Letztes Update am Mo, 16.09.2019 18:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Frankreich

122 Jahre und 156 Tage: Forscher bestätigen Altersrekord von Französin

Dass Jeanne Calment tatsächlich so alt wurde, wie angegeben, hatten vor allem russische Forscher in Zweifel gezogen. Schweizer und französische Wissenschaftler räumten nun mit den Verschwörungstheorien auf.

Jeanne Calment bei ihrem 121 Geburtstag. (Archivbild)

© AFPJeanne Calment bei ihrem 121 Geburtstag. (Archivbild)



Genf, Paris – 122 Jahre und 156 Tage: So alt wurde Jeanne Calment, bevor sie 1997 starb. Ihr Alter wurde jedoch in Zweifel gezogen. Schweizer und französische Forscher räumten nun mit Verschwörungstheorien auf und bestätigen den Altersrekord.

Auch über 20 Jahre nach ihrem Tod hält Jeanne Calment den Rekord als bisher langlebigster Mensch. Ihr hohes Alter rief immer wieder Zweifler auf den Plan. Forscher um den russischen Mathematiker Nikolay Zak hatten 2018 die Debatte um das Alter von Jeanne Calment neu angefacht. Sie hielten den Altersrekord für statistisch unmöglich und stellten die Hypothese eines Identitätstauschs zwecks Steuerbetrugs auf: Demnach soll 1934 die Tochter Yvonne die Identität der Mutter übernommen haben, um die Erbschaftssteuer zu umgehen. Yvonne war offiziell 1934 an Tuberkulose gestorben.

Historische und epidemiologische Beweise

Forschende der Universität und des Universitätsspitals Genf (HUG) lieferten nun jedoch mit Kollegen aus Frankreich historische und epidemiologische Beweise für das hohe Alter der Jeanne Calment. Mit einem mathematischen Modell belegen sie, dass Menschen tatsächlich über 120 Jahre alt werden können. Davon berichten die Wissenschafter im Fachblatt Journal of Gerontology.

Beteiligt an der Studie war auch Jean-Marie Robin vom Institut National de la Sante et de la Recherche Medicale (INSERM) und dem Ecole Pratique des Hautes Etudes (EPHE) in Frankreich. Er hatte bereits 1998 historische Nachweise für Calments hohes Alter in einem Fachartikel präsentiert und hatte sie auch vor ihrem Tod mehrmals getroffen, um ihren Status als ältester Mensch zu bestätigen, wie Uni Genf und HUG in einer Mitteilung festhielten.

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Mathematisches Modell

Die „Verschwörungstheorie“ des russischen Teams habe seine Arbeit infrage gestellt, ließ sich Robin zitieren. Somit analysierte das Schweizerisch-französische Team die historischen und demografischen Belege noch einmal von Null an. Das Team um François Herrmann von der Uni Genf und dem HUG fokussierte dabei insbesondere auf die mathematische Hypothese, auf die sich das russische Team gestützt hatte. „Ist es möglich, 122 Jahre alt zu werden? Diese Frage fasst die ganze Kontroverse um Jeanne Calment zusammen“, sagte Herrmann. Daher entwickelten er und sein Team ein mathematisches Modell basierend auf demografischen Daten.

Sie rekonstruierten damit die Lebensdauer aller Menschen in Frankreich, die 1875 geboren wurden, dem Geburtsjahr von Calment. Die gleiche Übung führten sie für alle 1903 geborenen Franzosen durch – der jüngste Jahrgang, von dem es keine Überlebenden mehr gibt. Basierend auf diesen Daten berechneten sie die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person das Alter von 100, 101, 102 und so weiter erreicht.

Diese Wahrscheinlichkeiten nutzten sie, um die maximale Überlebensdauer zu berechnen und kamen auf 119 bis 123 Jahre. Rund eine Person unter zehn Millionen Hundertjährigen könne 123 Jahre alt werden, fasste Herrmann zusammen. Die Wahrscheinlichkeit ist damit äußerst klein, eine statistische Unmöglichkeit ist Jeanne Calments hohes Alter damit aber nicht.

Forscher: Calment war ihrer Zeit voraus

Zum Zeitpunkt ihres Todes war die nächste älteste noch lebende Person zehn Jahre jünger als Calment. „Eine deutliche Lücke, die Frau Calment zu einer Anomalie macht“, sagte Herrmann. Seither habe jedoch eine Person das Alter von 119 Jahren erreicht und fünf weitere wurden 117 Jahre alt. „Die Lücke wird kleiner“, so Herrmann. Calment sei ihrer Zeit einfach ein wenig voraus gewesen.

Was die Französin zu einem solch hohen Alter verhalf, könnte eine Mischung aus günstigen Erbanlagen und Glück gewesen sein, sagte Robin. Viele ihrer Vorfahren hätten ebenfalls sehr lang gelebt, ebenso ihr Bruder. Die Familie war zudem wohlhabend und gebildet, zwei sozioökonomische Faktoren, die Langlebigkeit auch heute noch begünstigen. Leider starb Calments Enkel jung und ohne Nachkommen bei einem Autounfall. Somit ist es unmöglich, die Langlebigkeit dieser Familie weiter zu untersuchen. (APA/sda)