Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 31.07.2019


Bezirk Kufstein

Von Afghanistan nach Kirchbichl: Zu Fuß den Weg in die Sicherheit gefunden

Rona Zarifi und ihre Familie erhielten subsidiären Schutz. In Kirchbichl haben sie sich ein Leben aufgebaut – mit der Hoffnung zu bleiben.

Christine Ellinger aus Kirchbichl half Rona Zarifi und deren Familie, in Tirol Fuß zu fassen. Die Zukunft der Flüchtlinge ist aber ungewiss.

© Kittel SOS MitmenschChristine Ellinger aus Kirchbichl half Rona Zarifi und deren Familie, in Tirol Fuß zu fassen. Die Zukunft der Flüchtlinge ist aber ungewiss.



Von Sonja Kittl

Kufstein – Wenn Rona Zarifi Fotos ihrer Familie zeigt, dann strahlen ihre braunen Augen und Stolz liegt in ihrer sonst so leisen Stimme: die Enkelkinder beim Picknick im Park oder bei der freiwilligen Feuerwehr, der Sohn beim Skifahren, die Familie beim gemeinsamen Wandern in den Bergen. Auch Fotos des ersten selbst gemachten Eisbechers oder der eigenen Küche hat die 53-Jährige auf dem Handy gespeichert. Vor drei Jahren flüchtete die Familie Zarifi aus Afghanistan nach Österreich.

Rona Zarifis Mann, ein Pilot, war vor 31 Jahren von den Mujaheddin in Afghanistan erschossen worden. Die junge Frau war nun verantwortlich für die beiden Kinder. Während die Tochter nach England ging – heute lebt sie dort mit ihrem Ehemann und vier Kindern –, machte der Sohn eine Ausbildung zum Elektrotechniker. Auch er heiratete und bekam mit seiner Frau zwei Kinder. Als die Situation in Afghanistan aufgrund des Krieges nicht mehr tragbar war, entschloss sich die Familie zur Flucht. Erst in die Türkei, dann über zahlreiche Länder nach Ungarn und dann nach Österreich. Einen Monat lang waren sie, meistens zu Fuß, Tag und Nacht unterwegs.

Die erste Station in Österreich war das Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. Rona Zarifi erinnert sich noch gut an die erste Nacht dort. Sie schlief ruhig und gut und ohne Angst – das erste Mal seit vielen Wochen. Die Familie wurde nach Klagenfurt verlegt, dann nach Kichbichl, ins so genannte „Billa-Haus“. Stellwände, über die man drüberschauen konnte, trennten die einzelnen Bereiche ab. Die sanitären Anlagen waren kaum ausreichend für die vielen Menschen. Trotz der widrigen Umstände hat Rona Zarifi nur Positives zu berichten über diese Zeit. Von ihrer freundlichen Deutschlehrerin Marta oder Menschen, die zu ihr kamen und sie unterstützten. Erinnerungen an den Schweinskopf, der 2017 vor die Unterkunft gelegt worden war, oder an Schweineabfälle, die immer wieder über den Zaun geworfen wurden, lässt Zarifi in ihren Erzählungen aus.

Während die Familie auf ihren Asylbescheid wartete, arbeitete die Großmutter in einem Altenheim. Für die gemeinnützige Arbeit bekam sie drei Euro pro Stunde. Nachmittags ging es nach Wörgl zum Deutschkurs. Als der Familie dann subsidiärer Schutz gewährt wurde, machte sie sich gleich auf die Suche nach einer „normalen Arbeit“, wie sie heute sagt. Über das AMS bekam sie schnell eine Stelle in einer Bäckerei in Scheffau, in der sie auch heute noch tätig ist. Sie wäscht Geschirr ab, hält alles sauber und ist im dazugehörigen Café im Service tätig. Jetzt im Sommer macht sie die Eisbecher. „Ich habe eine nette Chefin und nette Kolleginnen, alles ist toll“, sagt die 53-Jährige. Jeden Dienstag hilft die Afghanin ehrenamtlich im Caritas-Sozialmarkt in Wörgl aus. Mittwochs passt Oma Zarifi auf das jüngste Enkelkind auf, damit die Schwiegertochter im Kleiderladen des Roten Kreuzes helfen kann. Der Sohn, so wie schon in Afghanistan auch in Wörgl als Elektrotechniker tätig, hilft auch beim Roten Kreuz aus.

Eine wichtige Unterstützung für Rona Zarifi ist Christine Ellinger. Die Kirchbichlerin – ihr Mann ist Vizebürgermeister der Gemeinde – war von Anfang an beratend und helfend an ihrer Seite. „Von den Kindern bis zu den Erwachsenen, man merkt, dass es der Familie ein Bedürfnis war, hier weiterzukommen. Deshalb gibt es so tolle Ergebnisse“, sagt Ellinger über die Zarifis. Die Verbindung zwischen den beiden Frauen wurde auch durch das Projekt „Marjam – Patinnen für geflüchtete Frauen“ gestärkt, das im Auftrag des Lands Tirol umgesetzt wird. Heute kommt Rona Zarifi öfters mal zum Kaffee und zum Plaudern bei Christine Ellinger vorbei. Die Zarifis sind glücklich in Tirol. Sie wollen hier bleiben und ruhig und unauffällig ihr Leben leben. Doch einen Unsicherheitsfaktor gibt es: Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Der subsidiäre Schutz ist befristet. Wie lange der Status ihnen bleibt, ist ungewiss, genau wie ihre Zukunft.

Porträtreihe „Angekommen in Österreich“