Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.09.2019


Bezirk Kufstein

Kufsteiner Pfarrer: „Die Grundlage einer Verbindung ist nicht nur Sex“

Die evangelische Kirche Kufstein wird als „akzeptierend und offen“ ausgezeichnet. Für Pfarrer Jonischkeit geht es um mehr als „nur“ Homo-Ehen.

Seit sieben Jahren ist Robert Jonischkeit evangelischer Pfarrer in Kufstein. Sein Zugang: Weltoffenheit.

© HrdinaSeit sieben Jahren ist Robert Jonischkeit evangelischer Pfarrer in Kufstein. Sein Zugang: Weltoffenheit.



Von Jasmine Hrdina

Kufstein – Ob Gott seine Finger im Spiel hat oder es doch physikalischen Gesetzen geschuldet ist, wenn sich über der evangelischen Johanneskirche in Kufstein ein Regenbogen erhebt, sei dahingestellt. Als Symbol für Akzeptanz und Offenheit ziert das bunte Naturphänomen jene Auszeichnung, die der Pfarrgemeinde am Sonntag offiziell verliehen wird. Mit dem Prädikat „a&o“ ehrt die Plattform der lesbischen, schwulen und bisexuellen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Evangelischen Kirche Österreichs (LSM) jene Gemeinden, die nicht nur Trauungen (fachlich neuerdings „öffentliche Dank- und Segnungsgottesdienste“ genannt) für gleichgeschlechtliche Paare vornehmen, sondern auch Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung in Leitfunktionen willkommen heißen.

Pfarrer Robert Jonischkeit – verheiratet mit einer Frau und Vater zweier Kinder – hält diese Anerkennung für ein wichtiges Statement. Das konservative Denken – und damit auch die Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen – nehme in der Gesellschaft wieder zu, meint der Seelsorger. „Das Informationszeitalter zeigt, wie komplex Themen wirklich sind. Viele fühlen sich dadurch überfordert, haben Angst und suchen Schutz im Vertrauten. Das führt dazu, dass sie sich von Fremdem abgrenzen.“

Zwar wird die evangelische Kirche prinzipiell gerne als weltoffen wahrgenommen, das Thema Homo-Ehe spaltet aber auch diese Glaubensgemeinschaft. Nachdem die gleichgeschlechtliche Ehe in Österreich seit Jahresbeginn vom Verfassungsgerichtshof zugelassen wurde, stimmte auch das oberste Gremium der evangelischen Kirche im März über die Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare ab. Dank Zweidrittelmehrheit gab es von der Synode dafür grünes Licht – der Beschluss ist jedoch mit einem kleinen Sternchen versehen. Man wolle am Verständnis der „Ehe von Mann und Frau, wie sie in der Heiligen Schrift bezeugt wird“, festhalten. Sie stehe im Unterschied zu „einer der Ehe analogen Verbindung“ von gleichgeschlechtlichen Liebenden, heißt es im Entscheid. Für Jonischkeit, dessen Vater und Großvater bereits evangelische Pfarrer waren, mehr als nur eine Randnotiz. „Das ärgert mich unglaublich, weil die Grundlage einer Verbindung zweier Menschen nicht nur Sex ist. Es geht um ein Treueversprechen, die gegenseitige Fürsorge und Liebe – und dafür gibt es kein ,analog‘.“

Ob Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare stattfinden oder nicht, überlässt die Synode letztlich den einzelnen Pfarrern und Pfarrgemeinden. In Kufstein habe sich bisher noch kein Paar angemeldet, berichtet Jonischkeit. 500 Evangelische leben in der Festungsstadt, die Pfarrgemeinde erstreckt sich von Kössen bis ins Zillertal und umfasst etwa 1700 Gläubige.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

„Ich sehe es als meine Berufung, die Kirche für die Zukunft zu öffnen“, sagt der 46-jährige Innsbrucker, der dafür gerne auch „persönliche Gespräche an Stammtischen“ – mitunter sogar in Metal-Bars – führt. „Viele Menschen sind unglaublich interessiert, lauschen und diskutieren mit. Aber sie würden dazu nie eine Kirche betreten.“ Weltoffenheit bedeute für ihn, „neue Entwicklungen grundlegend als Chance und nicht als Bedrohung zu sehen.“

Das gelte auch für die Ehe, bei der es für Jonischkeit an ganz anderen Stellen hakt als an der Chromosomenfrage: „Dir Kirche sollte sich lieber mit Themen wie der Scheidungsquote, der Frage, wie ernst man das Versprechen nimmt, und dem zunehmenden Eventcharakter auseinandersetzen.“