Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 28.09.2019


Innsbruck-Land

Hobbyarchäologe sucht Hinweise: Geheimsache Hubschrauber im Stubai

1944 fanden in Tirol geheime Testflüge mit dem damals neuesten deutschen Hubschraubermodell statt. Ein Hobby-Flugzeugarchäologe bittet um Hinweise dazu — und zu einem Flugzeugabsturz bei der Dresdner Hütte.

Auf dieser raren Aufnahme ist die Landung eines „Fa 223“-Hubschraubers unweit der Dresdner Hütte zu sehen.

© Steven Coates bzw. DomanigAuf dieser raren Aufnahme ist die Landung eines „Fa 223“-Hubschraubers unweit der Dresdner Hütte zu sehen.



Stubaital, Lienz — Während des Zweiten Weltkriegs hatten das Stubaital und seine Umgebung intensiven Kontakt mit Ereignissen der damaligen Luftkriegsführung. So kam es im Juli 1944 zu Abstürzen von amerikanischen Bombern im Pinnistal und auf der Marchreisenspitze. Die Mannschaften beider Bomber überlebten und konnten — trotz strenger Gefangenschaft — schließlich in die USA zurückkehren.

Über weitere zeitgeschichtliche Ereignisse, die sich im Stubaital zugetragen haben, gibt es hingegen bis heute nur wenige Erkenntnisse. Der Lienzer Hobby-Flugzeugarchäologe Roland Domanig bittet in diesem Zusammenhang um weitere Hinweise.

Zum einen geht es um den Absturz eines Flugzeugs im Bereich Dresdner Hütte/Schaufelspitze, von dem immer wieder erzählt wurde. Manches deutet darauf hin, dass es sich bei dem Unglücksflug um einen militärischen Einsatz aus der Kriegszeit gehandelt haben könnte. Auf der Dresdner Hütte fand nämlich militärische Hochgebirgsausbildung statt, im höheren Gletscherbereich soll auch eine Baracke dafür gestanden haben.

Der bekannte Bergführer Pepi Gleirscher aus Neustift erzählte Domanig bei dessen Recherchen zum einen, dass er Fliegerteile auf dem Übeltalferner im Südtiroler Teil der Stubaier Alpen gesehe habe. Diese stammen vom Absturz eines amerikanischen Mustang-Jagdfliegers, der dort am 20. Februar 1945 zerborsten ist. Gleirscher meinte aber auch, dass der frühere Wirt der Dresdner Hütte, Erich Hofer, etwas über Fliegerteile aus dieser Gegend wissen könnte. Und tatsächlich: Hofer konnte davon berichten, dass er als junger Bursche Flugzeugteile zur Dresdner Hütte gebracht habe, wo sie später jedoch entsorgt wurden. Hofer wusste außerdem noch, dass es sich bei dem Flieger um einen so genannten „Fieseler Storch", ein deutsches Kleinflugzeug, gehandelt habe.

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Und tatsächlich gelang es Domanig heuer, nahe der Dresdner Hütte einige Wrackteile zu entdecken und einem „Fieseler Storch" zuzuordnen. Die Farbspuren auf den Teilen zeigen ein militärähnliches Grün. Domanig beschäftigen aber noch offene Fragen: „Wann ist der Flieger abgestürzt, warum ist er abgestürzt, wer war der Pilot, was geschah mit dem Piloten, wo gibt es schriftliche Quellen und lebende Zeitzeugen?"

Seine Nachforschungen stellten die Dresdner Hütte darüber hinaus aber plötzlich noch in einen ganz anderen Blickwinkel: Im September 1944 wurden unter größter Geheimhaltung die ersten Strecken- und Höhenflüge mit dem neuesten deutschen Hubschraubermodell „Fa 223 V16" durchgeführt. Vom wehrtechnischen Versuchsgelände Mittenwald aus wurden verschiedene Zielpunkte Tirols mit dem neuen Hubschrauber (auch als Drache oder Tragflügler bezeichnet) angeflogen. Außenlandungen gelangen erfolgreich in der Wattener Lizum, beim Grünwalder Hof, auf der Eppzirler Alm — und drei Mal bei der Dresdner Hütte in ca. 2400 Metern Höhe.

Zielvorgabe war die Hochgebirgserprobung des Fa 223 für den Geschütz-, Munitions- und Verpflegungstransport. Diese verlief erfolgreich, was von den deutschen Militärstrategen als höchst bedeutsam eingestuft wurde. Dennoch kamen die Hubschrauber nicht mehr zum praktischen Einsatz. (Immerhin durfte Lt. Hans Helmut Gerstenhauer am 6. September 1945, also nach Kriegsende in Europa, einen Fa 223 V14 als Kriegsbeute über den Ärmelkanal nach England „überstellen".)

Auch zu diesem weitgehend unbekannten Kapitel bittet Hobby-Flugzeugarchäologe Roland Domanig um nähere Informationen — unter Tel. 0676/3869065 oder domanig.tirol@utanet.at. (TT)