Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 20.08.2019


Bezirk Reutte

Familie strandete mitsamt Hausrat in Pflacher Garage

Der Verlust der Wohnung brachte eine deutsche Familie ins Schlingern. Seit 20 Tagen wohnen sie mit zwei Söhnen in einer Garage in Pflach.

BM Helmut Schönherr und Silvia Maitz bewegt das Schicksal von Familie H. aus Hopferau. Diese zog mit ihrem gesamten Hausrat in eine Garage im Pflacher Gewerbegebiet. Jetzt wird nach einer Lösung gesucht.

© TscholBM Helmut Schönherr und Silvia Maitz bewegt das Schicksal von Familie H. aus Hopferau. Diese zog mit ihrem gesamten Hausrat in eine Garage im Pflacher Gewerbegebiet. Jetzt wird nach einer Lösung gesucht.



Von Simone Tschol

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Pflach – „Ich war einen Bekannten besuchen, der hier in einer Garage an seinem Auto schraubt“, erinnert sich die Reuttenerin Silvia Maitz. Dabei wurde sie auf ein deutsches Ehepaar aufmerksam. Sie kamen ins Gespräch und dieses brachte Unglaubliches zutage: Die zwei Garagen, die das Paar angemietet hat, dienen nämlich nicht nur als Lager-, sondern auch als Wohnraum für Familie H. aus Hopferau. Die Eltern (beid­e 72) und zwei ihrer fünf erwachsenen Kinder haben sich vor 20 Tagen dort niedergelassen – „aus der Not heraus“, wie der Vater, ein pensionierter Geologe, der TT erklärt.

Nachdem ihnen die Wohnung in Hopferau vom Vermieter wegen Eigenbedarfs gekündigt worden war und letztlich die Zwangsräumung drohte, sind sie mit den beiden Söhnen (40 und 42 Jahr­e alt) und ihrem gesamten Hausstand in zwei Garagen nach Pflach übersiedelt. „Es ist nicht möglich, eine Wohnung zu finden“, so der Vater, und die Mutter fügt hinzu: „Wir haben zwar schon einige Wohnungen besichtigt, aber immer wieder knallharte Absagen bekommen. Vermutlich liegt es auch daran, dass einer unserer Söhne behindert ist. Dieser ist untertags in einer Behindertenwerkstätte in Füssen.“ Ihr sehnlichster Wunsch sei es, bis zum Winter ein Dach über dem Kopf zu haben. „Wir wollen auch nichts geschenkt. Es liegt nicht am Geld. Wir sind zwar obdachlos, aber nicht mittellos“, fügt die Mutter hinzu.

Vorwürfe macht Familie H. vor allem dem deutschen Staat und der Gemeinde Hopfera­u. Diese seien dazu verpflichtet, Ersatzwohn­räume zu organisieren.

Diesen Vorwurf lässt Rudolf Achatz, Bürgermeister in Hopferau, aber nicht auf sich sitzen: „Es wurde alles unternommen, um eine Wohnung zu finden. Auch die Fachstell­e zur Vermeidung von Obdachlosigkeit hat sich sehr bemüht. Aber der Familie war keine Unterkunft recht.“ Auch hätt­e Familie H. immer wieder kundgetan, dass sie „etwas in Aussicht“ hätte. Achatz: „Was soll man dann noch tun? Uns bleibt nichts anderes übrig, als ihnen einen Wohnwagen hinzustellen.“

Der Pflacher Bürgermeister Helmut Schönherr ist schockiert: „Die Frau und der behinderte Sohn schlafen in einem VW-Bus vor der Hall­e, der Vater und der andere Sohn in der Garage. Wenn ich eine Wohnung hätte, würde ich sagen, zieht ein, aber wir haben keine freie Gemeindewohnung.“

Schönherr sieht vor allem Hopferau in der Pflicht. Die beiden Bürgermeister stehen in engem Kontakt, suchen einen Ausweg. Schönherr: „Hier können sie nicht bleiben. Das ist illegal. Im Gewerbegebiet sind nur betriebsnotwendige Wohnungen möglich, aber nicht in der Lagerhalle. Dafür gibt es keine Widmung. Aber ich kann sie von der Polizei auch nicht rausschmeißen lassen. Dann müssen sie zu viert im Auto schlafen. Das geht doch auch nicht. Ich bin ja kein Unmensch.“ Die Mutter darauf panisch: „Wenn man uns hier rausschmeißt, dann sterben wir den Erfrierungstod.“

Silvia Maitz, die die Familie entdeckte, hofft auf ein glückliches Ende: „Es hat keiner verdient, so zu wohnen.“

Zwei der mehr als 20 Garagen hat Familie H. angemietet. Eine dient als Möbel-Lager (r.), die zweite als Abstell- und Wohnraum.
Zwei der mehr als 20 Garagen hat Familie H. angemietet. Eine dient als Möbel-Lager (r.), die zweite als Abstell- und Wohnraum.
- Tschol