischen Glücksforschung. Er ist ständiger Gastprofessor für Politische Ökonomie an der Universität Basel.
- Julia Hammerle

Sie sagen also, langes Arbeiten sei gar kein Problem fürs persönliche Glück?

Frey: Wir haben in der Glücksforschung herausgefunden, dass Arbeit durchaus zum Glück beiträgt. Umgekehrt sehen wir: Wenn jemand seine Arbeit verliert, wird dieser Mensch wesentlich unglücklicher – und zwar selbst dann, wenn er keinen materiellen Verlust erleidet. Das ist überraschend für einen Ökonomen. Der Grund: Wer arbeitslos wird, fühlt sich von der Gesellschaft entfernt und hat weniger persönliche Beziehungen.

Macht uns die Digitalisierung nun tendenziell glücklicher oder unglücklicher?

Frey: Es trägt sicherlich zur Zufriedenheit bei, dass die Digitalisierung vieles vereinfacht. Viele Leute können ihre Mails ohne großen Aufwand von zu Hause bearbeiten und müssen keine Briefe mehr schreiben. Man hat mehr Kontakte. Aber wenn man es mit Twitter und Co. übertreibt und mehrere Stunden täglich auf diesen Plattformen verbringt, wird man deutlich unglücklicher. Das haben wir gezeigt. Der Grund ist, dass man sich dauernd mit anderen vergleicht, etwa mit Influencern. Da fühlt man sich als Einzelner ungut.

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt: Kaum etwas ist wichtiger, als viele Menschen um sich zu scharen. Warum?

Frey: Es ist gut, viele Leute zu kennen. Aber die Qualität der Beziehungen ist außerordentlich wichtig. Wie gut man sich versteht, wie intensiv und wie gegenseitig das Verhältnis ist. Berufliche wie persönliche Beziehungen sind immer noch unglaublich wichtig, selbst in der digitalen Welt. Die meisten Menschen, die einen Beruf beginnen, machen das aufgrund von persönlichen Beziehungen. Es ist nicht alles so abstrakt und digital, wie man sich das vorstellt.

Erklärt das auch, warum noch immer so viele Leute zu Meetings fahren und auf Geschäftsreise fliegen, obwohl vieles per Telefon oder Videochat machbar wäre?

Frey: Es ist fast nicht erklärbar, warum die Manager wie wild herumreisen. Wenn ich in der Früh am Flughafen Zürich bin, wimmelt es von Geschäftsleuten. Warum telefonieren die nicht einfach? Es hat offensichtlich eine andere Qualität, wenn man einer Person wirklich gegenübersitzt. Ich habe viele Manager gefragt, woran das liegt, aber keiner konnte es mir sagen. Man sieht dieses Verhalten auch bei Politikern. Da ist auch viel Show dabei, aber sie treffen einander auch außerhalb von Medienereignissen erstaunlich häufig.

Immer mehr Menschen sind berufliche Einzelkämpfer. Wie ist es um das Glück dieser Menschen bestellt?

Frey: Es ist weniger hoch als bei jenen, die in Unternehmen tätig sein können. Natürlich: Wenn die Atmosphäre dort miserabel ist, arbeitet man lieber alleine. Aber das ist die Ausnahme. Das Home Office ist für wenige Stunden, vielleicht für einen oder maximal zwei Tage pro Woche gut geeignet, aber sicher nicht für mehr. Man muss Kontakte mit anderen Menschen haben.

Von Ihnen stammt der Satz: Geld allein macht nicht glücklich, aber es hilft sehr. Was hilft sonst noch?

Frey: Wenn ein Chef positives Feedback oder auch eine fundierte Kritik geben kann, dann ist das sehr gut für die betreffende Person. Ich möchte noch auf einen anderen Aspekt des Glücks hinweisen: Dass wir in Österreich und der Schweiz in einer Demokratie leben, ist sehr wichtig. Ein Vorteil ist auch, dass die Länder föderal aufgebaut sind. Menschen sind glücklicher, wenn sie sich in der Demokratie an Entscheidungen beteiligen können und wenn diese auch noch lokal getroffen werden. Wichtig ist auch, dass wir in einer langen Zeit des Friedens leben. Wir müssen daran arbeiten, diesen zu erhalten.

Wie glücklich sind denn die Österreicher nun wirklich mit ihrem Leben?

Frey: In Österreich – oder in Wien? – ist das Granteln ein Thema. Aber die Österreicher sind im Großen und Ganzen mit ihrer Welt zufrieden.

Das Gespräch führte Nina Werlberger