Letztes Update am Sa, 28.09.2019 06:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von außen

Geistes- und Naturwissenschaften im Dialog

Ein Plädoyer für die interdisziplinäre Zusammenarbeit, um einen neuen Diskurs zu ermöglichen. Gedanken anlässlich des 350-Jahr-Jubiläums der Universität Innsbruck.

Christoph-Probst-Platz vor der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

© Thomas Boehm / TTChristoph-Probst-Platz vor der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck



Von Helmut Reinalter

Die Universität Innsbruck feiert in diesem Jahr ihr 350-Jahr-Jubiläum. Dies ist Anlass genug, um sich Gedanken zu Wissenschaft und Forschung zu machen und die Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftskulturen aus heutiger Sicht genauer zu betrachten. Die fortschreitende Spezialisierung in den Wissenschaften und die damit verbundene Trennung zwischen den einzelnen Disziplinen führten in den letzten Jahrzehnten zu einer zunehmenden Kritik am Spezialistentum und zur Forderung, den Austausch zwischen den Fächern zu fördern, um den wissenschaftlichen Fortschritt zu sichern. Die Debatte um die Einheit der Wissenschaften ist selbstverständlich nicht neu und reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Vor dem Hintergrund verschiedener Versuche, eine Einheit für alle Wissenschaften herauszufinden, ist nun in letzter Zeit die Diskussion über „Theorie und Praxis der Interdisziplinarität“ verstärkt in Gang gesetzt worden. Die Bezeichnung „Interdisziplinarität“ wird heute leider schon zum Teil inflationär gebraucht. Sie versteht sich als Sammelbegriff für fächerübergreifendes Denken und Forschen und wird zur Kennzeichnung disziplinenüberschreitender Zusammenarbeit verwendet.

Die Frage nach dem Nutzen

Schon seit mehreren Jahrzehnten haben sich durchgreifende Umbrüche in der europäischen Hochschullandschaft vollzogen. Im Zuge dieser Umbrüche haben sich die Geisteswissenschaften neu formiert. Der Bedarf an geisteswissenschaftlicher Arbeit in der modernen Gesellschaft ist unabsehbar, egal ob man sie in ihrer Funktion als Orientierungs- oder Kompensationswissenschaften sieht oder ihre pragmatischen Komponenten bei der Bildung kultureller und damit sozialer Zusammenhänge würdigt. Dass ihr gesellschaftlicher Nutzen und ihre ökonomischen Bedürfnisse vergleichsweise gering erscheinen, macht sie für Begehrlichkeiten anfälliger. Immer häufiger wird heute geklagt, dass sie in der Gesellschaft nicht die entsprechende Bedeutung finden, die sie eigentlich aufgrund ihrer Leistungen verdienen würden. Zweifelsohne haben sie ein Akzeptanzproblem und Schwierigkeiten in ihrer Präsentation nach außen. Sie leiden unter transitorischen Beeinträchtigungen, die zum Teil von überholten Methoden, manchen Orientierungsfehlern bis zum Problem ihrer überspezialisierten Fehlinstitutionalisierung reichen.

Helmut Reinalter ist Historiker und Philosoph, Leiter der phil. Klasse der Europäischen Akademie der Wissenschaften und leitet heute das Forschungsinstitut für Ideengeschichte in Innsbruck.
Helmut Reinalter ist Historiker und Philosoph, Leiter der phil. Klasse der Europäischen Akademie der Wissenschaften und leitet heute das Forschungsinstitut für Ideengeschichte in Innsbruck.
- Robert Parigger

Was heißt Orchideenfach?

Geisteswissenschaften bewegen sich grundsätzlich im Spannungsfeld zwischen Wissenschaftsanspruch und au­ßerwissenschaftlicher Prätention, denn sie wollen auch der Humanität, der Bildung und der Lebenspraxis dienen. In der Öffentlichkeit wird sehr häufig der Standpunkt vertreten, auf den Luxus der wissenschaftlichen Disziplinen, die als „Orchideenfächer“ bezeichnet werden, zu verzichten, weil sie keinen materiellen Gewinn und nur einen geringen Nutzen für die Gesellschaft bringen. Daher sind sie – wie keine anderen Disziplinen – heute herausgefordert, ihre gesellschaftliche Bedeutung überzeugend zu begründen. Dabei könnten sie als „Ideenlaboratorium“ neue Denksysteme und -modelle sowie den schon längst fälligen interkulturellen Vergleich von Forschung und Lehre entwickeln. Wie bedeutsam zeitgenössische Denksysteme auch für lebensweltliche Anliegen sind, ist heute weitgehend unumstritten.

Im Sinne der Aufklärung

Die Systeme des Denkens bilden gleichsam den Boden des Diskurses, den die Geisteswissenschaften fach- und fakultätsübergreifend zu führen haben. Sie könnten als Kristallisationspunkt einer neuen Selbstverständigung der Wissenschaften über ihre Rolle in der modernen Welt dienen. Ihre aktuelle Bedeutung zur Orientierung in komplexen Gesellschaften, ihre Aufklärungs- und Bildungsfunktion sowie ihre ethischen Grundlagen zu verantwortungsvollem Handeln in der Gesellschaft sind heute nach wie vor ungebrochen. Zweifelsohne zählt zu ihren wichtigsten Aufgaben, auch eine Theorie der Kultur, die bis heute weitgehend fehlt, zu entwickeln, die in Bündelung der verschiedenen methodischen Ansätze das grundsätzlich „Gemeinsame“ herausarbeitet und erklärt. Vorarbeiten dazu kommen aus verschiedenen Disziplinen, auch aus den Naturwissenschaften, es fehlt aber nach wie vor eine differenzierte Synthese. Verschulung und Marginalisierung sowie kanalisierte Wissensvermittlung sind Tendenzen, die diese wichtige Aufgabenstellung behindern und daher zu beseitigen wären.

Da die Geisteswissenschaften grenzüberschreitend, transdisziplinär und dialogisch ausgerichtet sind, kommt auch dem Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle zu. Dieser bedeutet nicht nur eine wechselseitige Bereicherung der beteiligten Disziplinen, sondern auch die Möglichkeit und Chance, neue Diskurse zu produzieren und damit auch neue Anwendungsbereiche bestehender Methoden und Theorien zu ermöglichen. In diesem Sinne hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit auch eine wichtige Aufklärungsfunktion, die die Innovationsfähigkeit und die Flexibilität des gesamten Wissenschaftsbetriebes im Verständnis eines offenen, demokratischen Systems garantieren könnte.

Die Geisteswissenschaften verstehen sich heute zunehmend auch als Kulturwissenschaften. Das traditionelle Konzept der Geisteswissenschaften, ein Kampfbegriff aus dem 19. Jahrhundert, der sich gegen die Naturwissenschaften richten sollte, ist heute in Zeiten des raschen kulturellen Wandels und globaler Veränderungen, die auch durch die Medien stark beeinflusst werden, nicht mehr ganz überzeugend. Heute haben sich vor allem zwei Ansätze in den Kulturwissenschaften entwickelt: ein praktisch orientierter in Richtung beruflicher Schlüsselqualifikationen und ein methodologisch-theoretischer, der von einem umfassenden Verständnis von Kultur ausgeht.

Den Naturwissenschaften stellt sich in unserer Gegenwart in ungebrochener Bedeutung die Frage nach den kulturellen Bedingungen von wissenschaftlicher Rationalität. Ob diese Entwicklung die Einheit der Wissenschaften wiederherstellt oder ihre Fragmentierung und Spezialisierung fördert, ist offen. Der schon im 19. Jahrhundert gezogene Graben zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften ist aber aus heutiger sich keineswegs unüberwindlich. Er verdeutlicht vielmehr ein noch intensiver zu erforschendes Untersuchungsfeld, das von beiden Wissenschaftsbereichen besser erschlossen werden müsste. Die Geisteswissenschaften bündeln ganz unterschiedliche Erkenntnismotive, Erkenntnisinteressen und methodische Ansätze und kritisieren die etwas einseitigen Sozialwissenschaften. In ihren Bemühungen, Anspruch auf Totalität zu erheben, stoßen sie allerdings an ihre Grenzen und werfen ähnliche Fragestellungen und Probleme auf, die wir auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen vorfinden.

Die „kulturwissenschaftliche Wende“ in vielen wissenschaftlichen Disziplinen vollzieht sich nicht nur durch administrative Vorgaben und verstärkte ökonomische Zwänge, sondern reagiert auch auf einen inneren Innovationsschub der Wissenschaften. Man sollte sich allerdings von den Kulturwissenschaften nicht die verloren gegangene Einheit erhoffen, zumal die disziplinären Einheiten schon vor vielen Jahrzehnten durch Anstöße von außen aufgebrochen wurden. Die dadurch stark zunehmende Internationalität ist nichts anderes als eine nachholende Normalisierung, die in den Naturwissenschaften schon längere Zeit als Standard gilt.

Wissenschaftliche Kultur

Zusehends werden die Geisteswissenschaften auch durch die neue Welt der Informationstechnologien beeinflusst und mitbestimmt. Der Computer ist nicht nur Hilfsmittel bei der Erstellung von Texten und der Suche nach Literatur, sondern ermöglicht auch neue Formen der wissenschaftlichen Arbeit und Kommunikation. Die Geistes- wie auch die Naturwissenschaften bewegen sich heute in einem gesellschaftlichen Raum, der von den neuen Informationstechnologien und Kommunikationsmitteln bestimmt wird. Daher müssen sie sich vor allem mit den technisierten Formen der Kommunikation auseinandersetzen und diese auch kritisch reflektieren. Trotz unterschiedlicher Theoriebildungen und Methoden (vereinzelt gibt es hier auch Gemeinsamkeiten) bilden die Natur- und Geisteswissenschaften eine gemeinsame wissenschaftliche Kultur, die sich besonders im interdisziplinären Dialog ausbildet. In diesem Zusammenhang von zwei Kulturen zu sprechen, stört die zweifelsohne vorhandenen Gemeinsamkeiten und ist auch sachlich nicht zutreffend, weil diese stärker sind als die Unterschiede.