Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.07.2019


Bezirk Schwaz

„Was wäre die Karl Alm ohne Sepp?“

Seit 25 Jahren verbringt Josef Fankhauser jeden Sommer auf seiner Alm im Zillertal. Und das, obwohl der Bergbauer rechtsseitig gelähmt ist. Doch das hält den 86-Jährigen nicht davon ab, mit anzupacken.

Auf 1750 Metern über Ramsau liegt die Karl Alm.

© Eva-Maria FankhauserAuf 1750 Metern über Ramsau liegt die Karl Alm.



Von Eva-Maria Fankhauser

Ramsau, Fügenberg – Auf der Karl Alm am Ramsberg herrscht geschäftiges Treiben. Wanderer kommen und gehen. Eine Brettljause folgt der nächsten. Gerade köchelt ein Melchermus am Herd. Und mittendrin sitzt er. Der Mann, wegen dem so viele Leute jedes Jahr auf die Karl Alm kommen. Josef Fankhauser – besser bekannt als „Kopbichl Sepp“ – verbringt seit über 25 Jahren jeden Sommer auf seiner Alm im hinteren Zillertal.

Urgestein Josef „Sepp“ Fankhauser.
Urgestein Josef „Sepp“ Fankhauser.
- Fankhauser

Es ist ein heißer Tag. Bedächtig streift sich Sepp über seinen grauen Rauschebart. Er rückt den Sonnenhut zurecht und scherzt mit einem britischen Wanderführer. Und das, obwohl Sepp kein Wort Englisch spricht und der Brite kaum ein Wort Deutsch. Doch sie verstehen sich prächtig, lachen und stoßen auf den Tag an. „Seit sieben Jahren komme ich mehrmals im Sommer beim Sepp vorbei“, erzählt der Brite. Auch ein holländisches Paar ist ganz begeistert von der kleinen Hütte, dem Ausblick und von der guten Seele der Alm. „Was wäre die Karl Alm ohne den Sepp?“, sagt ein einheimischer Wanderer.

Unterstützt wird "der Sepp" von Sohn Thomas.
Unterstützt wird "der Sepp" von Sohn Thomas.
- Fankhauser

Aber was macht ihn denn nun so besonders? Vor 23 Jahren änderte sich das Leben von Sepp schlagartig. Er war ein Mann, der sich politisch für die Bergbauern einsetzte. Ein Mann, der als Ökonomierat viel unterwegs war, einen Bergbauernhof am Fügenberg bewirtschaftete, der damaligen Milchgenossenschaft vorstand und harte Zeiten durch Krieg und Geldentwertung durchleben musste. Doch dann kam die Diagnose: Tumor. 1996 musste Sepp am Kopf operiert werden. „Die OP verlief nicht ganz nach Wunsch“, erzählt er. Der Tumor wurde entfernt, aber seither ist Sepps rechte Körperhälfte gelähmt.

„Mein Arbeitsfeld war stark eingeschränkt, ich brauchte Hilfe. Anfangs war es für mich sehr schwierig, aber meine Frau Leni war immer für mich da“, sagt er mit belegter Stimme. Eine harte Zeit. Sepp musste vieles aufgeben, zurückstecken. Dafür scheint er etwas anderes gewonnen zu haben: einen unbändigen Lebensmut. „Ein Sommer, ohne auf der Alm zu sein – das kann ich mir nicht vorstellen.“

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- Fankhauser

Seine körperliche Einschränkung machte Sepp anfangs zu schaffen – nicht nur das Gehen und Sprechen, sondern das Offen-Umgehen damit. „Ich habe mich dann in der Hütte versteckt, wollte nicht zu den Leuten raus“, sagt Sepp. Er hat sich geschämt. Unwohl gefühlt. Doch er lernte mit seiner Behinderung umzugehen und packte, wo er nur konnte, mit an: melken, Käse machen, Melchermus kochen oder Gäste bewirten.

Das ist für ihn ein wichtiger Teil des Almsommers. Die Alm sei ein „b’sonderes Platzl“ und das wüssten die Wanderer zu schätzen. Vom Sekretär der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, heimischen Politikern bis hin zum indischen Prinzen kamen viele spannende Besucher.

Mit noch mehr Stolz erfüllt ihn aber seine Familie. Und die ist groß – sieben Kinder, 25 Enkel und acht Urenkel. Nach seiner OP halfen vor allem die Enkelkinder auf der Alm aus. Vom Kühemelken, Zäunen, Heuen, Gästebewirten bis hin zum Kochen oder Einfangen entlaufener Kälber war alles dabei. „Das war schon eine besondere Zeit. Und ich glaube, es hat den Kindern gutgetan hier oben, ohne Fernseher, mitten in der Natur“, sagt er. Sohn Hannes hat er übrigens mit seinem politischen Engagement angesteckt: Hannes ist Sektionschef im Landwirtschaftsministerium in Wien.

Eine der schönsten Erinnerungen ist für Sepp die Zeit mit seiner Leni. Jeden Abend gingen die beiden von der Hütte ein paar Minuten bergauf zu ihrem Kraftplatz. „Dort haben wir ein Kreuz und eine Bank aufgestellt. Da sind wir immer gesessen und haben den Tag ausklingen lassen“, erzählt er wehmütig. Denn seine Leni ist vor 15 Jahren verstorben. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht an sie denkt. Sie war sein persönlicher Schutzengel, immer an seiner Seite. „Außerdem meditiere ich jeden Morgen und bitte darum, dass es allen meinen Enkelkindern gut geht“, sagt der 86-Jährige.

Mittlerweile sind die Enkel fast alle erwachsen und die helfenden Hände fehlen. Daher kümmert sich Sohn Thomas um die ganze Arbeit. Unterstützt wird er von Sennern oder Praktikanten. „Ich bin froh um Thomas und seine Hilfe“, sagt Sepp. Im Herbst freue er sich zwar aufs Heimkommen, aber: „Ab Ostern rechnet man wieder, wann es endlich auf die Alm geht. Und wenn es mir da nicht so gut geht, dann weiß ich, dass ich durchbeißen muss, um wieder fit zu sein.“ Und das will er unbedingt: Denn auf der Alm, da blüht er erst richtig auf.