Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 14.08.2019


Osttirol

Jubiläum für Sillianer Dekan: „Bierbänke statt eines Priestersitzes“

25 Jahre nach seiner ersten Messe feiert der Sillianer Dekan Anno Schulte-Herbrüggen in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt sein silbernes Priesterjubiläum. Der Geistliche schöpft seine Kraft aus der Stille.

Anno Schulte-Herbrüggen war wieder in einigen afrikanischen Ländern unterwegs .

© Anno Schulte-HerbrüggenAnno Schulte-Herbrüggen war wieder in einigen afrikanischen Ländern unterwegs .



Sillian — Man kennt ihn überall als Dekan Anno. Wenn er nicht als Priester unterwegs ist, trifft man Anno Schulte-Herbrüggen auch beim Klettern oder Radfahren in den Bergen. Der Sillianer Dekan feiert sein silbernes Priesterjubiläum. Heute findet zum Auftakt um 19 Uhr in der Pfarrkirche eine Vesper statt. Um 20 Uhr gibt die Musikkapelle Heinfels ein Konzert am Gemeindeplatz, später werden Häuser erleuchtet und Bergfeuer entzündet. Morgen um neun Uhr lädt die Pfarrgemeinde zum Festgottesdienst und Patrozinium.

Sie kommen gerade erst aus Afrika zurück?

Anno Schulte-Herbrüggen: Ich habe von 1986 bis 1987 in einer Pfarre in Kenia gelebt und gearbeitet. Ohne diese Erfahrung wäre ich nicht der geworden, der ich heute bin. Nach 32 Jahren war ich jetzt wieder dort, weitere Stationen meiner Reise mit meinem eigenen Auto waren Sambia, Malawi und Tansania. Es war einfach umwerfend schön.

Was hat Sie so geprägt?

Schulte-Herbrüggen: Ich habe damals mit den Menschen in ihren Dörfern gelebt und auf Tierfellen am Boden geschlafen. Meine Hauptaufgabe bestand in der Gründung kleiner Weggemeinschaften. Betrachtet man es genau, machen wir das heute mit Unterstützung unseres Bischofs Hermann Glettler auch bei uns. Unsere Kirche muss sich auf den Weg zu den Menschen machen und darf nicht sitzen bleiben und warten, bis jemand vorbeikommt.

Schulte-Herbrüggen feiert morgen in Sillian mit afrikanischem Essen, Musik und Tanz sein 25-Jahr-Priesterjubiläum.
Schulte-Herbrüggen feiert morgen in Sillian mit afrikanischem Essen, Musik und Tanz sein 25-Jahr-Priesterjubiläum.
- Anno Schulte-Herbrüggen

Wie kann man das auf Osttirol umlegen?

Schulte-Herbrüggen: Die Kirche der Zukunft ist eine, in der sich die Menschen selbstständig treffen, ihr Leben miteinander teilen, in der Bibel lesen und dabei aufmerksam und fürsorglich sind für alles, was um sie herum geschieht. Da können wir immer dazulernen. Das hilft uns auch beim Priestermangel, den sehe ich übrigens als Chance. Gott kennt viele Wege.

Es lassen sich auch Strukturen aufbrechen?

Schulte-Herbrüggen: Sicher, nur Mut. Beim Festgottesdienst stellen wir Bierbänke statt des Priestersitzes in den Altarraum — so viele werden mit mir und der Pfarrgemeinde feiern. Die Liturgie lädt zu völliger Hingabe ein, mit Leib und Seele. In Tansania besinnen sich die Gläubigen beim Kyrie unter Tränen ihrer Schuld, bitten für Schlechtes um Vergebung und Versöhnung und singen und tanzen dann mit solcher Inbrunst zum Gloria, dass es einen jeden anrührt. Diese Intensität fehlt mir manchmal bei uns. Niemand soll sich scheuen mitzutun. Nur Mut.

Sie haben einen guten Draht zu Kindern und Jugendlichen?

Schulte-Herbrüggen: Auch das ist eine große Gnade. Ich frage sie oft: „Könnt ihr mit einem Opa-Typ wie mir überhaupt noch etwas anfangen?" Sie lachen dann. „Ja sicher, Dekan Anno."

Wie finden Sie selbst in Ihrem Beruf zu neuer Kraft?

Schulte-Herbrüggen: Ich pflege gute Freundschaften und bin gerne in der Natur. Ich brauche und gestalte Ruhepole. Aus Zeiten der Stille schöpfe ich Kraft. Eine Quelle dafür ist auch der Männerorden in Taizé, wohin ich seit 27 Jahren einmal pro Jahr zu Schweigeexerzitien reise.

Sie sind seit 2010 Pfarrer im Seelsorgeraum Hochpustertal, seit 2015 auch Dekan. Machen Sie sich wieder auf die Reise?

Schulte-Herbrüggen: Neun von meinen 25 Jahren als Priester habe ich in Sillian verbracht. Es werden keine weiteren neun Jahre sein, so viel ist sicher. Und das ist gut so. Das schönste Kompliment hat mir jetzt jemand in Afrika gemacht: „Du bist ein echter Missionar." Vor sechs Jahren habe ich zwei Arten von Darmkrebs überlebt. Seither weiß ich das Leben neu zu schätzen und begegne Patienten in der Krankenhausseelsorge anders. Alles hat sein Gutes, wir dürfen nur nicht stehenbleiben.

Kommt Ihre Familie zu den Feierlichkeiten?

Schulte-Herbrüggen: Mein Vater hat dieser Tage seinen 95. Geburtstag gefeiert. Die Reise wäre zu beschwerlich. Wir stehen per Videotelefonie in Kontakt. Mein Bruder aus München kommt zum Fest. Mein kongolesisches Patenkind aus Innsbruck, das heuer Erstkommunion gefeiert hat, hat sich angekündigt. Nach der Messe lade ich zu afrikanischem Essen, Musik und Tanz in den Kultursaal.

Das Interview führte Christoph Blassnig