Letztes Update am Di, 10.09.2019 17:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Selbstmord

Tabuthema Suizid: Alle 40 Sekunden nimmt sich jemand das Leben

Suizid zählt zu den häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen weltweit und wird trotzdem immer noch als Tabuthema behandelt. Die Helpline „Rat auf Draht“ verzeichnet im Schnitt jeden Tag drei Anrufer mit Suizidgedanken.

EU-weit ist bei 20- bis 24-jährigen Männern der Anteil von beabsichtigter Selbstbeschädigung an den Todesfällen insgesamt mit 21 Prozent am höchsten. Bei den Frauen ist die Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren mit 16 Prozent am stärksten gefährdet.

© iStockEU-weit ist bei 20- bis 24-jährigen Männern der Anteil von beabsichtigter Selbstbeschädigung an den Todesfällen insgesamt mit 21 Prozent am höchsten. Bei den Frauen ist die Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren mit 16 Prozent am stärksten gefährdet.



Innsbruck — Diese Zahlen schockieren: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt sich alle 40 Sekunden ein Mensch irgendwo auf der Welt das Leben. Pro Jahr sterben auf diese Weise rund 800.000 Menschen. In Tirol gab es im Vorjahr 105 dokumentierte Fälle.

Man könnte meinen, dass das Thema Selbstmord angesichts dieser Tatsachen präsenter ist. Tatsächlich wird aber nur wenig und äußerst ungern darüber gesprochen. Suizid ist nach wie vor ein Tabuthema. Den "Welttag der Suizidprävention" am 10. September haben nun mehrere heimische Organisationen zum Anlass genommen, um auf die Problematik aufmerksam zu machen.

„Suizid zählt zu den häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen weltweit und wird trotzdem immer noch als Tabuthema behandelt", sagt etwa Birgit Satke, Leiterin von „Rat auf Draht". 2018 stieg die Zahl der Suizid-Beratungen bei der Helpline um mehr als acht Prozent. "Rat auf Draht" verzeichnet im Schnitt jeden Tag drei Anrufer mit Suizidgedanken.

Druck auf Kinder und Jugendliche steigt

„Dieser Trend setzt sich im ersten Halbjahr 2019 leider fort", so Satke. Gründe für Suizidgedanken gebe es viele: „Dazu gehören Leistungsdruck in der Schule ebenso wie familiäre Probleme und traumatische Ereignisse. Ganz allgemein können wir beobachten, dass der Druck auf Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen ist."

In den Beratungsgesprächen von „Rat auf Draht" zeigen sich suizidale Gedanken meist nicht unmittelbar. „Am wichtigsten ist es, eine Vertrauensbasis mit unseren Anruferinnen und Anrufern aufzubauen, denn über Suizid wird in unserer Gesellschaft nicht gern gesprochen. Hier sind unsere Beraterinnen und Berater besonders gefordert", erklärt Satke. „Im Gespräch werden nicht selten andere Probleme - etwa in der Schule - vorgeschoben." Erst nach und nach stelle sich dann im Zuge eines ausführlichen Gesprächs heraus, dass der junge Mensch mit Suizidgedanken zu kämpfen hat.

Zahlen und Fakten

  • Laut der WHO sterben jährlich weltweit 800.000 Menschen durch Suizid.
  • Ein Prozent aller Todesfälle innerhalb der Europäischen Union sind auf Selbstmord zurückzuführen.
  • Mehr als drei Viertel aller Selbstmorde in der EU wurden laut den aktuellen Zahlen von Männern begangen.
  • 21 Prozent der EU-weiten Todesfälle bei Männern zwischen 20 und 24 Jahren sind auf Suizid zurückzuführen. Bei den Frauen ist die Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren mit 16 Prozent am stärksten gefährdet. Die meisten Selbstmorde werden jedoch im fortgeschrittenen Alter begangen. Mehr als die Hälfte entfallen laut Eurostat sowohl bei Männern als auch Frauen auf Personen über 50 Jahre.
  • In Österreich begingen den Daten von Eurostat zufolge 2016 insgesamt 936 Männer und 302 Frauen Selbstmord.
  • 2018 gab es in Tirol 105 dokumentierte Suizide.
  • In Österreich ist die Suizidrate seit 1987 rückläufig und erreichte 2016 einen Tiefstand von 1204 Personen (in Tirol 86).
  • Die Internationale Vereinigung für Suizidprävention (IASP) erinnert jährlich am 10. September daran, dass wir uns alle noch viel mehr bemühen müssen, dass Menschen in verzweifelten Lebenssituationen und ihre Angehörigen angemessene Hilfe und Unterstützung bekommen.

Bei der Helpline arbeiten ausschließlich professionelle Therapeuten, Psychologen, Lebens- und Sozialberater sowie ein Jurist. Sie sind rund um die Uhr sieben Tage pro Woche erreichbar. „Wichtig ist, gemeinsam mit den Betroffenen zu überlegen, wie wir schnell für Entlastung sorgen können", sagte Satke. „Etwa indem sich der/die Jugendliche eine Vertrauensperson im direkten Umfeld sucht." Auch an Krisenzentren und andere Einrichtungen, die therapeutische Unterstützung anbieten, vermittelt „Rat auf Draht" bei Bedarf weiter.

Mehr zum Thema

Rat auf Draht ist Österreichs wichtigster Notruf für Kinder und Jugendliche. Er wird von SOS-Kinderdorf überwiegend über Spenden finanziert.

"Um so einen wie mich ist es nicht schade ..."

Auch die Telefonseelsorge Innsbruck (Tel.: 142) ist oft mit bedrückenden Kontakten konfrontiert, die das eigene Leben in Frage stellen. Mit Formulierungen wie „um einen wie mich ist es nicht schade" beginnen immer wieder Mails, die die Berater erreichen. Hinter dieser Aussage stecken oftmals Suizidgedanken, wie sich im Verlauf des Kontaktes herausstellt.

Öfter als am Telefon kommt das Tabuthema Suizid bei der Telefonseelsorge aber online per Mail oder Chat auf www.onlineberatung-telefonseelsorge.at vor. Über die Plattform ist zwar keine Akuthilfe möglich. In vielen Fällen hilft es aber schon sehr, die dunkelsten Gedanken einfach einmal auszusprechen bzw. aufzuschreiben und mit jemandem zu teilen. Das entlastet, nimmt Druck und schafft die Möglichkeit, sich wieder davon distanzieren zu können. Gemeinsam kann auch über konkrete Hilfsangebote (beispielsweise Medikamente oder eine Therapie) gesprochen werden. (TT.com/reh)

Hier finden Sie Hilfe

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizidgedanken betroffen sind, finden Sie hier Hilfe: