Letztes Update am So, 28.07.2019 14:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Steiermark

Nach Entführung: Radprofi Nathalie Birli geht es „an und für sich ganz gut“

Die 27-Jährige spricht in einem Interview darüber, wie sie in den Händen des Entführers ruhig bleiben konnte und was ihr nun durch den Kopf geht.

Nathalie Birli nahm bereits an mehreren Triathlon-Wettkämpfen teil, wie hier im Jahr 2015 in Kitzbühel.

© GEPA / Hans OsterauerNathalie Birli nahm bereits an mehreren Triathlon-Wettkämpfen teil, wie hier im Jahr 2015 in Kitzbühel.



Graz – Der 27-jährigen Frau, die in der Nacht auf Mittwoch nordöstlich von Graz von einem 33-Jährigen entführt worden und nach einigen Stunden in seiner Gewalt wieder freigekommen war, geht es „an und für sich ganz gut“. Sie habe versucht, Strategien zu entwickeln, um heil herauszukommen, u. a. habe sie die Blumen ihres Entführers gelobt, sagte sie im Interview mit der Kleinen Zeitung (Sonntagausgabe).

Sie habe sich alles Mögliche überlegt, vor allem, was sie tun könne, damit der Entführer nicht zornig werde. Der Mann habe sie wohl anders gesehen, als sie seine schönen Orchideen gelobt habe. Sie sei vermutlich wegen des Schocks so ruhig geblieben. Auch habe sie sich gefragt, wie man später auf die Spur des Mannes kommen könnte.

Am Beginn der Entführung habe sie Angst gehabt: „Als er mich in das Auto gezerrt hat, habe ich mir schon gedacht, dass er mich im Wald vergraben wird. Als er versucht hat, mich zu ersticken, habe ich auch gedacht, ich muss sterben. Er hat zwar immer gesagt, dass ich am nächsten Tag freigelassen werde, aber das habe ich nie so wirklich geglaubt“, sagte sie. Später habe die Triathletin um ihren kleinen Sohn viel mehr Angst gehabt als um sich selbst. Panisch sei sie aber nie gewesen. Es habe sie auch gewundert, dass sie nie geweint habe.

Wie ist es bei ihm so weit gekommen?

Die Dramatik sei ihr nach der Arm-OP am Donnerstag bewusst geworden, als sie alleine im Spital da gelegen sei. Auf die Frage, was bei ihr hochkomme, wenn sie an den Täter denke, sagte sie: „Ich habe mir ganz oft die Frage gestellt, wie ist es bei ihm so weit gekommen? Ist er eingesperrt? Was sagt er aus?“ Sie wolle sich jedenfalls nicht als Opfer sehen und so bald wie möglich wieder mit dem Arbeiten beginnen. „Wenn man sich als Opfer sieht, bemitleidet man sich nur selber. Ich muss versuchen, stärker zu werden, nicht schwächer.“

Die 27-Jährige war am Dienstagabend mit ihrem Rennrad im Gebiet Kumberg-Schöckl (Bezirk Graz-Umgebung) unterwegs gewesen, als sie von dem Mann mit seinem Wagen von hinten niedergestoßen wurde. Der 33-Jährige schlug laut Polizei mit einem Prügel auf sie ein, fesselte sie und zwang sie in sein Auto, auch das Rennrad nahm er mit. In seinem abgelegenen Wohnhaus soll er sie u.a. mit einem Messer bedroht und in eine Badewanne mit kaltem Wasser gedrängt haben. Sie konnte ihn schließlich überreden, sie freizulassen. Der 33-Jährige brachte sie mit seinem Auto mitsamt dem Rennrad nach Hause. Durch das Auslesen des Radcomputers konnte ein Bewegungsprofil erstellt werden, das zusammen mit anderen Ermittlungsergebnissen zur Festnahme des Mannes durch das Einsatzkommando Cobra führte. Er gab die Tat zu, zum Motiv wollte er sich laut Polizei „nicht klar artikulieren“. Die Polizei prüft, ob er für weitere Taten infrage kommen könnte. (APA)