Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.09.2019


Bezirk Landeck

„Seaber Totentruhe“ vom Mythos entzaubert

Experten klärten im Serfauser Pfarrmuseum auf: Realität und Legenden über die Toten, die übers Joch getragen wurden, klaffen weit auseinander.

In dieser Truhe im Pfarrmuseum sind – entgegen hartnäckiger Vermutungen – nie Tote von See über das Joch nach Serfaus getragen worden.

© WenzelIn dieser Truhe im Pfarrmuseum sind – entgegen hartnäckiger Vermutungen – nie Tote von See über das Joch nach Serfaus getragen worden.



Von Helmut Wenzel

Serfaus, See – Sie ist eines der meistbestaunten Objekte im 2014 eröffneten Serfauser Pfarrmuseum – die „Seaber Totentruhe“. Vor Jahrhunderten sollen mit dieser Truhe die Verstorbenen aus See über das Joch nach Serfaus getragen worden sein. See gehörte zur Mutterpfarre Serfaus und hatte laut Dorfbuchautor Othmar Kolp bis 1630 keinen eigenen Friedhof.

Schaurige und auch heitere Geschichten ranken sich um die Paznauner Toten, die auch von Galtür aus über das Joch nach Ardez (Engadin) getragen werden mussten. Doch im Fall der „Seaber Totentruhe“ halten die Gerüchte dem Realitätscheck nicht stand. Kolp sowie der Galtürer Bürgermeister Toni Mattle, Museumskuratorin Sylvia Mader und Chronist Alfred Tschuggmall klärten kürzlich beim Serfauser Museums­huangart auf, übrigens bei riesigem Besucherandrang.

„Die Truhe war nie in See. Es sind damit auch nie Tote getragen worden“, sagte Tschuggmall. Seinen Recherchen zufolge sind die Toten aus See sehr wohl über das Furglerjoch getragen worden, allerdings in einem ca. zwei Meter langen Ledersack mit vier Schlaufen. Das sei ein Hinweis, dass vier Männer den beschwerlichen Weg mit der Leiche antraten. Der „Seaber Totensack“ habe bis vor einigen Jahren noch existiert, bevor er aus Versehen entsorgt wurde, so Tschuggmall.

Die rund 500 Jahre alte Truhe hingegen habe der damals bedeutenden Familie Veit von Wehingen gehört und als Aufbewahrungsort für Urkunden und Verträge gedient. „Wehingen war Pfleger von Laudegg in Ladis“, weiß Sylvia Mader. Allein schon wegen der Größe der Truhe, sie ist 1,39 Meter lang, seien Totenüberstellungen nicht möglich gewesen. „Die Toten sind bei uns immer mit Würde und Respekt behandelt worden“, weiß Bürgermeister Mattle.

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Die beiden Eisenbänder um die gotische Holzkon­struktion sowie die Schlösser weisen laut Mader darauf hin, dass diverse Dokumente der damaligen Liegenschaftsverwaltung aufbewahrt (und versperrt) wurden.

Unklar blieb nur, wieso die Kiste als „Seaber Totentruhe“ bezeichnet wurde und wird.