Letztes Update am Di, 20.08.2019 18:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jubiläum

Ein Jahr Greta Thunberg mit „Fridays For Future“: Die Wachrüttlerin

Am 20. August 2018 hätte Greta Thunberg eigentlich zur Schule gehen müssen. Stattdessen streikte sie zum ersten Mal fürs Klima. Aus ihrem einsamen Protest ist schnell eine internationale Bewegung geworden. Doch es gibt Gegenwind — nicht nur bei ihrer Atlantik-Überfahrt.

Die 17-jährige Schwedin startete am vergangenen Mittwoch ihre Klimareise über den Atlantik.

© AFPDie 17-jährige Schwedin startete am vergangenen Mittwoch ihre Klimareise über den Atlantik.



Stockholm — Vor einem Jahr hockte sich ein damals 15-jähriges Mädchen vor den Reichstag in Stockholm, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Ihren Namen kannte damals kaum jemand: Greta Thunberg. Heute ist die junge Schwedin eines der bekanntesten Gesichter der Erde, ihrem Vorbild zum Klimaprotest folgen Abertausende vor allem junge Menschen in aller Welt. Aus dem stillen Protest einer einzelnen ist innerhalb eines Jahres eine Weltbewegung geworden — und aus dem einst unbekannten Mädchen eine Kandidatin für den Friedensnobelpreis.

Am 20. August 2018 war all das völlig undenkbar. An dem Tag fing für Thunberg das neue Schuljahr an, neunte Klasse, das letzte Jahr vor dem Wechsel aufs Gymnasium. Statt in den Unterricht ging sie vor den Reichstag in Stockholm und setzte sich im Schatten des Gebäudes mit einem Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet" (Schulstreik fürs Klima) auf den Boden. Bis zum Tag der schwedischen Parlamentswahl Anfang September werde sie aus Protest fürs Klima nicht zur Schule gehen, kündigte das Mädchen damals auf einem DIN-A4-Zettel an, von dem sie einige Kopien vor ihr Protestschild gelegt hatte.

Anfangs ein „hoffnungsloses und einsames Gefühl"

„Ich habe mir damals gedacht, dass ich etwas tun muss", sagte Thunberg kürzlich in einem schwedischen Podcast einer Mitschülerin. Nachdem sie sich lange mit Klimawandel und Erderwärmung beschäftigt habe, sei sie an der Erkenntnis verzweifelt, dass niemand etwas für das Klima unternehme. Also setzte sie sich vors Parlament. Die Leute seien zunächst einfach so an ihr vorbeigegangen, ohne ihr Beachtung zu schenken, sagt sie rückblickend. „Das war ein hoffnungsloses und einsames Gefühl. Aber auch ein ziemlich hoffnungsvolles, dass ich etwas mache."
Nach kurzer Zeit entschloss sich die Schülerin, die Aktion immer freitags abzuhalten. Was folgte, ist bekannt: Mit regelmäßigen Einträgen auf Twitter, Facebook und Instagram begeisterte sie Schüler in verschiedenen Ländern dafür, ihrem Beispiel zum Klimaprotest zu folgen. Auftritte wie der auf der Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz oder der auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos taten ihr Übriges. Mittlerweile wird jeden Freitag in rund 100 Ländern regelmäßig fürs Klima protestiert.
In den vergangenen Monaten ist Thunberg mit Preisen geehrt worden, unter anderem erhielt sie die höchste Auszeichnung von Amnesty International. Manche sehen in ihr bereits die nächste Friedensnobelpreisträgerin. Sie traf Menschen wie Obama und den Papst, Lob gab es unter anderen vom Dalai Lama.

Zu große Ideale und Angstmache?

Aber nicht jeden kann Thunberg mit ihrer Botschaft ins Boot holen. Zu große Ideale, zu groß die Angstmache vor der Klimakrise, meinen manche. In einem Beitrag in der australischen Zeitung Herald Sun wurde sie letztens als „der zutiefst verstörte Messias der Erderwärmungsbewegung" bezeichnet. „Ich habe noch nie ein so junges Mädchen mit so vielen psychischen Störungen gesehen, die von so vielen Erwachsenen wie ein Guru behandelt wird", schrieb der Kolumnist Andrew Bolt über die junge Schwedin und ihre Asperger-Erkrankung, die Thunberg selbst als Vorteil bezeichnet. Die Kritik von vielen Seiten beweist auch: Die Klimaschutzbewegung wird nicht mehr bloß belächelt.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Mit der emissionsfreien Hochseejacht „Malizia II" ist sie am vergangenen Mittwoch in Richtung USA gestartet. Drüben auf der anderen Atlantikseite beginnt die nächste Phase in ihrem Klimakampf, es warten unter anderem der UN-Klimagipfel in New York im September und die Weltklimakonferenz in Chile im Dezember auf sie. Rund um den New Yorker Gipfel wird weltweit in einer Aktionswoche besonders ausdrücklich fürs Klima gestreikt — mit der Initiatorin erstmals in der Welthauptstadt. Thunberg nimmt für all das ein Jahr Schulpause, um sich in Übersee ausschließlich aufs Klima konzentrieren zu können.

Privat ganz anders

Thunberg hat in ihren 16 Lebensjahren nie gern geredet oder Kontakte gesucht, für ihre Sache ist das aber unumgänglich. „Ich bin nicht so, wie die Leute denken. Ich bin ziemlich ruhig. Privat spreche ich so gut wie gar nicht", sagte sie gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zu Jahresbeginn in einem Interview in Stockholm.

CO2-freies Reisen bleibt heute noch eine Zukunftsvision. Auch in anderen Bereichen steht die Frage im Raum, wie die Gesellschaft dem Weg der Idealistin Thunberg am besten folgen kann. Viele fühlen sich von ihrer extrem konsequenten Haltung überrumpelt. Indem sie etwa nicht fliege und vegan lebe, stelle sie grundlegende Einstellungen mancher Menschen infrage, sagte der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität Marburg dem Nachrichtenportal t-online.de. „Das können wir nicht gut vertragen." Thunbergs Verhalten zwinge die Menschen dazu, über sich selbst nachzudenken und ihre Ansichten selbstkritisch zu betrachten. Gleichzeitig herrscht vielerorts Einigkeit, dass etwas für das Klima getan werden muss — nicht zuletzt die Rekordhitze in Europa hat viele zu dieser Erkenntnis gebracht.

Infos zur „Fridays for Future"-Bewegung findet man hier online. (Steffen Trump, dpa/TT.com)