Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.07.2019


Osttirol

Die Zahl der Bettler in Lienz ist rückläufig

Um des organisierten Bettelns Herr zu werden, verkauft die Stadtgemeinde Lienz Gutscheine für den Sozialladen.

Sozialausschuss-Obmann Karl Zabernig sieht in den Gutscheinen für den Sozialladen Lienz eine sinnvolle Spende für Bettler.

© Stadt Lienz/LenzerSozialausschuss-Obmann Karl Zabernig sieht in den Gutscheinen für den Sozialladen Lienz eine sinnvolle Spende für Bettler.



Von Christoph Blassnig

Lienz – „Gutschein statt Geld“ steht in großen Lettern auf der Karte, dazu ihr Wert: ein Euro. Die Stadt gibt heuer im zweiten Jahr Gutscheine aus, mit denen man Bettlern zweckgebunden etwas zukommen lassen kann. Für sieben Euro sind im Bürgerservice jeweils zehn Gutscheinkarten erhältlich. Angenommen werden diese ausschließlich im Sozialladen Lienz (SoLaLi) in der Schweizergasse. Der Weg dorthin ist auf der Gutschein-Rückseite in einem Stadtplan eingezeichnet und in englischer Sprache beschrieben. Den Kaufpreis von zehn Stück stützt die Gemeinde mit einem Beitrag von drei Euro. Das Projekt hat sich etabliert.

Vor wenigen Jahren ist es der Stadt Lienz wie vielen anderen kleinen und größeren in Österreich ergangen: Öffentliches Betteln war jahrzehntelang fast unbekannt. Plötzlich waren dort, wo viel­e Menschen unterwegs sind, Frauen mit Kindern oder gebrechliche Männer anzutreffen. Im Recht zu betteln haben organisierte Banden eine vermutlich gewinnversprechende Einnahmemöglichkeit gesehen und dafür Menschen aus dem Ausland hierher verbracht. Im Lienzer Gemeinderat legte Hannes Schwarzer (LSL) das Thema damals auf den Tisch.

„Wir haben uns in der Folg­e im Sozialausschuss mit der Problematik beschäftigt“, erläutert Obmann Karl Zabernig (SPÖ). Ein Bettelverbot sei rechtlich nicht möglich, das hätte man auch in Innsbruck einsehen müssen, nachdem ein solches Ansinnen dort nicht umgesetzt werden konnte. In Österreich und Deutschland habe man sich Beispiele angesehen, wie Kommunen dem organisierten Betteln einen Riegel vorschieben wollten. Herausgekommen sei schließlich das Lienzer Pilotprojekt „Gutschein statt Geld“, das nach einer Testphase von einem Jahr heuer verlängert wurde, und, wenn der Gemeinderat sich dafür ausspricht, wohl auch im nächsten Jahr beibehalten werden wird.

„Es kommen immer wieder bettelnde Menschen zu uns in den Laden und lösen ihre Gutscheine ein“, berichtet Waltraud Buchacher vom SoLaLi. Häufig hätten sie einzelne Wertkarten, manchmal auch zwanzig am Stück. Es gibt ausschließlich Lebensmittel und Hygieneprodukte zu kaufen und nichts, was Suchtverhalten begünstigt.

„Die Entwicklung in der Stadt ist eindeutig positiv, die Zahl der Bettler ist merklich zurückgegangen“, befindet Zabernig. Die Bevölkerung hätte die Gutscheine inzwischen auch als geeignete Unterstützung für soziale Fälle in der Nachbarschaft entdeckt. „Im SoLaLi wird jeder liebevoll aufgenommen, nur keine falsche Scham oder Scheu.“