Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 01.09.2019


Innsbruck-Land

Der Schafer von der Erlalm und seine Herde von Frühaufstehern

Wie Bernhard Müller einen Widder erzürnte und das dankbare blinde Schaf: Anekdoten eines früheren Totengräbers, der ein Hirte wurde.

Der Totengräber als Hirte und Geschichtenerzähler.

© MüllerDer Totengräber als Hirte und Geschichtenerzähler.



Von Michaela S. Paulmichl

Zirl – Ab 6.30 Uhr ist es mit der Ruhe vorbei. Das Blöken draußen vor dem Fenster wird immer lauter: Ein paar Dutzend Schafe, die sich rund um die Erl- alm versammelt haben, rufen nach dem Schafer. „Man könnte die Uhr nach ihnen stellen!“, sagt Bernhard Müller. Seine Schafln, die er über den Sommer so ins Herz geschlossen hat, sind immer pünktlich. Es bleibt ihm also nichts ande- res übrig, als aus dem Bett zu steigen und den Tieren das Salz zu bringen, nach dem sie so beharrlich verlangen – mit tiefem Blöken die größeren, mit leisem, hellem die „Lampelen“, die Lämmer. Während er das Kraftfutter verteilt, drängen sie sich dicht um ihn.

Seit drei Jahren kommt Müller im Sommer im Auftrag des Schafzuchtvereins Zirl auf die Erlalm, die auf 1798 Metern Seehöhe zwischen Karwendel und Nordkette liegt. Immer Ende April werden, wenn es das Wetter zulässt, so wie seit Hunderten Jahren die Zirler Schafe auf die gemeindeeigenen Almen aufgetrieben. Ende August geht es rund um Bartlmä, wenn laut Sage „der Schnee übers Joch he’ schaut“, zuerst einmal wieder ins Tal, ein Teil kehrt dann wieder bis Mitte Oktober auf die Alm zurück.

Doch gestern fand im Schaferstadl in Zirl nach dem feierlichen Einzug der zuvor eingesammelten und heil wieder ins Tal gebrachten Tiere zuerst einmal ein Fest statt: das tirolweit erste Schafabtriebsfest, wie es heißt. Mittendrin der Schafer, der auf der Alm eine neue Berufung gefunden hat. Denn Müller, der auch eine kleine Landwirtschaft betreibt, war mehrere Jahrzehnte lang Totengräber am Landesfriedhof in Mariahilf in Innsbruck. In der Pension aber, so war es schon lange sein Wunsch, wollte er den Sommer auf einer Alm verbringen.

Treu geblieben ist er dabei einer weiteren Leidenschaft, dem Schreiben. Dass er etwas versteht vom Geschichtenerzählen, wisse­n inzwischen auch die Kinder, die regelmäßig auf die Alm kommen, um einen echten Hirten und seine Arbeit kennen zu lernen. Beim Quiz nach dem Vortrag können sie nicht nur beantworten, wie viele Schafe es dort gibt – rund 450 –, sondern auch angeben, was ihnen am besten gefallen hat. „Du“, schrieb die siebenjährige Lili ohne zu zögern auf ihren Zettel.

Drei Bücher – „Die Erlebnisse eines Totengräbers“, „Man sollte zu Lebzeiten darüber reden“ und „Beichte eines Totengräbers“ – hat Müller geschrieben, in den nächsten Tagen wird das vierte erscheinen, das natürlich „Der Schafer von der Erl- alm“ heißt. Während der Sommermonate hat er viele Geschichten und Anekdoten aufgeschrieben, die darin nachzulesen sind: wie die vom eifersüchtige­n, 100 Kilo schweren Widder, der dem Hirten, der in etwa gleich viel wiegt, von hinten einen kräftigen Stoß versetzte und ihn in eine Geländemulde schleuderte. „Dass ich es gewagt habe, vorher seine Weibchen zu kraulen, hat ihm nicht gefallen!“ Noch Wochen später erinnerte er sich – immer beim Hinsetzen – schmerzlich daran.

Eine Geschichte handelt von einem Schaf, das nach einem Mückenstich in die Augen erblindete und das der Hirte so lange pflegte, bis es wieder sehen konnte. Dazu musste der 64-Jährige anfangs jeden Tag bergauf und wieder bergab mit Augentropfen im Gepäck weite Strecken zurücklegen, „weil so ein 80-Kilo-Schaf kann man nicht einfach zur Krankenversorgung zurück auf die Alm tragen“. Als es ihm besser ging, hat es jedes Mal einen Luftsprung gemacht, wenn der Schafer es begrüßte. Später habe ihm das schwarze Tier zum Dank – da ist sich Bernhard Müller ganz sicher – zwei weiße Lämmer geboren.

Das Buch (15 Euro, mit CD 20 Euro) soll nach Erscheinen in den nächsten Tagen beim Schafzuchtverein Zirl, der Landwirtschaftskammer, der Wollstube in Innsbruck, Wilhelm-Greil-Straße, und bei Bernhard Müller selbst (Tel. 0664/221 46 52) erhältlich sein. Auch eine Lesung ist bereits geplant.

In seinem vierten Buch schreibt Bernhard Müller über seine neue Leidenschaft, den Sommer inmitten der Schafe auf der Alm zu verbringen.
In seinem vierten Buch schreibt Bernhard Müller über seine neue Leidenschaft, den Sommer inmitten der Schafe auf der Alm zu verbringen.
- Müller