Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.08.2019


Tirol

Der Doktor und das viele Vieh: Ein Leben für die Tiergesundheit

Vom Hund bis zum Bären – Matthias Seewald hat sein Leben der Tiergesundheit gewidmet. Das gilt für Haustiere, die Tiere im Alpenzoo und manchmal auch in Vietnam. Begonnen hat er damit schon früh.

Breites Spektrum: Matthias Seewald bei einer Zahnbehandlung in seiner Tierklinik.

© Vanessa Rachle / TTBreites Spektrum: Matthias Seewald bei einer Zahnbehandlung in seiner Tierklinik.



Von Andrea Wieser

Innsbruck – Als Matthias Seewald 13 Jahre alt ist, geht er daheim in Mieders im Stubaital in den Stall des elterlichen Bauernhofs. Dort bemerkt er, dass die Kuh beim Kalben Probleme hat. Das Kälbchen liegt falsch. Da keine andere Hilfe zur Hand ist, packt der junge Bursch selber an. Er wendet das ungeborene Tier im Mutterleib und unterstützt die Kuh bei der Geburt. „Da habe ich gewusst, dass ich Tierarzt werden will“, erinnert er sich. Jetzt ist er 37 Jahre alt. Seinen Kindheitstraum hat er sich mehr als erfüllt.

Im Alpenzoo kümmert er sich auch um die Fischotter und Elche.
Im Alpenzoo kümmert er sich auch um die Fischotter und Elche.
- Seewald

Matthias Seewald ist heute der Tierarzt am Alpenzoo. Dort leitet er seine eigene Tierklinik mit Terminpraxis für Hunde, Katzen und andere Kleintiere. Aber manchmal liegt nach einem Kaninchen eben auch ein Steinbock auf dem Operationstisch. Für die tierischen Bewohner im Zoo ist er immer abrufbereit.

International betreut er ganz große Patienten. Seewald ist für Notoperationen vom Kosovo bis nach Vietnam im Einsatz und behandelt operativ Tiger, Bären oder auch mal einen Elefanten mit abgebrochenem Stoßzahn. Einer seiner Auftraggeber ist die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“. Oft geht es um Tiere, die in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten wurden. An den Gitterstäben abgebrochene Zähne und andere Verletzungen müssen auf höchstem Niveau versorgt werden. Das sind nicht die leichtesten Einsätze für Seewald.

Das absolute Spezialgebiet Seewalds ist die Zahnmedizin. Er ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Tierärztliche Zahnheilkunde. Ein Verein von Experten, von dem er ein Gründungsmitglied ist. Inzwischen hat er schon mehrere Kongresse zum Thema in Innsbruck organisiert. Sein Highlight war der Europäische Zahntierärztekongress im letzten Jahr in Innsbruck. „Wir hatten 500 Besucher aus 38 Nationen, das war ein voller Erfolg für uns“, denkt er daran glücklich zurück.

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- Seewald

Aber das sind alles die großen Ausnahmen. Der Alltag des 37-Jährigen ist die Kleintierpraxis am Alpenzoo. Das Spektrum reichte diese Woche an einem Tag von der Impfung des zwölf Wochen alten Hundewelpen Yule bis zur Behandlung des American Bulldog Spencer III. Unter Vollnarkose musste Seewald dem schweren Tier einen Zahn ziehen, um dann gleich weiterzueilen, zum Alpenzoostall. Eine Kuh hatte einen Gebärmuttervorfall.

So ein Tag passt zu Seewald. Er ist wohl das, was man einen Macher nennt. „Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Da lernt man das Anpacken“, sagt der Tierarzt. Das habe ihn natürlich geprägt. Und als er später auf die HTL für Maschinenbau in Fulpmes geht, fühlt er sich dort auch gleich gut aufgehoben. Das technische Knowhow lässt er heute in seine Arbeit einfließen. Zum Beispiel nutzt er bei den OPs manchmal Fräsen aus der Metallverarbeitung. Auch in seiner Praxis schafft er Brücken zwischen seinen vielen Welten. Die Schwingtüre zum Untersuchungsbereich hat er aus dem alten Stadel in Mieders ausgebaut. Jetzt erinnert sie an zu Hause, wenn er nicht gerade dort ist.

 Im Kosovo hat er mit einem mobilen Röntgengerät die Wirbelsäule eines narkotisierten Braunbären untersucht.
Im Kosovo hat er mit einem mobilen Röntgengerät die Wirbelsäule eines narkotisierten Braunbären untersucht.
- Seewald

Aber wie kommt er zwischen einer Zahnbehandlung in Vietnam, einer Elchgeburt im Alpenzoo und einer Bauch-OP an einer Dogge in seiner Klinik zur Ruhe? „Meditation, das mache ich mit meiner Frau täglich“, sagt er. Das ist für ihn eine noch neue Technik, aber es funktioniert. Außerdem regeneriert er sich in der Natur, als Landwirt im Stubai sowie als Tierarzt am Alpenzoo. Aber so richtig Sorgen macht man sich um den energiegeladenen Mann sowieso nicht. Auch wenn er schnell und viel spricht, gehetzt wirkt er nicht. Er hat eben einiges zu erzählen. Er macht das, was ihn glücklich macht. Seine Leidenschaft für den Beruf wird von seiner Tierliebe getragen. „Ich bekomme viel zurück. Tiere sind extrem genügsame Wesen. Das bewundere ich sehr.“

Seine erste Erinnerung dazu reicht auch in seine Kindheit zurück. Ebenfalls mit 13 hat er seinem damaligen Hund, der an Parvovirose, einer akuten Infektionskrankheit, litt, zu Hause gepflegt. „Ich habe ihm selbst drei Monate lang Infusionen gegeben.“ Mit Erfolg. Hündin Nelly wurde gesund. Die Dankbarkeit des Hundes hat er nie vergessen.




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