Letztes Update am Sa, 06.07.2019 09:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Zwei-Klassen-Medizin: Jeder dritte Tiroler ist privatversichert

Die Zahl der Zusatzversicherten im ambulanten und im stationären Bereich nimmt jährlich um bis zu fünf Prozent zu. Die Patienten zahlen mehr ein, als ausbezahlt wird. Arztwahl und Wartezeiten sind das Kaufmotiv.

Der Trend zur privaten Krankenzusatzversicherung hält in Österreich ebenso an wie der Anstieg der Zahl der Wahlärzte. Es gibt inzwischen mehr Wahl- als Kassenärzte.

© iStockDer Trend zur privaten Krankenzusatzversicherung hält in Österreich ebenso an wie der Anstieg der Zahl der Wahlärzte. Es gibt inzwischen mehr Wahl- als Kassenärzte.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – 3,3 Millionen sind in Österreich zusatzkrankenversichert. Sie zahlen mehr an Prämien ein, als die Versicherer auszahlen müssen. An Prämien werden 2,2 Milliarden Euro laut Versicherungsverband Österreich fällig, ausbezahlt werden 1,4 Milliarden Euro.

Marktführer bei den privaten Krankenversicherern in Österreich ist die Uniqa mit einem Anteil von 46 Prozent, in Tirol sind es gar 54 Prozent. Die Zahl der Kunden sei kontinuierlich gestiegen und liege jetzt im Spitalsbereich bei rund 81.000 in Tirol, dazu kämen rund 62.000, die ambulant versichert seien, erklärt Uniqa-Landesdirektor Manfred Miglar. „Die Ansprüche der Patienten sind gestiegen. Ein Wahlarzt ist nicht unbedingt notwendig, aber es ist beruhigend, einen zu haben.“ Die freie Arztwahl sei auch das Hauptargument der Versicherten, weshalb diese einen Vertrag abschließen würden.

In Deutschland wird seit Jahren diskutiert, ob nicht zu viel untersucht und operiert würde. Vor allem „lukrative Fälle“ kämen in einer zunehmend ökonomisierten Spitalswelt zum Handkuss. Fakt ist, dass die Zahl der Operationen in Deutschland im internationalen Vergleich an vorderster Stelle liegt. Grund für die hohe Zahl an Operationen sei nicht nur der Forschungsstand, sondern auch die Finanzierung des Gesundheitssystems (siehe Interview).

Auch in Österreich wurde der Vorwurf laut, dass Privatversicherte öfter in den Computertomographen geschoben oder geröntgt würden. Weniger aus medizinischer Indikation, mehr aus finanzieller. „Das kann ich nicht bestätigen“, sagt Uniqa-­Landesdirektor Miglar. „Die Schadensquote ist in Tirol höher als in Restösterreich. Das stimmt. Das liegt aber daran, dass die Tiroler sehr sportlich sind und daher mehr Unfälle haben.“

7000 Patienten werden pro Jahr im Privatsanatorium Kettenbrücke verarztet, 20.000 kommen ambulant dazu. Das Haus hat 150 Betten, ebenso viele Belegärzte und 320 Mitarbeiter. „Wir bieten das Spektrum eines Bezirksspitals mit zusätzlichen Schwerpunkten wie der Neurochirurgie und sind sicher keine Rosinen­picker“, erklärt Geschäftsführerin Annette Leja. „Die Patienten kommen aufgrund von Mundpropaganda zu uns, die Ergebnisse müssen nachhaltig gut sein. 80 Prozent sind aus Innsbruck und Innsbruck-Land. Man kennt sich“, meint der ärztliche Direktor des Sanatoriums, Michael Gabl, im Gespräch mit der TT. „Das deutsche Abrechnungssystem ist viel leistungsorientierter als unseres.“ Auch am Sanatorium gilt für den Leistungsteil der Sozialversicherung eine Deckelung.

80 Prozent der Patienten sind am Sanatorium privatversichert, 20 Prozent Selbstzahler. „Wir haben nur eine Klasse von Patienten“, erklärt Leja. Dass deren Zahl insgesamt gestiegen sei, liege hauptsächlich daran, dass das Haus mehr Leistungen anbiete als früher. „Den Patienten ist der Zeitpunkt der Behandlung, das Haus und die freie Arztwahl wichtig.“

Ob auch in Österreich die Zahl der Operationen gestiegen sei, ließe sich so einfach nicht beantworten, meint Gabl. „Bandscheiben werden heute weitaus weniger operiert als früher. Nur noch sechs Prozent landen am OP-Tisch, früher war es jeder Dritte.“ Weil die Bevölkerung älter werde, fänden aber heute weitaus mehr Wirbelsäulenoperationen statt. Einen monetären Zusammenhang mag er nicht herstellen. „Das ist anderswo stärker ausgeprägt. Bei uns ist die Grundversorgung gesichert und die Privatversicherung wird als Add-on, also als Zusatz, gesehen.“

117 Millionen Euro hat die Uniqa in Tirol im letzten Jahr an Prämien verrechnet und 88 Millionen Euro ausbezahlt. „Eine private Gesundheitsvorsorge abzuschließen, ist eine individuelle Entscheidung. Privatversicherte sind bereit, Kosten für ihre Gesundheit selbst zu tragen“, sagt Landesdirektor Miglar. Mehr Geld im System kann nicht schaden. Laut einer Studie im Auftrag der Uniqa kostet die medizinische Betreuung, bis wir 39 Jahre alt sind, im Schnitt 1800 Euro pro Jahr. Zwischen 50 und 59 Jahren fallen schon doppelt so viele Euros an, bis zum 75. Lebensjahr verfünffachen sie sich. „Ist ein Mensch über 90 Jahre alt, müssen 27.000 Euro pro Jahr für seine Gesundheit aufgewendet werden.“

Was Privatversicherte viel mehr umtreibt als die Kosten für die Allgemeinheit, ist die Wartezeit. Die liegt laut Miglar in Österreichs Spitals­ambulanzen für mehr als die Hälfte der 1500 Befragten zwischen 30 Minuten und zwei Stunden. Länger als vier Stunden warten nur 3,5 Prozent. Das Glück, in weniger als 15 Minuten dranzukommen, haben allerdings ebenso wenige.

Über die Ökonomisierung der Medizin

Der freie Markt bringe keine Versorgungssicherheit, wohl aber der Staat, sagt Univ.-Prof. Gerhard Pierer.

Die Zwei-Klassen-Medizin wird von der Politik stets negiert, ist aber gelebte Praxis. Wie weit reichen die Vorteile für Privatversicherte an der Klinik?

Gerhard Pierer: Es gibt Vorteile wie die Annehmlichkeiten der Hotelkomponenten und die freie Arztwahl des Vertrauens, aber keine Behandlungsunterschiede oder z. B. qualitativ verschiedene Implantate. Medizinische oder soziale Ungerechtigkeiten sehe ich keine.

Aber wir sind uns einig, dass wegen der Hotelkomponente allein wohl niemand eine Privatversicherung abschließt?

Pierer: Zusatzversicherte bekommen keinen schnelleren Termin, es gibt Kontingente von Privatbetten. Unterschiedliche Wartezeiten ergeben sich, unabhängig vom Versicherungsstatus, aus medizinischen Dringlichkeiten. Mit der Standardisierung von Abläufen beobachten wir auch eine stark sinkende Zahl von externen Interventionen für verschiedenste Bevorzugungen.

In Deutschland wird zu viel operiert, in vielen Fällen nur, weil es sich finanziell lohnt. Wie stark ist die Ökonomisierung bei uns fortgeschritten?

Pierer:

Wahlärzten und Privatkliniken wird oft vorgeworfen, sich die Rosinen herauszupicken. Bringt das das System ins Wanken?

Pierer:

Das sieht man bei langen Wartezeiten bei Kassenärzten oder Engpässen an Wochenenden.

Pierer: Es landen zu viele Patienten in den Spitalsambulanzen, weil aus den verschiedensten Gründen Leistungen in den Arztpraxen nicht verfügbar sind. Ohne Steuerungsmechanismen würde nur noch „Schönwettermedizin“ betrieben und vor allem das gemacht, was lukrativ ist. Das sieht man in den USA ebenso wie in Großbritannien, wo ab einem gewissen Alter kein Hüftgelenk mehr eingesetzt wird.

Das österreichische Gesundheitssystem gilt immer noch als eines der besten. Was braucht es, damit das so bleibt?

Pierer: Sicher mehrere Faktoren wie Qualitätssicherung, Prozessdefinitionen, Strukturbereinigungen und ganz voran: klare Finanzierungsstrukturen aus einer Hand. Solange aus mehreren Finanzierungstöpfen verschiedener Trägerorganisationen und Versicherungen unterschiedlich abgerechnet wird, haben die zuständigen Institutionen natürlich ein hohes Interesse, finanzielle Risiken den anderen zuzuschieben. Der Patient wird zum Spielball.

Das Gespräch führte Anita Heubacher