Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.08.2019


Bezirk Innsbruck-Land

Hall: „Eltern brauchen Ort, wo sie die Trauer hintragen können“

Am Haller Friedhof soll eine Grab- und Gedenkstätte für „Sternenkinder“ entstehen. Die Klinikseelsorge wünscht sich solche Orte überall in Tirol.

Am Pradler Friedhof in Innsbruck gibt es eine Grab- und Gedenkstätte für „Sternenkinder“. Zweimal jährlich werden hier Kinder beigesetzt, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind. Auch am Haller Friedhof wird es das künftig geben.

© DomanigAm Pradler Friedhof in Innsbruck gibt es eine Grab- und Gedenkstätte für „Sternenkinder“. Zweimal jährlich werden hier Kinder beigesetzt, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind. Auch am Haller Friedhof wird es das künftig geben.



Von Michael Domanig

Hall, Innsbruck – Mit einer Neuerlassung der Friedhofsordnung hat der Haller Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung die Voraussetzung geschaffen, am Haller Friedhof eine Grab- und Gedenkstätte für „Sternenkinder“ einzurichten. Damit sind Kinder gemeint, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind. „Für sie soll es eine würdevolle Beisetzung geben, für die Angehörigen eine Möglichkeit für Trauer und Abschied“, erklärt BM Eva Posch. Die Grabstätt­e wird von der städtischen Friedhofsverwaltung mitbetreut werden. „Für die Eltern soll hier natürlich keine Grabgebühr anfallen“, führt Posch aus, daher wurde auch die Friedhofsgebührenordnung entsprechend geändert.

Das Anliegen war von der Klinikseelsorge ausgegangen und wurde gemeinsam mit Gudrun Guerrini, Pfarrkuratorin der Pfarre St. Franziskus in Hall-Schönegg, an die Stadt herangetragen. „Mir ist das Thema Sternenkinder in meiner seelsorgerischen Tätigkeit immer wieder untergekommen“, sagt Guerrini. „Uns war wichtig, dass Familien, die betroffen sind, möglichst ortsnah einen Platz des Gedenkens vorfinden.“ In welchen zeitlichen Abständen die Beisetzungen in Hall stattfinden sollen, wird noch gemeinsam festgelegt. Es gehe in erster Linie um eine würdige Stätt­e für die verstorbenen Kinder – und um einen entsprechenden ethischen Zugang, betont auch Tomy Mullur. Der Innsbrucker Klinikseelsorger beschäftigt sich seit 2004 intensiv mit dem Thema „Sternenkinder“. Zentral sei, diese Kinder „als Lebewesen, als Menschen, als Teil unserer Gesellschaft zu würdigen“.

In Tirol gibt es jährlich rund 300 bis 350 klinisch registrierte Fehlgeburten, also Kinder, bei denen kein Zeichen einer Lebendgeburt vorhanden ist und das Geburtsgewicht weniger als 500 Gramm beträgt. Hinzu kommen etwa 40 Totgeburten, bei denen das Kind bereits über 500 Gramm erreicht hat. Viele Familien sind somit von diesem tragischen Schicksal betroffen. „Beim jährlichen Gottesdienst für frühverstorbene Kinder im Innsbrucker Dom zu St. Jakob ist die Kirche immer voll“, sagt Mullur. Dennoch sei es lange ein „schwerst tabuisierter Bereich“ gewesen. „Gut, dass sich das nun ändert.“

Zugleich gehe es darum, einen Ort zu schaffen, „wo die Eltern ihre Trauer hintragen können“, meint Mullur, inklusive sichtbarer Zeichen wie Kerzen. Einen solchen Ort brauche es: „Sonst wird das Herz zum Grab – und das ist nicht gut.“

Einiges habe sich schon bewegt: 2004 habe es in Tirol erst drei Gräber für „Sternenkinder“ gegeben, heute seien es bereits elf. „Aber es braucht in jeder Gemeinde einen Platz, wo Leute mit Sternenkindern hingehen können. Das ist unser Ziel“, stellt Mullur klar.

Darüber hinaus wolle man eine gesetzliche Änderung erreichen, wonach alle Kinder „unabhängig von Größe und Gewicht als Menschen anzuerkennen und beizusetzen sind“. Eine solche Beisetzungsverpflichtung besteht für fehlgeborene Kinder bereits in mehreren Bundesländern, darunter Wien, Salzburg und Vorarlberg.

Auch von kirchlicher Seite seien lange viele Fehler begangen worden, ergänzt der Klinikseelsorger. Früher wurden die Eltern noch mit der Vorstellung belastet, dass ihr­e Kinder, da ungetauft, „nicht nur auf der Erde verloren seie­n, sondern auch im Himmel“. Diese Vorstellung („Limbus infantium“, eine Art Vorhölle) wurde unter Papst Benedikt XVI. abgeschafft. „Gottes Liebe ist größer, diese Kinder kommen auch ohne Taufe ins Angesicht Gottes“, erklärt Mullur den heutigen kirchlichen Zugang.

In Hall wurde mit dem jüngsten Gemeinderatsbeschluss übrigens auch die am Friedhof bereits bestehende Gedenkstätte für die Toten der Haller Psychiatrie formal in die Friedhofsordnung aufgenommen – als weitere besondere Grabstätte, in der Menschen gemeinsam bestattet wurden. Mit behandelt wurde außerdem das „Grab der Namenlosen“. Dort werden u. a. die Gebeine von (unbekannten) Menschen beigesetzt, die bei Grabungsarbeiten freigelegt werden.