Letztes Update am Di, 10.09.2019 07:47

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Drogenkonsum

Neue Drogen: Der Hype ist vorbei; klassische Substanzen bevorzugt

Was sich aus den neuesten Beobachtungen ergibt: Die „Neuen Psychoaktiven Substanzen“ („neue Drogen“, „Designerdrogen“ etc.) haben offenbar ihren Zenit überschritten. Konsumenten werden vorsichtiger.

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Wien – Seit 1997 versucht die Wiener „checkit!“-Initiative, Drogenkonsumenten vor den größten Risiken zu schützen und ein Auge auf die angebotenen Substanzen zu haben. Die aktuelle Situation, wie sie „checkit!“-Psychologe Karl Schubert-Kociper bei einem Vortrag in Wien darstellte: Bei den „neuen Drogen“ ist der Hype vorbei. Klassische Substanzen werden reiner – samt Risiko der Überdosierung.

„checkit!“ ist eine Initiative der Suchthilfe Wien und der MedUni, neben der Stadt Wien fördert sie auch das Gesundheitsministerium. „Es gibt keinen risikolosen Konsum“, sagte Schubert-Kociper, die Analyse von auf dem illegalen Drogenmarkt angebotenen Substanzen und die Aufklärung der Konsumenten sei aber eine wichtige Voraussetzung für eine „effektive Schadensminimierung“. „Was ist verfügbar? Was wird konsumiert?“ – Die Kenntnis dieser Fakten sei das übergeordnete Ziel, erklärte der Experte bei seinem Vortrag für das Wiener Institut für Suchtprävention.

Konsumenten werden vorsichtiger

Was sich aus den neuesten Beobachtungen ergibt: Die „Neuen Psychoaktiven Substanzen“ („neue Drogen“, „Designerdrogen“ etc.) haben offenbar ihren Zenit überschritten. „Schubert-Kociper zitierte Daten der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA/Lissabon): 2005 wurden 13 neue psychoaktive Substanzen erstmals gemeldet. 2010 waren es 41, 2014 dann 101. 2017 wurden 51 registriert, im vergangenen Jahr dann 55. In Österreich haben nur drei Prozent der 15- bis 16-Jährigen je „neue Drogen“ konsumiert, innerhalb des vorangegangenen Jahres zwei Prozent. Bei Zigaretten, Alkohol und Cannabis sind die Raten deutlich höher.

„Etwa ab 2009 war die Entwicklung zum Teil katastrophal“, sagte der „checkit!“-Psychologe zu der damaligen Situation. Worauf heute zumindest die Freizeitdrogen-Konsumenten setzen: bekannte Drogen wie Cannabis, Ecstasy, LSD, Kokain und Opiate, bei denen man wissen können sollte, was „drin“ ist. Die Konsumenten nehmen eher legale Probleme in Kauf, wenn sie damit erwischt würden, als gesundheitliche Komplikationen durch irgendwelche „neuen“ Substanzen mit nicht absehbaren toxischen zu riskieren. Für die Anbieter der Substanzen gebe es mittlerweile ein „Bewertungssystem wie jenes von Amazon“, selbst im „Darknet“. Kein Konsument will sich betrügen oder gefährden lassen, die Produzenten werden durch die Bewertungen beeinflusst.

Gefahr der Überdosierung steigt

Die Kehrseite dieser Entwicklung, wie Schubert-Kociper erklärte: „Es gibt die gewollte Substanz, aber in großer Reinheit – sehr, sehr rein und mit dem Risiko einer Überdosierung.“ Auch die Wirkstoffmengen pro Tablette, zum Beispiel bei Ecstasy(MDMA)-Produkten, steigt an. „checkit!“ bietet bei Events an, dass Konsumenten minimale Proben erstandener Substanzen (Abreiben mit Schleifpapier von höchstens fünf Milligramm) testen lassen. Zwischen 2011 und 2018 untersuchte die Initiative in jeweils einem zwischen etwas mehr als 100 und fast 300 Ecstasy-Proben (2016). Die Entwicklung, wie der Psychologe anhand von Zahlen dokumentierte: Der Wirkstoffgehalt je Tablette ist kontinuierlich gestiegen. Lag er 2011 bei 40 Prozent zwischen einem und 100 Milligramm (die Hälfte enthielt kein MDMA), wiesen 2018 23 Prozent der Proben einen Gehalt von mehr als 200 Milligramm pro Tablette auf. „Früher waren es zumeist 100 Milligramm MDMA, jetzt sind es 210 Milligramm bis mehr als 300 Milligramm“, sagte der Experte.

Ähnlich war die Entwicklung bei Kokain: 2011 lag der Anteil von mehr als 80-prozentigem Kokain bei 78 analysierten Proben bei 11,5 Prozent. 2018 betrug der Anteil dieses höchst reinen Kokains an 264 Proben 54,5 Prozent (2017: 50,5 Prozent bei 286 Austestungen). Mittlerweile gibt es wahrscheinlich in Europa eine eigene Kokainproduktion, die besonders reines Pulver herstellt.

Opoid-Situation im Auge behalten

Im Vergleich zu der Opioid-Tragödie in den USA hat Österreich auf diesem Gebiet bisher mit wenig Problemen zu kämpfen. Das liegt an der vorsichtigen Verschreibungspraxis für Opioid-Schmerzmittel durch die Ärzte, den gesetzlichen Regelungen und auch daran, dass bei einer Krankenversicherungsquote von fast 100 Prozent ein Anreiz für Schwarzmarkt-Usancen nicht vorhanden ist.

Freilich, beobachten muss man die Situation doch: Laut dem Experten tauchen zunehmend hoch potente synthetische Opioide auf, die selbst das bereits extremwirksame Fentanyl übertreffen: Carfentanil ist 4000 bis 10.000 Mal stärker als Morphin. 2016/2017 wurden von EMCDDA in Europa 48 Todesfälle registriert. U-47,700 („Pinky“) mit der achtfachen Wirkstärke von Morphin wurde in Europa mit 31 Todesfällen in Verbindung gebracht. Dosierungen von Millionstel Gramm sind von den Konsumenten kaum mehr beherrschbar. (APA)