Letztes Update am Fr, 27.09.2019 07:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Demonstrieren für den Klimaschutz

Fridays for Future: „Keiner muss der perfekte Öko sein“

Zwei Tage vor der Nationalratswahl rechnen die Organisatoren der Klimademo Fridays for Future mit besonders vielen Teilnehmern. Sie wollen ein Umdenken jedes Einzelnen und vor allem der Politik.

„Das gemeinsame Ziel aller Gruppen ist, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen“, erklärt Anna-Lena Habsburg.

© Christian Niederwolfsgruber„Das gemeinsame Ziel aller Gruppen ist, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen“, erklärt Anna-Lena Habsburg.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Auf die Straße zu gehen, sei keine Frage des Alters, betonen Anna Perktold und Anna-Lena Habsburg. Beide selbst am Anfang ihrer 20er, beide Aktivistinnen bei Fridays for Future und beide sehr unterschiedliche junge Frauen. Nicht nur Schüler und Studenten würden die Bewegung mittragen, auch viele Erwachsene, sagen sie.

Heute um fünf vor zwölf ruft die Innsbrucker Regionalgruppe nach Vorbild von Greta Thunberg zur dritten Großdemo für eine bessere Klimapolitik nach Innsbruck. Man trifft sich auf dem Landhausplatz, um dann den „globalen Streik der Erde“ durch die Straßen der Landeshauptstadt zu tragen und den Protest sichtbar zu machen. Im März hatten sich Tausende Schüler versammelt. An diesen Erfolg hoffen Anna Perktold und Anna-Lena Habsburg mit ihren Mitstreitern anknüpfen zu können.

Anna-Lena Habsburg (l.) und Anna Perktold (Mitte) sind zwei der sechs Organisationsmitglieder, die seit Februar die Freitagsdemos in Tirol am Laufen und am Leben halten.
Anna-Lena Habsburg (l.) und Anna Perktold (Mitte) sind zwei der sechs Organisationsmitglieder, die seit Februar die Freitagsdemos in Tirol am Laufen und am Leben halten.
- Christian Niederwolfsgruber

Die Bewegung über die Monate am Leben zu erhalten, hat die Regionalgruppe viel Zeit und viel Engagement gekostet. „Wir kennen die Verschwörungstheorien rund um Greta Thunberg. Wir machen das freiwillig“, betont Perktold, in ihrem Hauptjob TT-Grafikerin. Am Anfang hätten ihr ihre Eltern das Rennen für das bessere Klima gar nicht zugetraut. „Inzwischen geht meine Mutter selbst zur Demo.“ Seit einem Jahr ist Anna Vegetarierin. „Es geht nicht darum, der perfekte Öko zu sein, sondern umzudenken“, meint sie. Einige in der Organisation würden selbst Greta Thunberg nicht so toll finden, aber trotzdem für die Sache laufen. „Sie ist eine Galionsfigur. Es geht aber mehr ums Thema.“

Anna-Lena Habsburg ist Studentin. „Unsere ganze Freizeit haben wir in die Bewegung investiert.“ Die Regionalgruppen würden von vielen getragen und seien keine homogene Masse. Die Gruppen würden unterschiedliche Ansätze vertreten. „Das gemeinsame Ziel aller ist aber, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.“ In der Habsburg’schen Familie ist der Funke von der Tochter auf die Mutter übergesprungen. Letztere marschiert für „Parents for Future“, also „Eltern für die Zukunft“.

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- Anna Perktold, Jakob Winkler

Die jungen Aktivistinnen stellen der Tiroler sowie der österreichischen Regierung kein gutes Zeugnis für ihre Klimaschutzaktivitäten aus. „Die Klimaprogramme aller Parteien sind unzureichend.“ Dabei sei dringendes Handeln nötig. „Die Politik darf die Klimaproblematik nicht auf die Bevölkerung abwälzen. Industrie und Politik müssen handeln.“

Etwas tun und weitermachen wollen auch die Aktivistinnen. „So lange wie nötig“, meinen sie.

Jenseits der 1,5 Grad wird’s ungemütlich

Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb erklärt, warum ein klimafreundliches Konzept nicht die sozial Schwächeren trifft und es unlauter ist, die eigenen Klimasünden mit Verweis auf China und Indien zu rechtfertigen.

Sehen Sie im dieswöchigen UNO-Klimagipfel in New York einen Aufbruch oder nur wieder die Produktion von viel heißer Luft?

Helga Kromp-Kolb: Dieser Gipfel konnte keine völkerrechtlich verbindlichen Beschlüsse fassen. Er war als Signal zu verstehen. Die Maßnahme, dass nur die reden konnten, die etwas Neues zu sagen hatten, war eine sehr gute. Das hat gezeigt, dass viele Staaten eben nicht die Fortschritte machen, die nötig wären.

Das trifft auf Österreich zu. Zudem haben Wissenschafter die Wahlprogramme der Parteien untersucht, wo zwei Kleinstparteien am besten abschnitten, die großen aber nicht.

Kromp-Kolb: Es ist so, dass sich in Österreich in Sachen Klimapolitik auf Bundesebene nicht viel bewegt. Das liegt nicht nur daran, dass derzeit eine Übergangsregierung im Amt ist. In der öffentlichen Wahrnehmung tut sich viel, aber politisch nicht.

Helga Kromp-Kolb ist österreichische Meteorologin und Klimaforscherin. Sie lehrt an der Universität für Bodenkultur in Wien. Die Analyse der Wissenschafter zu den Wahlprogrammen der Parteien findet sich unter <a target="_blank" href="https://ccca.ac.at">https://ccca.ac.at</a>
Helga Kromp-Kolb ist österreichische Meteorologin und Klimaforscherin. Sie lehrt an der Universität für Bodenkultur in Wien. Die Analyse der Wissenschafter zu den Wahlprogrammen der Parteien findet sich unter https://ccca.ac.at
- Andreas Rottensteiner / TT

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen, die die nächste Regierung umsetzen muss?

Kromp-Kolb: Die Wissenschaft hat einen Referenzplan erstellt, der acht Rahmenmaßnahmen vorsieht. Das Wichtigste wäre, ein klares Bekenntnis abzulegen. Das bedeutet de facto, bei jedem Gesetz, bei jeder Entscheidung zu überprüfen, was das für den Klimaschutz und die nachhaltige Entwicklung heißt. An zweiter Stelle sehe ich eine ökologische Steuerreform. So wie das von den drei großen Parteien verkauft wird, nämlich, dass immer die Ärmeren draufzahlen, so ist das einfach nicht wahr.

Sie sprechen die CO2-Steuer an, die ÖVP, SPÖ und FPÖ ablehnen?

Kromp-Kolb: Es geht eben nicht nur um eine CO2-Steuer, sondern um ein Konzept, wie man die Belastungen, die entstehen, die Anreize, die man setzen muss, um klimafreundlich zu agieren, auf alle Schultern verteilt. Wer es tatsächlich so macht, dass nur die Armen draufzahlen, der erntet Gelbwesten. Man kann die Maßnahme aber sogar so gestalten, dass die, die derzeit mehr belastet sind, entlastet werden.

Wenn wir es nicht schaffen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, was passiert dann?

Kromp-Kolb: Das Hauptproblem ist, dass wir ab irgendeiner Erwärmung, die jenseits dieser 1,5 Grad liegt, das Klima nicht mehr stabilisieren können. Dann wird es immer wärmer und wärmer, weil es selbstverstärkende Prozesse gibt.

Ab wann das so ist, lässt sich das sagen?

Kromp-Kolb: Nicht mit Sicherheit, aber 1,5 Grad einzuhalten, wäre sehr empfehlenswert. Denn wir hinterlassen sonst der nächsten und nicht erst der übernächsten Generation eine Welt, wo sich Entscheidungsträger nur noch darum kümmern können, wie man mit der Hitze, mit der Trockenheit, mit den Unwettern umgeht, aber nichts mehr tun können, um diese Entwicklung zu stoppen. Das kann niemand wollen. Das wird nicht in zehn Jahren entschieden, sondern jetzt. Die Maßnahmen müssen in zehn Jahren gegriffen haben.

Seit dreißig Jahren warnt die Wissenschaft vor dem Klimawandel. Wie geht es Wissenschaftern dabei, dass nun eine 16-jährige Schülerin so gehört wird?

Kromp-Kolb: Jeder, der dazu beiträgt, das Problem zu lösen, ist willkommen. Wir sind erfreut, dass endlich Bewegung in diese Szene kommt. Wir sind aber besorgt, dass es nicht schnell genug geht. Man beschäftigt sich stark mit der Person Greta Thunberg und vergleichsweise wenig mit ihrer Botschaft.

Oft kommt das Argument, dass die USA, China und Indien nichts tun und Europa machtlos wäre.

Kromp-Kolb: Faktum ist, wir müssen alle reduzieren. China und Indien bemühen sich auch. Wir haben drei Autos vor der Tür und sagen, der Inder verzichtet nicht auf das erste, das er sich kaufen kann. Das ist unlauter. Jeder kann was tun. Ich gehe auch wählen, obwohl meine Stimme nicht ausschlaggebend ist.

Was erhoffen Sie sich von der heute stattfindenden Demo Fridays for Future?

Kromp-Kolb: Ich hoffe, die Wählerinnen und Wähler berücksichtigen die Klimafrage bei ihrer Wahlentscheidung. Als klare Wahlempfehlung für eine bestimmte Partei ist das nicht zu verstehen.

Das Interview führte Anita Heubacher

Weltweiter Protest für mehr Klimaschutz

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