Letztes Update am Mo, 02.09.2019 06:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Ombudsmann

Baustellenlärm beim Nachbarn: Der Psychoterror von nebenan

„Bitte um Ruhe!“ Wenn der Lärm von der Dauerbaustelle in der Nachbarwohnung unerträglich wird und sogar das Plätschern eines Brunnens an den Nerven zerrt.

„Psst!“ Das Zusammenleben auf immer enger werdendem Raum macht uns lärmempfindlicher.

© iStock„Psst!“ Das Zusammenleben auf immer enger werdendem Raum macht uns lärmempfindlicher.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Wie lange kann es dauern, bis eine Wohnung saniert ist? Bis alte Bad- und Bodenfliesen entfernt und Wände abgetragen sind, der Schremmhammer endlich stillsteht und in den Wohnungen nebenan, darunter oder oberhalb wieder Ruhe einkehrt? Im Fall eines Innsbruckers, dessen Oberlieger nun schon seit vier Monaten mit Umbauarbeiten beschäftigt ist, jedenfalls viel zu lange. „Da meint man, jetzt ist er endlich fertig, und dann geht’s schon wieder los mit dem Schremmen oder Bohren“, sagt ein 77-jähriger Innsbrucker, der gemeinsam mit seiner 80-jährigen Frau direkt unter der Dauerbaustelle wohnt. „Das ist der reinste Psychoterror!“

Da sich der zukünftige Bewohner – er scheint noch nicht eingezogen zu sein – an die Ruhezeiten zu Mittag und am Abend hält, ist die Polizei machtlos. „Wir können nichts dagegen tun“, sagt der Nachbar. Beschwerden über die Dauerbelastung bei der Hausverwaltung und ein Gespräch mit dem neuen Bewohner hätten nichts gebracht.

Ebenfalls abgeblitzt ist eine Innsbruckerin, die sich von ihrem Nachbarn in der Gartenwohnung darunter gestört fühlt. Das Beispiel zeigt, dass es nicht immer der ohrenbetäubende Lärm einer Bohrmaschine sein muss: Auch ein dreistöckiger, per Pumpe betriebener Brunnen kann mit seinem lauten Plätschern seinen Nachbarinnen im ersten und zweiten Stock bis spätabends die Ruhe rauben: „Wir haben es mit freundlichen Worten probiert, aber unsere höflichen Anfragen, die Benützung auf den Nachmittag zu beschränken, haben nichts gebracht.“ So ein Brunnen werde wohl niemanden stören, lautete die Antwort.

Lärmbelästigung ist häufig der Grund, weshalb Ruhe und Frieden unter Nachbarn empfindlich leiden. Das Zusammenleben auf immer enger werdendem Raum funktioniert nur bei entsprechendem Entgegenkommen und wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen. Bei der letzten Mikrozensus-Befragung gaben 38,7 Prozent der Österreicher an, in ihrer Wohnung durch Lärm gestört zu sein, 3,9 Prozent stuften das Ausmaß der Belästigung als sehr stark ein, 7,6 Prozent als stark.

Die daraus entstehenden Nachbarschaftskonflikte können in jeder Hinsicht zur großen Belastung werden. Nicht selten landen solche Fälle vor Gericht. Laut ABGB, § 364, kann „der Eigentümer eines Grundstücks dem Nachbarn die von dessen Grund ausgehenden mittelbaren Einwirkungen durch Abwässer, Rauch, Gase, Wärme, Geruch, Geräusch, Erschütterung und ähnliche Einwirkungen insoweit untersagen, als sie das nach den örtlichen Verhältnissen gewöhnliche Maß überschreiten und die ortsübliche Benützung des Grundstücks wesentlich beeinträch­tigen“.

Wie Peter Fiby, Innsbrucker Ziviltechniker und Gerichtssachverständiger für Akustik, berichtet, darf der Grundschallpegel für ein Gebiet – im Inntal sind das etwa 42 Dezibel – nicht über ein bestimmtes Ausmaß überschritten werden. „Null Dezibel gibt es nicht, da ist immer entweder der Lärm aus der Stadt, vom Zug, der in einer gewissen Entfernung vorbeifährt, oder das Blätterrauschen.“ Fiby hat immer wieder mit Fällen zu tun, bei denen es wegen lauter Nachbarn zum Streit kommt: „Das können die spielenden Kinder draußen sein oder die Jugendlichen nebenan, die das Radio laut aufdrehen.“ Kommt es zum Prozess, sind die Verursacher oft schon erwachsen und längst einsichtig geworden. „Mit gewissen Lärmquellen muss man leben.“ Ein Lärmgutachten zu erstellen, kostet 1000 bis 2000 Euro.

Viele Streitigkeiten würden sich vermeiden lassen, wenn alle aufeinander Rücksicht nehmen. Wird eine Bitte um Ruhe barsch abgewiesen, verstärkt das das Gefühl, seinem Mitbürger schutzlos ausgeliefert zu sein. Die Nachbarin des Brunnenliebhabers wünscht sich deshalb mehr Sensibilität für andere und der ältere Herr in der Wohnung unterhalb der Dauerbaustelle meint: „Wenn der neue Bewohner einzieht, kann er sich jedenfalls kein gutes nachbarschaftliches Verhältnis erwarten!“

Missverständnisse bei Lärmmessungen

Für Christian Kirisits, Ingenieurkonsulent für technische Physik in Wien, sind Lärmmessungen „das am meisten missverstandene Thema“: „Prinzipiell kann man Lärm gar nicht messen, sondern nur den Schallpegel. Dieser wird dann durch Berechnungen im Messgerät oder der folgenden Auswertung als Lärmbeurteilungspegel, Lärm­index oder Lärmindikator wiedergegeben.“ Es gebe jedenfalls keinen rein gemessenen Lärmpegel.

Durch die Vielzahl an Einstellmöglichkeiten, Verwendung von Anpassungswerten, Zeit- und Frequenzbewertungen entstünden „unglaubliche Missverständnisse in der Bevölkerung“. „So werden manchmal selbst durchgeführte Messungen von Schallpegelspitzen mit den Werten für Lärmindizes verglichen und dann 90 dB einer zufälligen Spitze mit der 45-dB-Empfehlung für einen konkreten Lärmindex verwechselt. Andererseits führen zufällige Umgebungslärmsituationen und die Meteorologie zu Unsicherheiten. Hier wurden Bürger auch oft mit Messungen konfrontiert, welche nicht bei günstigen – also für Betroffene schlechten – Schallausbreitungssituationen durchgeführt wurden.“ Berechnungen seien wesentlich zuverlässiger, wenn es um die Schallausbreitung über große Entfernungen geht.