Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.09.2019


Gesellschaft

Zwischen Masse und Mentalität: Auch in Tirol gibt es Tourismusphobiker

Ein belgischer Tourismus-Experte erhebt die Zahl der Menschen, die sich von Touristen bedroht fühlen – und die Folgen von Overtourismus spüren.

Von Touristen überfüllte Plätze können Tourismophobie schüren.

© Thomas Boehm / TTVon Touristen überfüllte Plätze können Tourismophobie schüren.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Das Urlaubsland Tirol „über-erfüllt“ vieles von dem, was sich Touristen von ihrer Destination erwarten. Das strich der belgische Tourismusforscher Olivier Henry-­Biabaud kürzlich bei der „International Mountain Conference“ hervor, wo er auf Einladung des Forschungszentrums Tourismus & Freizeit der Uni Innsbruck referierte. „Es ist nicht nur die schöne Landschaft. Die Gastgeber sind für gewöhnlich freundlich, das Sicherheitsgefühl ist überwältigend, das Essen ausgezeichnet und die Qualität der Unterkünfte generell gut“, sagte er. Aber: Laut Henry-Biabaud ist das auch ein Risiko.

Denn wenn daraufhin die Touristenmassen angezogen werden und die Einheimischen deshalb immer entnervter werden, könne man zwar immer noch mit der Landschaft punkten. Ein großer Teil der immateriellen „Erlebnisqualität“ werde dadurch jedoch zerstört. Das schade dem Ansehen der Region.

Das ist nicht Henry-Biabauds persönliche Einschätzung. Er beruft sich auf Zahlen und Daten, die er mit seinem in Brüssel ansässigen Unternehmen TCI erhoben hat. Die Agentur analysiert im Auftrag von Tourismusorganisationen wie TVB u. a. das Urlaubserlebnis der Gäste, die Reputation der Destination sowie die Haltung der lokalen Bevölkerung zum Tourismus. Dafür kombiniert sie Umfragen und Social-Media-Recherchen mit Big-Data-Analysen. Ein Resultat ist der Tourismophobia-Index.

„Er ist wie ein Stimmungsbarometer und sehr prognostisch. Wir haben ihn in mehr als 25 Städten in Europa und den USA angewandt und daraus gelernt: Wenn die Tourismophobie der lokalen Bevölkerung unter sechs Prozent liegt, ist alles okay“, so Henry-Biabaud. An gewissen Plätzen und zu gewissen Zeiten im Jahr liege dieser an den meisten Orten jedoch bereits über zehn Prozent. „Dann hat man schon ein Problem. Besser ist es, dieses Problem von vornherein zu vermeiden.“

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Für Barcelona oder Amsterdam mit Tourismophobie-Raten von 25 Prozent sei das schon zu spät. Es gelte frühzeitig zu informieren, in Regulationsmechanismen zu investieren, zu kommunizieren und vor allem die Einheimischen in die Tourismusplanung mit einzubeziehen. „Manche TVB reden nicht mit den Einheimischen, weil sie denken, dass sie damit das Problem erst heraufbeschwören. Das ist falsch.“

Denn das Problem seien weder die TVB noch die lokale Bevölkerung und oft auch nicht die Masse der Touristen. Vielfach sei es ihre Mentalität, die dazu führe, dass sich Einheimische bedroht fühlen. Hier hätten Touristiker die Aufgabe, die Gäste zu informieren und zu „erziehen“. „Gerade in Europa, wo in vielen Ländern nationalistische Bestrebungen im Aufwind sind, ist man noch sensibler für potenzielle Risiken für Overtourismus“, so Henry-Biabaud. Interessant: 30 Prozent der Tourismophobiker wohnen abseits der touristischen Hotspots. „In manchen Wintersport-Orten leben die Leute dank des Tourismus, deshalb sind sie auch glücklich damit. Doch die Dörfer und Städte rundum haben Schwierigkeiten, weil sie die Nebeneffekte abbekommen.“ Gemeint sind z. B. Staus, Umweltverschmutzung und Gentrifizierung. „Man empfindet Overtourismus nicht nur, er hat auch ganz konkrete Auswirkungen“, so Henry-Biabaud. Für Tirol hat er keine genauen Zahlen, aber Social-Media-Analysen. Es zeichne sich ab, dass es durch die veränderte Reisetätigkeit – Stichwort: Bucket-­List-Tourismus – künftig an vielbesuchten Plätzen zu Problemen kommen kann.

An den Touristen selbst geht die Tourismophobie natürlich auch nicht spurlos vorüber. 66 Prozent haben dem Experten zufolge Verständnis für die Proteste. Sie beginnen sich selbst zu regulieren, tauschen sich in Social Media aus. Zwei von drei wählen bereits weniger überfüllte Urlaubsziele.




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