Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.08.2019


Bezirk Reutte

Der Mann, der „Personenbetreuer“ zu Außerferner Familien vermittelt

Harald Kaiser rekrutiert Menschen aus der EU für die Zuhause-Betreuung Pflegebedürftiger.

Wenn der Reuttener Harald Kaiser mit seinem Fiat-500-Oldtimer bei Kunden im Außerfern vorfährt, dann fällt er auf.

© MittermayrWenn der Reuttener Harald Kaiser mit seinem Fiat-500-Oldtimer bei Kunden im Außerfern vorfährt, dann fällt er auf.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Fünf Stunden Mensch-ärgere-dich-nicht spielen und nicht gewinnen dürfen. Auch das gehört zum Alltag von Personenbetreuern, die im 24-Stunden-Einsatz in Privathaushalten arbeiten. Harald Kaiser könnte viele derartige Anekdoten erzählen. Der Reuttener hat vor zwei Jahren die Firma „24 h- Dahoam“ gegründet und versorgt den Außerferner Markt mit Personenbetreuern aus Osteuropa. In Deutschland verboten, ist dieses Gewerbe in Österreich offiziell zugelassen. Derzeit sind 25 von ihm vermittelte „Pflegekräfte“ aus Ungarn, Rumänien, Kroatien und Bulgarien im Außerfern tätig. Ähnliches bietet im Bezirk Reutte noch ein weiteres Unternehmen an, aber allein in Tirol sind an die 50 Agenturen in diesem (Spannungs-)Feld tätig.

Kaiser, aus der Arbeitswissenschaft kommend, war als Unternehmensberater in den USA, Deutschland und Österreich tätig, bevor er mit seiner Familie zu seinen Eltern nach Reutte zurückkehrte – die nun selbst in einem Zusammenspiel zwischen der aus Rumänien stammenden Maria, der Ungarin Piroschka, der Kroatin Ksenija und Haralds Familie, die alle unter einem Dach wohnen, betreut werden. Womit Kaiser ausdrücken möchte, dass er im eigenen Zuhause einem Praxistest für seine Dienstleistungen unterliegt.

Der Vermittler ist sich sicher: „Ohne diese Form der Betreuung würde unser Pflegesystem kollabieren. Die demographische Entwicklung zeigt, dass die ausgezeichnete Arbeit leistenden Fachkräfte der mobilen und stationären Pflege die Versorgung nicht alleine meistern können.“ 24-Stunden-Betreuung zu Hause sei eine unverzichtbare Säule geworden. Allein die Wartelisten bei den beiden Pflegeheimen im Bezirk bestätigten dies. „Und viele Ältere wollen daheim bleiben. Ein Großteil wird oft auch bei höherer Pflegestufe zu Hause gepflegt – meist von den Angehörigen, und das teils neben ihrem Beruf unter hohen Belastungen.“

Die Personalrekrutierung erfolgt von einem über Jahre aufgebauten Stamm „in erster Linie über Mundpropaganda“. Social Media sei inzwischen auch ein von ihm genutzter Kanal zur Akquirierung.

Vom „System“ werde er immer wieder mit der Frage nach der Qualifizierung der selbstständig arbeitenden Personenbetreuer konfrontiert. Eine Pflegeausbildung hätten sie alle, wenn auch nicht immer nach österreichischen Maßstäben. Aber seine Leute müssten auch anderen Anforderungen gerecht werden: etwa sich in den Familienverband integrieren zu können und dort zu wohnen; Tag und Nacht da zu sein; Aufmerksamkeit und Herzlichkeit mitzubringen. Gerade bei der Begleitung dementer Menschen seien sie meist unglaublich gefordert. Teils seien auch Männer als Pflegekräfte gewünscht – Eifersucht sei durchaus ein Thema.

Die Frage, ob sich nur Betuchte diese häusliche 24-h-Betreuung leisten können, verneint der 55-Jährige. Viele Faktoren würden eine Rolle spielen. „Angenommen, eine 24-h-Pflegekraft würde alles eingerechnet rund 2300 Euro kosten, dann klingt dies auf den ersten Blick nicht finanzierbar. Aber Pflegegeld (je nach Höhe der Pflegestufe), Zuschüsse von Land und Bund und die Rente müssten gegengerechnet werden.“ Er habe Fälle, bei denen die zusätzliche Belastung für die Pflegebedürftigen nicht mehr als 200 Euro betrage.

Dass nicht immer alles nur eitel Wonne sei, räumt er gerne ein. Hier würden Menschen, die viel hinter sich lassen würden, in der Regel vier bis sechs Wochen in Menschenverbände mit ihren Eigenheiten eintauchen. „Das sind keine Roboter“, erklärt Harald Kaiser. Bestmöglich werde nach Gesprächen in einer Vorselektion versucht, das ideale Tandem zu finden.