Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.09.2019


Osttirol

Flüchtlinge im Asylheim Angerburg: Seit 15 Jahren Heimat und Hoffnung

Am 13. September 2004 kamen die ersten Flüchtlinge in das Lienzer Asylheim Angerburg: ein Gespräch über 15 Jahre Freude und Verzweiflung, Deutsch- und Wertekurse und über die, die hiergeblieben sind.

Janette Schneider und Bahaeddin Albadawi betreuen die Bewohner des Heims in der Angerburg.

© OblasserJanette Schneider und Bahaeddin Albadawi betreuen die Bewohner des Heims in der Angerburg.



Lienz — Genau heute vor 15 Jahren hielt ein Reisebus vor der Lienzer Angerburg. Die Passagiere waren etwa 50 Flüchtlinge aus Afghanistan, Tschetschenien oder Georgien, zum Großteil Familien. Janette Schneider war schon damals Heimleiterin. Seit 2015 wird sie von dem gebürtigen Palästinenser Bahaeddin Albadawi unterstützt.

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Was hat sich seit 2004 in der Angerburg verändert, was ist gleich geblieben?

Janette Schneider: Geändert hat sich unter anderem, dass wir am Anfang hauptsächlich Familien hatten, heute sind es viele alleinstehende Männer. Geblieben sind die vielen freiwilligen Helfer, die zum Beispiel Deutsch unterrichten und mit den Bewohnern etwas unternehmen.

Wie lange dauert es, bis die Geflüchteten Klarheit haben, ob sie bleiben dürfen oder nicht?

Bahaeddin Albadawi: Sehr unterschiedlich. Manchmal geht es innerhalb von einem Monat, manchmal dauert es länger.

Schneider: Wir haben einen älteren Mann aus Tschetschenien, der seit 2013 auf die Entscheidung wartet. Das Warten ist sehr schlimm.

Wie leicht fällt es den Bewohnern, Deutsch zu lernen?

Schneider: Am leichtesten ist es für die, die eine gewisse Bildung mitbringen, zum Beispiel Englischkenntnisse. Wenn jemand Analphabet ist, dann wird es sehr schwierig.

Und worum geht es in den Wertekursen?

Albadawi: Um die grundlegendsten Dinge unserer Gesellschaft, zum Beispiel, dass man seine Frau nicht schlagen darf und dass Kinder in die Schule gehen müssen.

Wie geht es mit den Asylwerbern weiter, wenn sie das Bleiberecht bekommen? Wo finden sie Arbeit?

Schneider: Sehr oft im Gastgewerbe, oder bei McDonald's. Zwei junge Männer haben eine Lehrstelle, in einem Hotel und in einer Spenglerei.

Wie viele bleiben in Lienz?

Albadawi: Ich würde sagen, einer von zehn.

Schneider: Lienz ist eine familiäre Kleinstadt, an die sich viele nach ein paar Jahren in der Angerburg gewöhnt haben. Dann bleiben sie. Es kam auch schon vor, dass jemand von Wien wieder nach Lienz zurückkam.

Was berührt Sie am meisten an der Arbeit in der Angerburg, im guten wie im schlechten Sinn?

Albadawi: Wenn jemand abgeschoben wird und ich nicht helfen kann.

Schneider: Wenn jemand abgeschoben wird.

Und im positiven Sinn?

Schneider: Die Freude, wenn jemand nach langer Zeit das Bleiberecht bekommt.

Albadawi: Ja, genau.

Das Interview führte Catharina Oblasser

Das Flüchtlingsheim Angerburg in Zahlen

Herkunftsländer. Menschen aus rund 30 Ländern lebten oder leben in der Angerburg, am stärksten vertreten sind Afghanistan, Irak, Iran, Somalia, Pakistan, die Russische Föderation, Syrien und Pakistan.

Babys. 29 Mal feierte die Angerburg seit 2004 die Ankunft eines neuen Erdenbürgers.

Unbekannt verzogen. Sechs Familien und 48 Alleinstehende sind untergetaucht. Zwei Familien und vier Männer kehrten freiwillig in ihr Land zurück (Stand 2015).

Belegung. Zurzeit 52 Personen, Höchststand 2015: 180 Personen.