Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.09.2019


Bezirk Landeck

Als Nauders noch im Vinschgau lag

Die Reschenregion war über Jahrhunderte eine kulturelle Einheit. Mit dem Vertrag von Saint-Germain vor 100 Jahren kam plötzlich alles anders.

Schloss Naudersberg und der versunkene Turm im Reschensee sind bekannte Landmarken am Reschen. Nauders und Graun waren vom Mittelalter bis zur Teilung Tirols 1919 wirtschaftlich und kulturell eng verbunden.

© WenzelSchloss Naudersberg und der versunkene Turm im Reschensee sind bekannte Landmarken am Reschen. Nauders und Graun waren vom Mittelalter bis zur Teilung Tirols 1919 wirtschaftlich und kulturell eng verbunden.



Von Helmut Wenzel

Nauders, Graun — „Mit Graun pflegen wir heute gute nachbarschaftliche Beziehungen“, bestätigt der Nauderer Bürgermeister Helmut Spöttl. Erst kürzlich saß er mit seinem Amtskollegen Heinrich Noggler aus Graun am gemeinsamen Tisch. Man diskutierte über das mindestens 150 Jahre alte Projekt Reschenbahn Landeck—Mals.

Nicht ganz so alt ist die Staatsgrenze Österreich-Italien, die zwischen den beiden Dörfern verläuft. Genau genommen wurde sie 1924 besiegelt. Seither trennten Grenzbalken und Zöllner die beiden Hoheitsgebiete. Bis am 1. April 1998 das Schengen-Abkommen in Kraft trat.

Am 10. September 1919, bei den Friedensverhandlungen von Saint-Germain, lösten England, Frankreich und Russland eine Zusage aus dem Londoner Geheimvertrag 1915 gegenüber Italien ein. An jenem Tag vor 100 Jahren fiel das Gebiet südlich vom Brenner und Reschen offiziell an Rom. Laut Vertrag sollte eine „natürliche geografische Grenze“ am Brenner und „an der Wasserscheide vom Reschenscheideck“ in östliche Richtung gezogen werden.

Nauders war bis 1920 Gerichtssitz und Jahrhunderte mit dem heutigen Obervinschgau wirtschaftlich und kulturell eng verknüpft. Darüber berichtet eine Historikerarbeitsgruppe mit Koordinatorin Valentina Bergonzi in der 2012 erschienenen Buchdokumentation „An der Grenze“.

Laut dieser Doku stand in historischen Urkunden und auf Postkarten oft die Bezeichnung „Nauders im Vinschgau“. Zum Gericht, das ab 1823 sogar die Funktion eines „Kriminaluntersuchungsgerichts“ hatte, zählten die Orte Reschen, Graun, St. Valentin auf der Haide und Langtaufers. Womit auch der Verwaltungsbezirk Landeck damals größer war als heute.

Doch das Justizministerium in Wien hatte mit der Verordnung zur Auflassung des Nauderer Gerichts einen Schlussstrich unter die regionalen Beziehungen gezogen, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Während das Ministerium die neue Gerichtsstruktur verordnete, wobei Nauders zum Gericht in Ried im Oberinntal kam, nahm im Frühjahr 1920 eine internationale Grenzziehungskommission ihre Arbeit auf. Man traf sich auch im damals noblen Hotel Hochfinstermünz, wo ein Eintrag mit Unterschriften im Gästebuch erhalten ist — Kommissionspräsident Major Rouget (Frankreich), Oberst Pariani (Italien), Oberstleutnant Behrens (England), Oberstleutnant Bernhard (Österreich) sowie Major Hattori (Japan).

Weil das Kartenmaterial „hinsichtlich der Eruierung der Wasserscheidenlinie“ unzulänglich war, mussten 1921 personalintensive Arbeitsgruppen eingerichtet werden. Geodäten (Landvermesser), Topographen, Rechner, Zeichner und Schreibkräfte des Bundesvermessungsamtes, in Summe 45 Personen, sowie 100 Handlanger rückten ins alpine Gelände an. Das belegt der Wiener Vermessungsexperte Heinz König anhand von Originaldokumenten in einer Publikation 2014. Nicht weniger als 2652 Grenzzeichen wurden laut König an der Grenzlinie Österreich-Italien bis Ende 1924 gesetzt. Die Koordinaten der Grenzzeichen liegen samt Urkunden im Staatsarchiv in Wien auf.

Nicht in Wien, sondern an der Universität Durham liegt der unveröffentlichte Nachlass des britischen Delegierten Oberstleutnant Tankred Tunstall Behrens (1878—1938). Der Münchner Oberstudienrat i. R. Gerhart Wiesend konnte die Dokumente sichten. „Die Aufzeichnungen von Behrens geben detailreiche Einblicke in die Arbeit der Grenzziehungskommission“, sagte Wiesend im TT-Gespräch. Seine Anregung, das Archiv nach Tirol zu bringen und wissenschaftlich aufzuarbeiten, sei allerdings nicht auf Interesse gestoßen.

Der aus Laaser Marmor gefertigte Grenzstein am Reschen liegt in Graun, 100 Meter südlich der Staatsgrenze.
Der aus Laaser Marmor gefertigte Grenzstein am Reschen liegt in Graun, 100 Meter südlich der Staatsgrenze.
- WEnzel