Letztes Update am Di, 10.09.2019 10:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Namibia

Namibia im Kampf gegen Gewalt und für mehr Frauenrechte

Die Regierung von Namibia hat das Problem der Gewalt an Frauen erkannt und bemüht sich seit Jahren, den Opferschutz und die Strafverfolgung zu verbessern. Vergewaltigungen und häusliche Gewalt sind dennoch weiterhin weit verbreitet.

Namibias Hauptstadt Windhuk.

© iStockNamibias Hauptstadt Windhuk.



Von Judith Egger, APA

Windhuk – In Südafrika hat es vergangene Woche Massenproteste wegen der hohen Zahl an Sexualverbrechen gegeben. In der gesamten Region ist Gewalt gegen Frauen ein riesiges Problem. Die Regierung von Namibia hat das Problem erkannt und bemüht sich seit Jahren, den Opferschutz und die Strafverfolgung zu verbessern. Dennoch sind Vergewaltigungen und häusliche Gewalt weiterhin weit verbreitet.

Auf dem Gelände des größten Spitals des Landes, dem Katutura Hospital am Rande der Hauptstadt Windhuk, befindet sich ein Zentrum für von Gewalt betroffene Frauen. In einem kleinen Warteraum mit grünbemalten Wänden warten mehrere junge Frauen – zwei haben Kleinkinder dabei. Die Gewaltopfer bekommen hier nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch rechtliche Beratung, soziale und psychologische Betreuung. Ärzte, Polizei und Sozialarbeiter arbeiten eng zusammen.

Wichtig sei, dass sich die Opfer wohlfühlen, erzählt die Chefin der eigenen Polizei-Einheit für Gewalt gegen Frauen, Johanna Situde. „Die Frauen können hier auch Anzeige erstatten und müssen nicht in überfüllten Wachstuben über den Schalter hinweg von ihrer Vergewaltigung erzählen“. Pro Tag kommen rund 20 Gewaltopfer in das Zentrum, das das größte von insgesamt 17 derartiger One-Stop-Center in ganz Namibia ist.

„Als normal wahrgenommen, dass Mann Frau ab und zu schlägt“

Das bereits 1993 errichtete Gebäude wurde vergangenes Jahr mit der finanziellen Unterstützung der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit bzw. der Austrian Development Agency (ADA) renoviert. Wände wurden neugestrichen, die desolaten Bäder erneuert und der Wartesaal eingerichtet. Über das Regionalprogramm des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) unterstützt Österreich außerdem unter anderem eine Kampagne zur Bewusstseinsschaffung, eine Hotline für Gewaltopfer und Schulungen zum Opferschutz für Beamte und Richter.

Die Gesellschaft des südwestafrikanischen Landes ist traditionell patriarchalisch geprägt. „Es wird als normal wahrgenommen, dass der Mann seine Frau ab und zu schlägt, wenn sie zum Beispiel nicht gut kocht oder den Geschlechtsverkehr verweigert“, erklärt Zhuldyz Akisheva, Regionalvertreterin der UNODC im südlichen Afrika. Gewalt gegen Frauen wird als Familienangelegenheit betrachtet. Zugleich ist die Strafverfolgung mangelhaft, weshalb viele Delikte gar nicht angezeigt werden. „Wenn Frauen zur Polizei gehen, reagieren die Beamte oft mit Unverständnis, selbst wenn sie mit schweren Verletzungen kommen“, so Akisheva.

Die Rate der Frauen, die ihre Anzeigen wieder zurückziehen, ist nach wie vor sehr hoch. Oft werden die Frauen von ihrer Familie und der Dorfgemeinschaft unter Druck gesetzt. Besonders schwierig ist die Situation für Frauen im ländlichen Raum des dünn besiedelten südafrikanischen Landes, das zehnmal so groß ist wie Österreich, aber weniger als ein Drittel dessen Einwohner hat. Die ehemalige deutsche Kolonie im Südwesten Afrikas wurde ab dem Ersten Weltkrieg von Südafrika regiert und ist erst seit 1990 unabhängig.

1000 Vergewaltungen pro Jahr angezeigt, Dunkelziffer höher

Seitdem setzt sich Olyvia Martha Imalwa, heute Generalstaatsanwältin von Namibia, für die Strafverfolgung von Gewalt gegen Frauen ein. „Am Ende der Apartheid und der Unabhängigkeit Namibias von Südafrika 1990 haben wir Frauen realisiert: Wenn wir uns von der Kolonialisierung befreien, werden wir immer noch von unseren Männern unterdrückt werden.“ Daher hätten sich die Frauen dafür eingesetzt, dass es ein eigenes Frauenministerium gibt. Ein solches wurde bereits 1990 eingerichtet, das Ministerium für Gleichberechtigung steht von Weitem sichtbar in der Innenstadt der namibischen Hauptstadt.

Größter Erfolg ist die Beteiligung von Frauen in Politik und Wirtschaft. Bei der Parlamentswahl 2014 wurden erstmals die Hälfte aller Parlaments- und Parteiposten an Frauen vergeben. Seit 2015 ist Namibia außerdem eines der wenigen Länder weltweit mit einer Regierungschefin, Saara Kuugongelwa-Amadhila. Die First Lady Monica Geingos setzt sich aktiv für Mädchen- und Frauenrechte ein. Die erfolgreiche Unternehmerin und Aufsichtsratsvorsitzende mehrerer Unternehmen heiratete 2014 Präsident Hage Geingob. Im aktuellen Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums liegt Namibia daher an 10. Stelle – weit vor Österreich, das auf Platz 53 von 140 Ländern landete.

Dennoch hat sich bei der alltägliche Entrechtung und Gewalt, mit der Frauen in Namibia konfrontiert sind, wenig getan. Pro Jahr werden in Namibia laut Polizei 1.000 Vergewaltigungen angezeigt, in einem Land mit einer Bevölkerung von knapp 2,5 Millionen. Die Dunkelziffer liegt UN-Experten zufolge deutlich höher. Oft passieren die sexuellen Übergriffe innerhalb der Partnerschaft oder der Familie. Mehr als ein Drittel der Frauen erlebt häusliche Gewalt. Es gibt noch viel zu tun.