Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 16.09.2019


Osttirol

Von Schottland nach Sillian: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“

Seit zwei Jahren lebt Familie O’Neill aus Schottland in Sillian. Mutter Julie hat im Jahr 1997 am Gymnasium in Lienz unterrichtet. 20 Jahre später ist sie mit ihrem Mann und den Söhnen nach Osttirol ausgewandert.

Anthony und Julie O’Neill sind mit ihren Söhnen Konrad und Lukas (r.) nach Sillian ausgewandert.

© Christoph BlassnigAnthony und Julie O’Neill sind mit ihren Söhnen Konrad und Lukas (r.) nach Sillian ausgewandert.



Von Christoph Blassnig

Sillian – Es kommt nicht alle Tage vor, dass man sein Haus verkauft und mit den Kindern in ein südliches Land zieht. Freunde und Familie bleiben zurück. Trotz aller Vorbereitungen bleibt eine Unsicherheit. Wird alles gut gehen? Schafft man es, eine Existenz aufzubauen? Wird das ferne Land einmal zur neuen Heimat? Julie und Anthony O’Neill haben diesen Sprung ins Unbekannte vor zwei Jahren gewagt. Sie sind von Schottland, dem nördlichsten Teil Großbritanniens, nach Sillian ausgewandert.

„Wir haben es nicht bereut, im Gegenteil“, strahlt Julie. In wenigen Monaten ziehen die Eltern mit ihren Söhnen Lukas (8 Jahre) und Konrad (11 Jahre) in eine Neubauwohnung, wo endlich für alle mehr Platz sein wird. „Ich bin vor zwei Jahren mit den Kindern nach Österreich vorausgereist, während Tony noch für einige Monate in Schottland weitergearbeitet hat“, erzählt die Mutter, die als Lehrerin tätig war und diesen Beruf auch in Osttirol wieder ausüben möchte. „Wir haben uns gut auf diesen Schritt vorbereitet und wollten hier nicht ohne berufliche Absicherung neu beginnen.“ Tony folgte erst Monate später, als sie eine kleine Wohnung gefunden hatten und der Familienvater auch eine Arbeitsstelle als Monteur in einem nahen Großbetrieb antreten konnte. „Mein Job gefällt mir sehr gut, ich bin glücklich damit“, sagt Anthony. In Schottland hatte er einst das Schiffsbauhandwerk erlernt, später aber in den Sozialbereich gewechselt, wo er zuletzt im Management tätig war. Im Unterschied zu seiner Frau und den Kindern fällt ihm die deutsche Sprache noch schwer. „Ich lerne.“

Julie kennt Osttirol seit über 20 Jahren. In ihrer Studienzeit hat sie im Jahr 1997 für neun Monate als Fremdsprachenassistentin am Lienzer Gymnasium unterrichtet. Ihre Eltern haben sie nach Ende des Praktikums mit dem Auto in Lienz abgeholt und waren so angetan von diesem Flecken Erde, dass sie seither jedes Jahr in Sillian Urlaub gemacht haben. Julie war später noch einmal für ein Jahr in St. Pölten, ging dann aber zurück nach Schottland, wo sie 15 Jahre lang Sprachen unterrichtet hat. Vier Urlaube in Sillian sind sich in dieser Zeit ausgegangen. „Ich liebe die Arbeit mit Teenagern. Sie sind so lustig“, sagt Julie. Sie hat Anthony kennen gelernt. Die beiden haben 2007 geheiratet, ein Jahr später kam Konrad zur Welt. „Kein schottischer Name, ich weiß“, lacht die Mutter. Vater Anthony begründet die Wahl so: „Das war der einzige Name, der auf Deutsch und Englisch gebräuchlich ist und uns gefallen hat.“ Auch Sohn Lukas hat seinen Namen wohl schon im Hinblick darauf bekommen, dass die Familie O’Neill einmal im deutschsprachigen Raum leben würde.

Den Kindern sei es nicht leicht gefallen, ihre Freunde und alles, was sie in Schottland gekannt haben, zurücklassen zu müssen. Konrad hadere immer noch damit, bedauert seine Mutter etwas. Die neue Sprache hätten die beiden dagegen schnell erlernt. „Wenn ich im Gasthaus für uns bestellen möchte, verliert Konrad schnell die Geduld und spricht aus, was ich zu sagen versuche“, schmunzelt der Vater. Lukas eigne sich bereits den Sillianer Dialekt an, erzählt Julie und nennt ein Beispiel: „Hitz amol.“ Über den Fußball haben die beiden Söhne schnell Anschluss gefunden. Konrad ist Tormann in der U12-Mannschaft, Lukas spielt im Mittelfeld oder als Verteidiger im U10-Team. Auch in der Schule hätten sich die Lehrer rührend um die Neuankömmlinge bemüht.

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Die Familie O’Neill ist auf jeden Fall gekommen, um zu bleiben. „Wir lieben die Offenheit der Leute, ihren Humor, das Wetter, die Kultur, die Freizeitmöglichkeiten“, sagt Anthony. Besonders gefallen würde ihnen unter anderem die Tracht. Da gebe es durchaus Parallelen zu schottischen Gebräuchen. „Ganz toll waren die Feiern zum 550-Jahr-Jubiläum der Markterhebung Sillians“, erinnert sich Tony. Der Schotte träumt von einem eigenen Kachelofen, vielleicht sogar einer kleinen Hütte in den Osttiroler Bergen. „Da sitze ich dann auf meiner Bank und rauche eine Pfeife.“ Tonys Augen glänzen. „Das wird ein Traum bleiben“, lächelt Julie ihn an.