Letztes Update am Do, 05.09.2019 20:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1939 - 2019

Österreichischer Kernphysiker Helmut Rauch ist tot

Einer der renommiertesten Forscher Österreichs verstarb am Montag im Alter von 80 Jahren. Rauch war mehrfach nobelpreisverdächtig, 1974 realisierte er den Neutronen-Interferometer.

Helmut Rauch starb am 2. September im Alter von 80 Jahren.

© APAHelmut Rauch starb am 2. September im Alter von 80 Jahren.



Wien – Der Kernphysiker Helmut Rauch ist tot. Laut der Tageszeitung Der Standard und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) starb er bereits am 2. September „nach kurzer schwerer Krankheit“. Rauch wurde 80 Jahre alt. Er war einer der renommiertesten Forscher Österreichs, wenngleich der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt wie sein Schüler Anton Zeilinger.

Anfang 1974 gelang es Rauch am Atominstitut in Wien erstmals ein sogenanntes Neutronen-Interferometer zu realisieren - ein bahnbrechendes, oft als nobelpreiswürdig bezeichnetes Experiment. Er konnte damit nachweisen, dass nicht nur Lichtteilchen Welleneigenschaften besitzen, sondern - wie von der Quantenphysik vorhergesagt - auch massive Teilchen wie Neutronen. Mit Hilfe des Neutronen-Interferometers gelangen dem Physiker zahlreiche weitere wichtige Experimente, etwa der Nachweis einer bestimmten Symmetrie von Neutronen.

Nobelpreisverdächtiger „Quantenoptiker“

Rauch, der sich selbst als „Quantenoptiker“ bezeichnet, soll für seine Arbeiten immer wieder für den Physik-Nobelpreis nominiert gewesen sein. Als 1994 Bertram Brockhouse und Clifford Shull den Nobelpreis für die Enthüllung der Struktur und Dynamik der Materie und die Entwicklung von Neutronenstreuungstechniken erhielten, meinten viele, dass sich Rauch durchaus verdient hätte, der dritte im Bunde der Laureaten zu sein.

Er selbst hält von solchen Spekulationen nichts: „Das hat mir noch nie Kopfschmerzen bereitet. Ich glaube, wenn man daran denken oder sich gar Chancen ausrechnen würde, täte das einem selbst nicht gut“, sagte Rauch einmal gegenüber der APA. Das Rampenlicht ist ohnedies nicht seine Sache. Auch die Anwendbarkeit seiner Arbeiten steht für ihn nicht im Vordergrund, vielmehr „die Lust des Naturwissenschafters am Wissen schlechthin“.

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Der Weg in die Wissenschaft war für den am 22. Jänner 1939 in Krems (NÖ) geborenen Sohn eines Bundesbahn-Beamten nicht vorgezeichnet, der Vater hätte ihn lieber auf einem sicheren Bahn-Job gesehen. Sein Interesse an der Naturwissenschaft brachte ihn aber zum Studium der technischen Physik, das er ab 1957 an der Technischen Universität (TU) Wien absolvierte. 1965 dissertierte er als einer der ersten Studenten am Atominstitut der österreichischen Universitäten unter Verwendung des 1962 in Betrieb genommenen Forschungsreaktor und habilitierte sich 1970 für das Fachgebiet Neutronen- und Reaktorphysik.

Mit nur 33 Jahren wurde Rauch 1972 zum Professor für experimentelle Kernphysik der TU Wien berufen und gleichzeitig Vorstand des Atominstituts. Diese Funktion behielt er - unterbrochen von einem einjährigen Gastaufenthalt an der Kernforschungsanlage Jülich (Deutschland) - bis 2005. Zwei Jahre später emeritierte er.

Als Vizepräsident (1985-1990) und später als Präsident (1991-1994) des Wissenschaftsfonds FWF engagierte sich der Physiker für die Förderung der Grundlagenforschung. In seine Amtszeit als FWF-Chef fällt die Einrichtung von Spezialforschungsbereichen als neue Förderkategorie.

Bahnbrechendes Experiment

Rauch, der auf mehr als 300 wissenschaftliche Veröffentlichungen zurückblicken kann, hat mit seinem bahnbrechenden Experiment der Neutronen-Interferometrie der Quantenoptik mit Materiewellen zum Durchbruch verholfen. Er hat damit ein Wissenschaftsgebiet eröffnet, auf dem österreichische Physiker auch heute noch zur Weltspitze zählen. Und er hat eine Vielzahl an Schülern hervorgebracht, die weiterhin auf diesem Gebiet arbeiten und es weiterentwickeln.

Dazu zählen etwa der Experimentalphysiker Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er hat über seinen Doktorvater einmal gesagt: „Er lehrte mich zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht und dass man nicht unbedingt alles verstehen muss, um eine interessante Frage zu stellen.“

Rauch hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den Schrödinger-Preis der ÖAW (1977), die Wilhelm-Exner-Medaille (1985), das Große Silberne Ehrenzeichen der Republik (2005), den Ludwig-Wittgenstein-Preis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (2006), den Kardinal-Innitzer-Preis für das Lebenswerk (2012), den Walter-Hälg-Preis der „European Neutron Scattering Association“ (2015) und das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, die höchste Auszeichnung der Republik für künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen (2015). Der Physiker ist zudem Mitglied der Academia Europaea und der ÖAW sowie der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, im Vorjahr wurde er von der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft zum Ehrenmitglied ernannt.

„Mit Helmut Rauch verlieren wir einen der führenden Experimentalphysiker. Seine Intuition hat ihn immer wieder neue Fragen stellen lassen. In Gesprächen zeigte er immer wieder eine beispielhafte Offenheit gegenüber neuen Ideen. Dies war stets - auch wenn er diese Ideen manchmal nicht teilte - von einem tiefen, ermunternden Respekt begleitet“, sagte Zeilinger zum Tod seines Doktorvaters laut ÖAW.

„Die ÖAW trauert um ihr wirkliches Mitglied Helmut Rauch. Mit seinem Tod verliert sie einen herausragenden Wissenschaftler. Sie wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren“, hieß es auf der Homepage der Akademie der Wissenschaften.