Letztes Update am So, 28.07.2019 10:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Die Heime für Angehörige dementer Patienten aufmachen

Demenz ist das zentrale Thema in der Versorgung alter Menschen. Es braucht vielfältige Konzepte. Zuhause seien Angehörige oft überfordert. Bei der stationären Betreuung gelte es sie einzubinden.

Demente Menschen können sich oft anhand von Bildern an frühere Ereignisse erinnern. Die Betreuung ist eine große Herausforderung.

© Gabriele Rohde - stock.adobe.comDemente Menschen können sich oft anhand von Bildern an frühere Ereignisse erinnern. Die Betreuung ist eine große Herausforderung.



Von Alexandra Plank

Innsbruck — Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Ähnlich verhält es sich auch mit der Betreuung alter Menschen, die orientierungslos sind. In Natters etwa wurde die Bevölkerung informiert, dass sich die dementen Menschen frei bewegen können (siehe links). Derzeit leben in Tirol über 11.000 an Demenz erkrankte Menschen mit einer deutlichen Steigerung nach oben. Etwa 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Tirol werden zu Hause durch Angehörige betreut, zu einem Großteil wird diese oft schwierige Aufgabe von Frauen geleistet.

Es braucht eine Vielzahl von Angeboten

Primar Josef Marksteiner, Leiter der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie A am Landeskrankenhaus Hall, ist für die akute Versorgung von dementen Patienten zuständig. Er sagt, dass es eine Vielzahl von Angeboten brauche. Insgesamt werden an seiner Abteilung rund 900 Personen mit einer demenziellen Erkrankung behandelt. Eine stationäre Aufnahme sei meist nötig, wenn neuropsychiatrische Symptome wie etwa Aggressionen auftreten. „Wir arbeiten auf den Stationen in einem multidisziplinären Team mit Ärzten, Pflegepersonal, Ergo-, Physiotherapeuten, Psychologen, Sozialberatung und so weiter", sagt der Primar. Auch alternative Angebote wie Lichttherapie kommen zum Einsatz.

Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz

Demenz ist eine chronische und fortschreitende Gehirnerkrankung, von der überwiegend Personen ab dem 65. Lebensjahr betroffen sind. Aktuell leben in Österreich bis zu 130.000 Menschen mit Demenz, die Tendenz ist stark steigend. In Tirol sind es rund 11.000 Personen. Alzheimer ist mit 60 Prozent die häufigste Erkrankungsform der Demenz, sie kann auch früher beginnen.

Anstieg. Die Anzahl Demenz-Erkrankter wird bis 2030 um voraussichtlich 42 Prozent steigen. Derzeit wendet die Tiroler Gebietskrankenkasse für Demenz-Medikamente bereits rund zwei Millionen Euro pro Jahr auf.

Hilfe. Die Website der Koordinationsstelle Demenz www.demenz-tirol.at liefert seit 2017 alle wichtigen Informationen.

Forschung. Es gibt Hinweise darauf, dass fehlende Gehirnstammzellen eine Ursache der Krankheit darstellen. Der Molekularbiologe Frank Edenhofer von der Uni Innsbruck versucht mit seinem Team zu verstehen, warum die Stammzellaktivität in den Patienten abnimmt und wie man sie künstlich aktivieren kann. Dies könnte durch Medikamente oder Zellreprogrammierung erreicht werden.

Manche der Patienten könnten wieder nach Hause zurückkehren, für viele gelte es aber einen Heimplatz zu finden, hier seien die Sozialarbeiter gefordert. „Das ist oft nicht ganz einfach. Seit der Pflegeregress abgeschafft wurde, gibt es Wartezeiten, viele unserer Patienten haben aber, wenn sie zu uns kommen, keine Diagnose und keine entsprechende Einstufung der Pflegestufe", so Marksteiner.

Zudem würden die Heime gerade Menschen, die ganz besondere Bedürfnisse haben, ungern aufnehmen. Auf Grund dessen nach einem Haus zu verlangen, in dem ausschließlich alte Menschen mit psychischen Problemen betreut werden, liegt ihm aber fern. „Man muss genau schauen, was es schon gibt und was es noch braucht. Es benötigt einen Blumenstrauß an Angeboten." Für Marksteiner liegt aber auf der Hand, dass es künftig nicht ohne die viel geschmähte 24-h-Betreuung gehen wird. „Es ist immens schwierig, Alzheimer-Patienten zuhause zu pflegen, da rund 80 Prozent starke Symptome, wie Wahn, entwickeln. Der moralische Zeigefinger ?Du musst dich um deine Eltern kümmern' ist völlig fehl am Platz."

Statement

Bärbel Jordan-Ruef-Stabentheiner, Vorstand Nothburgaheim: „Wir haben vor 19 Jahren im 4. Stock einen Wohnbereich mit dem Schwerpunkt Demenz geschaffen. Es gibt dort eine große Terrasse, wo die Menschen sich frei bewegen können. Wir haben im ganzen Haus Wohnstuben, auf dieser Station sind die Einheiten noch kleiner, damit sich die Menschen besser orientieren können. Es gibt aber auf allen Stationen demente Menschen und es wird kaum jemand in den 4. Stock verlegt. Das passiert nur, wenn wir merken, dass sich die betreffende Person dort, wo sie ist, nicht mehr wohl fühlt. Derzeit sind im 4. Stock neun Personen untergebracht. Es gibt einen Lift, den man sperren kann, das tun wir nicht. Viele haben einen Bewegungsdrang. Es gibt Angehörige, die können wir anrufen und sie gehen mit den Leuten spazieren."

Defizite bei der Versorgung

Der Experte tritt indes dafür ein, dass Angehörige mehr in die Versorgung in den Heimen miteinbezogen werden. „Es gibt schon jetzt Wohngemeinschaften und da helfen die Angehörigen beim Einrichten und auch bei der Versorgung mit", erklärt der Primar. Die Heim­e sollten auch offener für die Mithilfe von außen werden. In Tirol bestehen einige deklarierte Dementen­stationen, viele Heime setzen aber auf ein integratives Modell (siehe Kasten).

Robert Kaufmann, Vorstand der ARGE Tiroler Altenheime, gibt an, dass die Heime in Tirol kleinstrukturiert seien und die Menschen wohnortnah untergebracht werden. Wichtig sei, dass man die Menschen dort abholt, wo sie sich befinden, und sie ins Dorf integriert sind.

Statement

Christian Schneller, Geschäftsführer Haus Maria, Natters: „In Natters setzen wir auf ein integratives Modell. Rund die Hälfte der 40 Bewohner leidet unter Demenz. Es gibt kein spezielles Programm für sie, sondern sie können am Wochenangebot teilnehmen. Auch bei Ausflügen werden sie mitgenommen. Da die Personen meist einen großen Bewegungsdrang haben, sind ihre Schuhe mit Stiften versehen. Unser System meldet uns, wenn sie das Haus verlassen. Manchmal geht ein Pfleger mit. Wenn Angehörige dem Patienten neue Schuhe geben, kommt es vor, dass es keine Warnung gibt. Die Natterer kennen sich aus und informieren uns. Die Stifte sind freiheitsbeschränkend und wurden genehmigt, ebenso wie Bettgitter. Wir setzen aber auf Sturzmatten, die melden, wenn jemand aufsteht."

Alexandra Niedermoser vom Bewohnernetzwerk erklärt, dass man wie auch die WHO stets für Integration eintrete. Allerdings gebe es oft Defizite bei der Versorgung von dementen Patienten auf regulären Stationen. Vielfach werden diese mit Medikamenten ruhiggestellt. Den Mangel an Personal relativiert sie: „Oft ist das auch eine Ausbildungskrise." Das integrativ­e Modell sei vorzuziehen: „Der österreichische Demenzbericht 2014 hält klar fest, dass sich die Aktivitä­t der Patienten dadurch erhöht."

Marksteiner sagt indes, dass sich die Pflegekräfte in Tirol ohnehin ständig weiterbilden, aber die beste Qualifikation nichts nütze, „wenn die notwendigen Strukturen für die Arbeit fehlen".




Kommentieren


Schlagworte