Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 03.08.2019


Ärzte ohne Grenzen

Tiroler Bauingenieur half in Sierra Leone: „Der Tod gehört hier zum Alltag“

Der Tiroler Wassertechniker Philipp Egger hat für „Ärzte ohne Grenzen“ ein halbes Jahr beim Aufbau eines Kinder-Krankenhauses in der Stadt Kenema im afrikanischen Sierra Leone mitgearbeitet.

Philipp Egger leitete die Wasser- und Kanalarbeiten am Kinderkrankenhaus von „Ärzte ohne Grenzen“ in Kenema (Sierra Leone).

© EggerPhilipp Egger leitete die Wasser- und Kanalarbeiten am Kinderkrankenhaus von „Ärzte ohne Grenzen“ in Kenema (Sierra Leone).



Von Nikolaus Paumgartten

Kenema, Innsbruck – Bereits der erste Eindruck von Sierra Leone hat Philipp Egger nachhaltig geprägt. Gleich bei seiner Ankunft in der Hauptstadt Freetown Ende November des vergangenen Jahres ist ihm bewusst geworden, dass das Leben hier ein völlig anderes ist als jenes, das er in Mitteleuropa gewöhnt war. „Die Menschen sehen nicht glücklich aus. Viele sitzen auf der Straße herum, weil sie keine Arbeit haben. Es gibt dort keine Kanalisation, kein Trinkwasser, keine Müllentsorgung. Alles wird einfach im Freien angezündet“, berichtet der Bauingenieur, der sich auf den Bereich Wassertechnik spezialisiert hat. Für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ war der gebürtige Stubaier sechs Monate im westafrikanischen Land im Einsatz. Reich an Diamanten und Rohstoffen, erholt sich der Staat nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges nur sehr langsam. Die größten Herausforderungen sind das grassierende Lassafieber und die Mangelernährung. Daher hatte sich „Ärzte ohne Grenzen“ entschlossen, in Kenema im Südwesten des Landes ein Krankenhaus für Kinder im Alter von drei Monaten bis fünf Jahren zu errichten.

Der 38-jährige Philipp Egger war während seiner Zeit in Kenema als Wassertechniker für den Bau der Kanal- und Wasseranlage sowie das Müllmanagement der Klinik leitend verantwortlich. Seine bisherige berufliche Erfahrung als Wassertechniker bei den Innsbrucker Kommunalbetrieben hat ihm dabei geholfen. „Baustelle ist Baustelle. Ob in Afrika oder China – das läuft unterm Strich alles ziemlich gleich ab“, sagt Egger. Die Umstände in Kenema seien dann aber doch speziell gewesen: 40 Grad im Schatten, 95 Prozent Luftfeuchtigkeit. Und am Tag im Schnitt fünf Stromausfälle. Die Grabungsarbeiten wurden mit Schaufel und Pickel erledigt und nicht mit dem Bagger, erzählt Egger. Denn die schweren Arbeitsgeräte gehören meist den Minenbesitzern vor Ort, die diese nur für viel Geld vermieten. Trotz der harten körperlichen Arbeit sei das zwischenmenschliche Klima auf der Baustelle meist gut gewesen. „Die Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, waren fröhlich und motiviert, weil sie etwas zu tun hatten“, erzählt Philipp Egger. „Außer, wenn Manchester United verloren hat. Dann war am nächsten Tag die Stimmung schlecht“, schmunzelt er.

Philipp Egger (Bauingenieur): „Baustelle ist Baustelle. Ob in Afrika oder China – das läuft unterm Strich alles ziemlich gleich ab.“
Philipp Egger (Bauingenieur): „Baustelle ist Baustelle. Ob in Afrika oder China – das läuft unterm Strich alles ziemlich gleich ab.“
- Annette Leopold/MSF

Die fordernden Lebensumstände in dem westafrikanischen Land haben auch ihm während seines Aufenthaltes zugesetzt: „Zwei Mal wäre ich fast auf eine Grüne Mamba gestiegen. Und nach einiger Zeit hat sich auch bei mir die Mangelernährung bemerkbar gemacht“, erinnert sich der Bauingenieur. Denn wer sich hauptsächlich von Reis, Huhn und Zwiebelsauce ernährt – wie das die Einheimischen tun –, der beginnt bald unter Vitaminmangel zu leiden. Die Folge waren Haarausfall und lockere Zähne. Nur mit Nahrungsergänzungsmitteln konnte Philipp Egger das Problem in den Griff bekommen. Vitamine und Medizin sind für die Menschen in Sierra Leone Luxus. „Für eine Familie geht es da um die Entscheidung, sich ein Medikament leisten zu können und dafür auf Essen verzichten zu müssen.“ Und so ist das Sterben in Sierra Leone ein täglicher Begleiter. Kaum ein Tag, an dem einer seiner Arbeiter nicht einen Familienangehörigen oder Bekannten verloren hat. „Der Tod gehört hier zum Alltag“, erinnert sich Egger.

Der Tiroler will die Erfahrungen der vergangenen sechs Monate nicht missen, auch wenn diese eine mentale und körperliche Belastung für ihn waren. „Hier in Österreich geht es uns so gut. Ich wollte einfach einmal etwas zurückgeben von dem Glück, hier geboren worden zu sein.“

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- Egger

Wer die Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“ unterstützen möchte, findet nähere Informationen und Spendenmöglichkeiten unter www.aerzte-ohne-grenzen.at/spendenkonto.