Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.08.2019


Exklusiv

Gasangriff auf Hochzeit in Innsbruck? “Das war ein militärisches Zeug“

Die Hausverwalterin des Jägerheims war neben ihrer Tochter die einzige Tiroler Zeugin der Hochzeit mit 26 Verletzten. Die Frau ist überzeugt, dass die Gäste Opfer eines Gasangriffs wurden.

Die Hochzeit im Jägerheim endete am Abend des 13. Juli mit 26 Verletzten. Ein Großeinsatz war die Folge.

© zeitungsfoto.atDie Hochzeit im Jägerheim endete am Abend des 13. Juli mit 26 Verletzten. Ein Großeinsatz war die Folge.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – „Das war zu hundert Prozent ein militärisches Zeug.“ Mit „Zeug“ meint Renate Deinhofer, Hausverwalterin des Jägerheims, Kampfgas. Und damit jene noch immer unbekannte Substanz, die am 13. Juli zum abrupten Ende einer tschetschenischen Hochzeit im Jägerheim führte. Wie berichtet, sind damals 26 Menschen – vor allem Fraue­n, aber auch Kinder und einige Männer – mit Atemwegsbeschwerden bis hin zur Bewusstlosigkeit und starken Kopfschmerzen zusammengebrochen und in der Klinik bzw. dem Haller Krankenhaus versorgt worden. Zumindest offiziell – inoffiziell dürfte es noch weit mehr Opfer gegeben haben. „Ich erfuhr, dass auch andere Hochzeitsgäste auf der Heimfahrt Herzbeschwerden und Zusammenbrüche erlitten haben.“ Deinhofer schätzt, dass etwa 50 bis 60 Gäste an den Auswirkungen der unbekannten Substanz litten.

Die Hausverwalterin war neben ihrer Tochter die einzige Tirolerin, die an der Hochzeit teilnahm. Und damit ist Deinhofer für die Innsbrucker Kripo auch die wichtigste, weil neutrale Zeugin. „Ich saß beim Notausgang, als gegen 20.45 Uhr die Brautfamilie fotografiert wurde. Der Saal war halb leer, die meisten Männer hielten sich im Freien auf“, schildert die Oberländerin die letzten Sekunden vor dem Hochzeitsende. Zwei Paare tanzten noch. Wie auch auf einem der TT vorliegenden Video zu sehen ist, verließ ein Mädchen plötzlich mit bleichem Gesicht die Tanzfläche und rief nur noch nach „Mam­a“. Das erste Opfer.

„In dem Moment hab’ auch ich einen beißenden – mir unbekannten – Geruch wahrgenommen, der sofort einen Hustenreiz auslöste“, erzählt die Verwalterin: „Es waren auch Rauchschwaden zu sehen.“ Die resolute Oberländerin, die schon bei einem Hilfseinsatz im Krisengebiet an der türkisch-syrischen Grenze Erfahrungen gesammelt hat, reagierte rasch: „Ich dachte sofort an Gas, riss die Fenster auf und schrie: Alle raus!“ Im Freien sind „dann viele wie die Orgelpfeifen umgefallen“, so Deinhofer. Auch ihre Tochter, die keine Luft mehr bekam und das Bewusstsein verlor. „Ihre Luftröhre war zugeschwollen und die Lunge verätzt“, beschreibt die Zeugin die Ursache für die Ohnmacht. Deinhofer selbst kam ebenfalls nicht ungeschoren davon. „Ich bin erst am nächsten Tag mit heftigen Kopfschmerzen in die Klinik. Dort hieß es, mein Zustand sei wie nach einem Marathonlauf. Außerdem befürchteten die Ärzte, dass mir ein Herzinfarkt droht.“ Offen­bar kein Einzelfall – auch andere Opfer „klagten über Herzbeschwerden“.

Deinhofer glaubt, dass das Gas nicht nur im Jägerheim ausströmte: „Im Freien stand ein Aschenbecher, aus dem Rauch kam, der sicher nicht von Zigaretten oder Papier stammte.“ Ein Qualm, der ebenfalls Hustenanfälle auslöste. „Zwei junge Tschetschenen brachten den Aschen­becher schließlich weg.“

Nach Ansicht der Zeugin gibt es darüber hinaus weitere Indizien, die für den Einsatz von Kampfgas im Jägerheim sprechen. So kann Deinhofer einen Kohlendioxid-Austritt aus der Schankanlage als bisher plausibelste Erklärung für den Massen-Zusammenbruch ausschließen: „Die Schankanlage war an dem Abend gar nicht in Betrieb. Außerdem ist die Gasflasche der Schank noch immer genauso voll wie vor der Hochzeit.“ Dazu kommt, dass die Bar relativ weit vom Bereich entfernt ist, an dem die ersten Gäste Hustenanfälle erlitten. Sauerstoffmangel als Ursache ist ebenfalls unwahrscheinlich. Weil der Saal um 20.45 Uhr bei Weitem nicht voll war. Das zeigt auch das Video.

Außerdem zeigte ein Messgerät des Bundesheeres kurz nach der Hochzeit Spuren eines Kampfgases an. Allerdings konnte das brisante Ergebnis durch weitere Messungen nicht bestätigt werden.

Die Hausverwalterin weiß weiters von einem heftigen Streit zwischen mehreren Männern im so genannten Technikraum des Jägerheims: „Dort hätte sich niemand aufhalten dürfen. Als ich die Gäste rauswarf, bekam ich die Auseinandersetzung mit.“

Deinhofer beobachtete auch, wie im Chaos des Rettungseinsatzes zwei junge Männer durch den Hintereingang ins evakuierte Jägerheim zurückkehrten: „Mit zwei Nylonsäcken kamen sie wieder raus und verschwanden.“ Zudem erfuhr die Zeugin von mehreren Tschetschenen, dass auch sie von einem Gas­einsatz überzeugt wären.

Die Innsbrucker Kripo ermittelt nach wie vor in alle Richtungen. Derzeit warten die Beamten auf das Analyseergebnis der Blutproben, die in der Klinik von den Opfern genommen wurden.