Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.09.2019


Osttirol

Wallfahrtskirche Maria Schnee: Als Bilder aus der Bibel erzählten

Die Wallfahrtskirche Maria Schnee in Obermauern ist ein kirchenhistorisches Kleinod. Der pensionierte Pädagoge Andreas Mair führt in den Sommermonaten durch den Sakralbau und erläutert die Gestaltung.

Der pensionierte Pädagoge Andreas Mair führt in den Sommermonaten durch die Wallfahrtskirche Maria Schnee in Obermauern.

© Peter UnterwegerDer pensionierte Pädagoge Andreas Mair führt in den Sommermonaten durch die Wallfahrtskirche Maria Schnee in Obermauern.



Von Peter Unterweger

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Virgen – Ein besonderes Kulturjuwel in Osttirol ist die Kirche Maria Schnee in Obermauern. Der Freskenzyklus von Simon von Taisten, ein beeindruckendes Kunstwerk, stellt die Heilsgeschichte und die Marienverehrung dar. Simo­n Marenkl aus Taisten, so der Meister mit bürgerlichem Namen, war Haus- und Hofmaler der Görzer Grafen. Er schuf die biblischen Szenen der Erlösungsgeschichte nach dem Evangelium von Johannes.

Andreas Mair stammt aus Innervillgraten. Als Lehrer kam er einst nach Virgen und heiratete hier seine Frau Theresia aus Obermauern. Der pensionierte Pädagoge begleitet in den Sommermonaten Reisegesellschaften und Wallfahrtsgruppen durch die Kirche. Eine Führung Mairs ist lehrreich und unterhaltsam zugleich. Jeden Freitag wartet er um 17 Uhr vor der Kirche auf Interessierte.

Wallfahrtskirche Maria Schnee.
Wallfahrtskirche Maria Schnee.
- Peter Unterweger

„Maria Schnee ist eine Wallfahrtskirche und Hochzeitskirche“, erklärt der Kirchenkenner. An Marienfesttagen finden liturgische Feiern statt, an jedem 13. eines Monats von Mai bis Oktober außerdem eine Fatimawallfahrt. Besondere Ereignisse im Jahr seien die stimmungsvollen Mitternachtsmetten und der alte Brauch vom Virger Opferwidder.

Mair erläutert den Besuchern den spätgotischen Baustil und informiert, dass der für die Säulen verwendete Tuffstein aus dem nahen Nillgraben stamme. Zur zeitlichen Orientierung gibt es historische Daten: Maria Schnee wurde 1432 auf dem Grund einer kleineren Kirche von der Görzer Bauhütte errichtet, im Jahr 1458 schließlich eingeweiht. Genau in der Mitte der Außenwand befindet sich eine riesige Darstellung des heiligen Christophorus. Aus der geografischen Ausrichtung der Kirche leitet Mair die Botschaft ab: Von Osten bis Westen – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – bewahre uns der heilige Nothelfer vor Sünden. „Und in der Nacht schlafen wir und wer schläft, sündigt nicht.“

Den reichhaltigen Freskenzyklus schuf Simon Marenkl aus Taisten, einst Haus- und Hofmaler der Görzer Grafen.
Den reichhaltigen Freskenzyklus schuf Simon Marenkl aus Taisten, einst Haus- und Hofmaler der Görzer Grafen.
- Peter Unterweger

Beim Außenrelief „Anbetung der Könige“ an der Südwand von Maria Schnee verweist Mair auf ein Detail: Neben der Heiligen Familie, den drei Königen und den drei Rössern lenkt er die Aufmerksamkeit auf die kleinste und unscheinbarste Figur der Darstellung. „Des kleine Mandl ist der Rossknecht, der ist ganz wichtig, der hat die Arbeit geleistet.“ Im Kircheninneren macht Mair auf die besondere Komposition des letzten Abendmahles aufmerksam. Es handelt sich dabei um eines der wenigen Beispiele, wo Jesus zweimal in der Szene dargestellt ist: einmal, als er das Brot bricht, ein zweites Mal, wie er dem Paulus die Füße wäscht. Da das Volk zu der Zeit des Lesens noch nicht kundig war, wurden religiöse Botschaften in Bildern vermittelt, in dem Fall „Teilen und Dienen“. Wenig Freude hat der Kirchenführer mit der Darstellung des Judas. Er ist mit einem schwarzen Heiligenschein dargestellt und ein Messer zeigt genau auf seine Stirn. „Hier wird die Geschichte falsch gedeutet“, protestiert Mair. „Judas war ein treuer Jünger, der alles für Jesus getan hat.“ Er habe Selbstmord begangen, bevor Jesus auferstanden ist. Dass sein Name als Schimpfwort gebraucht werde, das passe nicht.

Zu einer anderen Szene weiß er eine nette Geschichte zu erzählen: Während der Arbeiten in Virgen habe sich Simon von Taisten in die Pflegertochter von Burg Rabenstein verliebt. Daraufhin habe er einem Engel die Gesichtszüge seiner Angebeteten verliehen. 1484 vollendete Simon von Taisten das letzte Bild in der Kirche, das Martyrium des heiligen Sebastian.

Im Bildnis vom letzten Abendmahl ist Jesus zweimal abgebildet: Einmal teilt er das Brot, außerdem ist die Fußwaschung an Paulus zu sehen.
Im Bildnis vom letzten Abendmahl ist Jesus zweimal abgebildet: Einmal teilt er das Brot, außerdem ist die Fußwaschung an Paulus zu sehen.
- Peter Unterweger