Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.07.2019


Exklusiv

Ein Bär narrt das Trentino: M49 auf der Flucht

Das Tier M49 ist aus einem gesicherten Gehege geflohen, nur wenige Stunden nachdem es gefangen wurde. In Süd- und Nordtirol wäre die kontrollierte Entnahme möglich.

Die Zäune um das Gehege, aus dem M49 geflohen ist, sind bis zu 4,5 Meter hoch.

© Presseamt des TrentinoDie Zäune um das Gehege, aus dem M49 geflohen ist, sind bis zu 4,5 Meter hoch.



Von Benedikt Mair und Nikolaus Paumgartten

Trient, Innsbruck – Vier Zäune, einer davon viereinhalb Meter hoch, und mehrere Stromdrähte mit einer Spannung von 7000 Volt konnten ihn nicht aufhalten. Die spektakuläre Flucht des Bären M49 in der Nacht auf Montag aus einem Gehege in Casteller unweit von Trient hat viel Staub aufgewirbelt – auch weil er erst wenige Stunden zuvor eingefangen worden war. Das Tier wird verdächtigt, in den vergangenen Monaten mehrmals Nutztiere gerissen zu haben. Außerdem soll es 16-mal versucht haben, in bewohnte Häuser einzudringen.

Wie konnte das Tier entkommen? „Der Bär war nicht betäubt“, erklärte Alberto Stoffella, einer der Förster, die M49 am Sonntagabend im Trentino eingefangen haben, gegenüber der Neuen Südtiroler Tageszeitung. „Jedes Wildtier kämpft um sein Leben. Da gibt es keine Barrieren.“ Außerdem seien Bären gute Kletterer und M49 sei nicht betäubt worden, weshalb er unter Stress stand, sagte Stoffella.

Wo sich das etwa dreieinhalb Jahre alte Tier jetzt umtreibt, ist nicht ganz geklärt. Es soll irgendwo in den Bergen zwischen Trient und der Stadt Pergine umherstreifen. Ein Senderhalsband, das es trug, wurde ihm nach dem Transport in das Gehege abgenommen, berichtet die Südtiroler Tageszeitung Dolomiten.

Besonders politisch sorgt die Flucht von M49 für Sprengstoff. Der Trentiner Landeshauptmann Maurizio Fugatti (Lega) hat angekündigt, das Tier, sollte es sich wieder Menschen oder bewohnten Gebieten nähern, abschießen zu lassen. Der italienische Umweltminister Sergio Costa (Fünf Sterne) schob den Plänen einen Riegel vor, verbot den Abschuss, da das Ausreißen aus einem Gehege keine Tötung des Wildtieres rechtfertige.

Der Bär M49.
Der Bär M49.
- Ufficio Stampa Trentino

Was die Entnahme von so genannten Problembären und -wölfen betrifft, haben sich seit Dienstag in Südtirol die gesetzlichen Voraussetzungen geändert. Wie berichtet, hat der Verfassungsgerichtshof festgestellt, dass ein 2018 verabschiedetes Landesgesetz der Provinz Bozen zur Regulierung und Entnahme von Großraubwild legitim ist. Das „Wolfsgesetz“ war vergangenes Jahr von der Regierung in Rom angefochten worden.

Nördlich des Brenners wird die Entwicklung im Umgang mit den großen Beutegreifern in Südtirol mit Interesse verfolgt. Sowohl bei der Jägerschaft als auch in der Politik. „Uns geht es diesseits und jenseits des Brenners um den Schutz und die Absicherung der Alm- und Weidewirtschaft“, erklärt LHStv. Josef Geisler (ÖVP). „Dafür werden wir uns im Alpenraum gemeinsam mit aller Kraft einsetzen.“ Das Urteil des italienischen Verfassungsgerichtshofes bezeichnet Geisler als einen ersten hart erkämpften Teilerfolg für Südtirol und das Trentino. „Am europäischen Schutzstatus des Wolfes ändert es jedoch nichts“, betont er. In Österreich ist der Umgang mit Wölfen „in besonderen Situationen“ seit dem Jahr 2012 im österreichischen Wolfsmanagementplan geregelt – siehe Info-Box oben.

In der Diskussion um Wolf und Bär zu Wort gemeldet hat sich auch Seniorenbund-Landesobfrau LR Patrizia Zoller-Frischauf. Weil die Bewegung im Freien besonders für die Gesundheit älterer Menschen wichtig sei, seien gefährliche Begegnungen mit den Wildtieren zu verhindern: „Bei uns ist kein Platz für Wolf und Bär.“

Wolf und Bär in Tirol

Wolf: Seit Sommer 2018 wurde in Tirol in vier Fällen ein Wolf nachgewiesen: Am 14. Juli wurden zwei wolfsähnliche Tiere in Fiss fotografiert. Am 29. Jänner und 12. Februar 2019 wurden anhand gerissenen Rotwilds in St. Jakob i. Def. jeweils Wölfe genetisch nachgewiesen, ebenso am 29. April im Kaunertal. 2018 und 2019 konnten keine Nutztierrisse eindeutig einem Wolf als Verursacher zugeordnet werden.

Bär: Im Pitztal dürfte ein Bär Anfang Juni drei Schafe gerissen haben, das Ergebnis des DNA-Tests steht noch aus. Vermutlich dasselbe Tier tappte rund zwei Wochen später im Außerfern in eine Fotofalle.

Wolfsmanagement: Der österreichische Wolfsmanagementplan erlaubt seit 2012 „in besonderen Situationen" die Entnahme von Wölfen. Voraussetzung ist, dass das Tier aggressiv auf Menschen reagiert oder wiederholt Nutz- und Haustiere tötet. Präventionsmaßnahmen zum Schutz der Nutztiere müssen davor allerdings ausgereizt sein.