Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 06.07.2019


Exklusiv

Kindheit in der NS-Zeit: Flucht von Innsbruck nach England

Über 10.000 jüdische Kinder sind in der NS-Zeit vor ihrer Ermordung gerettet worden. Darunter auch Mark Burin, der die ersten drei Jahre seines Lebens in Tirol verbrachte. Woran er sich erinnert, erzählt er im TT-Gespräch.

Der 83-jährige Mark Burin erzählt seine Geschichte – sie handelt von Flucht, Trauer, Schmerz, aber auch glücklichen Momenten.

© PfarrhoferDer 83-jährige Mark Burin erzählt seine Geschichte – sie handelt von Flucht, Trauer, Schmerz, aber auch glücklichen Momenten.



Von Serdar Sahin

Wien – Mark wirkt für seine 83 Jahre noch topfit. Ob er Hunger habe, wird er gefragt. Mark braucht nichts, er habe sich seit gestern durch die österreichische Küche gegessen, sagt er lachend. Er und weitere jüdische Holocaust-Überlebende sitzen am Mittwochabend in einem Wiener Heurigen. Einen Tag später werden Mark und die anderen eine denkwürdige Reise antreten.

Bevor er aber erzählt, warum er, ein US-Amerikaner, sich in der österreichischen Bundeshauptstadt eingefunden hat, bestellt er noch schnell „ein Bier, bitte“. Mark, der mit Geburtsnamen Markus Burin heißt, hat deutsche Wurzeln. Seine Geschichte ist eine berührende, traurige, aber eine mit einem glücklichen Ende.

Seine Eltern, Karl und Chaja, waren deutsche Juden. So wie viele andere junge Menschen Ende der 1920er und Anfang der 1930er litten auch sie unter der großen Depression zwischen den zwei Weltkriegen. Als die Stimmung gegen Juden in Deutschland dann auch noch zunehmend feindlicher geworden sei, hätten sich seine Eltern entschlossen, auszuwandern, erzählt Mark im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

So zog es Karl und Chaja nach Palästina, doch auch dort war das Leben nicht einfach, zumal die junge Familie Nachwuchs bekam. Markus erblickte am 4. Juni 1936 das Licht der Welt. Die Eltern hegten schon länger den Plan, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Doch das gestaltete sich mühsam. Marks Onkel Alfred war schon länger dort und ein erfolgreicher Unternehmer. Die junge Familie bat ihn darum, sie in die USA zu holen. Doch Alfred hatte bereits eine lange Liste von Familienangehörigen und Verwandten, die das auch wollten, erzählt Mark. Onkel Alfred musste sie vertrösten. Trotzdem trafen Marks Eltern Vorkehrungen. Falls sie drankämen, müssten sie so schnell wie möglich an der Atlantikküste sein, für das Schiff mit Kurs in Richtung USA. Nach Berlin zurückzuziehen, war für die Familie keine Option, da der mörderische Antisemitismus bereits grassierte. Wegen der kulturellen – also sprachlichen – Nähe entschieden sie sich für Österreich. Wien kam nicht infrage, weil auch dort der Judenhass allgegenwärtig war, erzählt Mark aus den Erinnerungen seiner Eltern.

Bilder einer Kindheit: Mark Burin mit seiner Mutter in der Sonnenburgstraße in Wilten (l.), mit seinem Papa (r. oben), kurz vor der Fahrt nach Großbrtitannien (l. unten) und mit seiner Pflegemutter (r. unten).
Bilder einer Kindheit: Mark Burin mit seiner Mutter in der Sonnenburgstraße in Wilten (l.), mit seinem Papa (r. oben), kurz vor der Fahrt nach Großbrtitannien (l. unten) und mit seiner Pflegemutter (r. unten).
- Mark Burin

Karl und Chaja entschieden sich für Innsbruck – da war Mark gerade einmal acht Wochen alt. Von der Tiroler Hauptstadt würde man schnell nach Frankreich und dann an die Küste gelagen, so der Plan. Die Jahre vergingen, doch von Onkel Alfred kam nicht die erhoffte Nachricht. Als er fast drei Jahre alt war, vermutlich im April 1939, so Mark, brachten ihn seine Eltern nach Wien.

„Ich hatte keine Ahnung, ich war noch ein kleiner Junge“, erzählt Mark. Aber er erinnert sich an den Trennungsschmerz, als ihn seine Eltern in den Zug in Richtung England setzten. Sie durften nicht mit. Dies sah der britische Deal so vor. Nur jüdischen Kindern bis 17 Jahren war es erlaubt, mitzureisen. Einen Koffer hatte er dabei, auch das war vorgegeben – sonst nichts.

Von Wien aus ging es zuerst nach Berlin, dann in die Niederlande – von dort mit der Fähre nach Großbritannien – „zehn bis 14 Tage dauerte die Fahrt“, erklärt der 83-Jährige. Bei jedem Halt seien weitere Kinder zugestiegen. Mark war eines von mehr als 10.000 Kindern aus Österreich, Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei, die in den Jahren 1938/39 vor dem Nazi-Regime gerettet worden sind. Sie galten im Sinne der Nürnberger Gesetze als „jüdisch“. In Reaktion auf die Novemberpogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erleichterte Großbritannien die Einreisebestimmungen und organisierte die so genannten Kindertransporte. Ende November fuhr der erste Zug mit Kindern aus Berlin in Richtung London. Sie kamen bei Pflegefamilien und in Heimen unter. So wurde auch Mark einer Pflegefamilie aus Manchester zugewiesen. „Sie haben mich behandelt wie ihr eigenes Kind“, erzählt er. Und wie das so bei kleinen Kindern sei, habe er sie bald „Mutti und Vati“ genannt – und die Sprache gelernt.

Inzwischen wütete der grausame Krieg. Millionen Juden wurden von den Nazis ermordet. Doch Karl und Chaja überlebten. „Plötzlich standen da zwei fremde Menschen“, erinnert sich Mark – der Krieg war vorbei. Seine Pflegeeltern stellten sie ihm vor. „Mutti und Vati“ seien sie. Doch Mark tat sich schwer. Erst als er einen Koffer mit seinen alten Spielsachen sah, kamen die Erinnerungen hoch. Mark war eines der wenigen unter den 10.000 Kindern, das mit seinen Eltern wieder vereint wurde. Der Großteil sah seine Familie nie wieder.

Die Burins durften nun in die USA auswandern. In Chicago ließen sie sich nieder. Mark erzählt von seiner Jugend, vor allem in der Schule sei es für ihn nicht einfach gewesen. Er führt das auf seine traumatischen Erlebnisse zurück. Mark habe das Fach Deutsch belegt, doch seine Lehrerin sei nicht wirklich überzeugt von seinen Sprachkenntnissen gewesen. Etwas planlos sei er gewesen, so habe er sich bei der US-Armee eingeschrieben und sei prompt in Karlsruhe gelandet – wegen seiner Deutschkenntnisse. Da war der Kalte Krieg im Gange. Für Mark aber eine gute Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse aufzubessern. So suchte er bei jeder Gelegenheit Kontakt zu Deutschen, wie er sagt. Drei Jahre verbrachte Mark beim Militär. Dann ging er wieder zurück nach Hause. Aber Chicago war ihm zu kalt, sagt er lachend. Deswegen zog er nach Florida. Dort lebt er nun mit seinem Ehemann.

Ob er inzwischen auch Innsbruck besucht habe? Einmal in den 1970ern, als er eine Tour durch Europa gemacht habe, sagt Mark. Doch verspürt habe er dabei nichts, viel zu klein sei er gewesen. Mark und weitere waren die vergangenen Tage in Wien. Seit gestern sind sie mit dem Zug unterwegs – zuerst nach Berlin über die Niederlande und dann mit der Fähre nach Großbritannien.

Ausstellung

Kindertransporte: 2500 der über 10.000 jüdischen Kinder, die gerettet worden sind, waren aus Österreich. In der Wiener Urania gibt es die Ausstellung „Für das Kind“, die an ihr Schicksal erinnert. Einige von ihnen waren aus diesem Anlass auf Einladung des Jewish Welcome Service Vienna zu Besuch in Wien – darunter auch Mark Burin.